Zum Inhalt springen

Epikur und Dankbarkeit: Was der Epikureismus über Wünsche lehrt

Junger Mann trinkt Kaffee beim Frühstück mit Brot, Obst und offenem Buch auf dem Tisch.

Epikur stellt in dieser Überlegung eine handfeste Form von Dankbarkeit vor: sich bewusst zu machen, dass vieles, was heute als selbstverständlich gilt, früher einmal ein bedeutender Wunsch war. Anstatt Ehrgeiz grundsätzlich zu verwerfen, warnt der Gedanke davor, dass die Jagd nach dem Fehlenden den Blick auf bereits Erreichtes, auf Freundschaften und auf die vorhandene Ruhe überdeckt.

Woher stammt der dem griechischen Philosophen zugeschriebene Satz?

Die Formulierung lässt sich in den Briefen an Lucilius in der Regel nicht direkt finden, auch wenn Seneca in mehreren Briefen epikureische Lehren aufgreift. Inhaltlich entspricht sie dem Vatikanischen Spruch 35, einer Maxime, die dazu rät, die Gegenwart nicht durch das Verlangen nach dem Abwesenden zu beschädigen.

Der griechische Philosoph und Begründer des Epikureismus wurde 341 v. Chr. geboren und gründete in Athen eine Schule, die als Der Garten bekannt wurde. Dort suchten seine Schüler nach einem Glück, das auf Gelassenheit, Nachdenken, Zusammenleben und dem Abbau unnötiger Ängste beruhte.

Was meint Epikur damit, nicht nach dem Fehlenden zu verlangen?

Der Satz verbietet keine neuen Ziele. Er richtet sich vielmehr gegen ein Begehren, das alles bereits Erreichte automatisch als unzureichend erscheinen lässt. Dankbarkeit holt die Erinnerung an den zurückgelegten Weg zurück und verhindert, dass ständiges Vergleichen die Zufriedenheit mit dem Jetzt zerstört.

  • Sich an frühere Ziele erinnern, die bereits erreicht wurden;
  • echte Bedürfnisse von Wünschen trennen, die durch Vergleiche entstehen;
  • die Menschen würdigen, die zu den Erfolgen beigetragen haben;
  • Mittel und Möglichkeiten wertschätzen, die heute gewöhnlich wirken;
  • neue Ziele anstreben, ohne die aktuelle Lage geringzuschätzen.

Warum hing Glück nicht vom Anhäufen von Besitz ab?

Aus Sicht des Epikureismus liegt das verlässlichste Vergnügen nicht im Übermass, sondern in der Abwesenheit von körperlichem Schmerz und seelischer Unruhe. Je stärker jemand sein Glück an Reichtum, Ansehen oder Konsum knüpft, desto mehr ist er der Angst ausgesetzt, das Erreichte erobern, sichern und immer weiter ausdehnen zu müssen.

Der Philosoph unterschied natürliche und notwendige Wünsche, die mit Nahrung, Schutz und Sicherheit zusammenhängen, von solchen, die kein klares Mass kennen – etwa Ruhm und Reichtum. Dankbarkeit hilft zu erkennen, wann „genug“ bereits erreicht ist, damit ein endloser Wille nicht den Platz der Gelassenheit einnimmt.

Der Epikureismus war keine Verteidigung von Luxus

Die moderne Bedeutung von „Epikureer“ lässt oft an teure Gelage und verfeinerte Genüsse denken, doch die Lehre setzte auf Mässigung, Gesundheit und Freundschaft. Das Vergnügen, das der Philosoph verteidigte, war das rechte Mass, das Ruhe ermöglicht – nicht eine Kette von Exzessen, die neue Abhängigkeiten erzeugt.

  • Ausreichende Ernährung, ohne Bedürfnis nach Zurschaustellung;
  • verlässliche Freunde, um das Leben zu teilen;
  • Freiheit gegenüber künstlich erzeugten Begierden;
  • Zeit für Nachdenken und bedeutungsvolle Gespräche;
  • Gelassenheit, aufgebaut durch einfache Gewohnheiten.

Wie lässt sich diese Dankbarkeits-Überlegung im Alltag anwenden?

Eine mögliche Übung ist, etwas zu betrachten, das heute ganz normal wirkt, und sich zu vergegenwärtigen, wann genau dies noch bloss eine Hoffnung war. Das kann eine Arbeit sein, eine Freundschaft, eine Wohnung, eine Fähigkeit oder eine Phase grösserer Stabilität. Dabei geht es nicht darum, Schwierigkeiten zu übersehen, sondern darum, die Aufmerksamkeit nicht ausschliesslich an das zu fesseln, was noch nicht eingetroffen ist.

Diese Haltung liegt nahe an Mark Aurels Überlegungen zu Gedanken und Glück, weil beide betonen, wie der Geist die Gegenwart deutet. In der vom Epikureismus befürworteten einfachen Lebensweise bedeutet Dankbarkeit nicht, mit dem Vorankommen aufzuhören, sondern zu verhindern, dass der nächste Wunsch das unsichtbar macht, was einst fern und kaum erreichbar schien.


Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen