Beobachtung vor Norwegen: ein Massaker in Zahlen
Mehr als 10 Millionen Capeline in einem dichten Schwarm wurden innerhalb nur weniger Stunden von Dorschen gefressen, die sich vor der Küste Norwegens sammelten – ein Ereignis, das als das bislang grösste je dokumentierte räuberische Massenschlachten beschrieben wird.
Damit wirkt das Sprichwort „Sicherheit in der Masse“ wie widerlegt: Aus Sicht von Forschenden des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA und des norwegischen Instituts für Meeresforschung könnte gerade die extreme Verdichtung der Fische die Räuber überhaupt erst angelockt haben.
„Es ist das erste Mal, dass man eine Räuber-Beute-Interaktion in dieser Grössenordnung sieht – ein zusammenhängender Kampf ums Überleben“, sagt der Ozeaningenieur Nicholas Makris vom MIT.
Neu ausgewertete Daten aus 2014 zeigten, dass sich bis zu 23 Millionen einzelne Capeline zu einem kompakten Verband zusammenzogen. Daraufhin formierten sich auch 2.5 Millionen räuberische Atlantische Dorsche (Gadus morhua) zu einem eigenen Schwarm – bereit, sich zu bedienen.
„Das passiert in einem monströsen Massstab, und wir sehen eine Welle von Capelin heranzoomen – wie eine Welle rund um ein Sportstadion – und sie rücken zusammen, um eine Art Verteidigung zu bilden“, erklärt Makris.
„Und ebenso geschieht es bei den Räubern, die sich sammeln, um koordiniert anzugreifen.“
Wie die Forschenden Dorsch und Capelin akustisch verfolgten
Makris beobachtete die Abläufe gemeinsam mit den MIT-Ingenieurinnen und -Ingenieuren Shourav Pednekar und Ankita Jain sowie dem Verhaltensökologen Olav Rune Godø vom Institut für Meeresforschung. Die Dynamik dieses Grossereignisses machten sie sichtbar, indem sie Schallwellen nutzten, die von den Schwimmblasen der Tiere zurückgeworfen wurden.
Dafür setzte das Team eine neuartige Methode der grossflächigen multispektralen Unterwasser-Akustiksensorik ein. Damit liessen sich artspezifische Frequenzen verfolgen, sodass die Forschenden das Zusammenspiel der Arten über ein Gebiet von Dutzenden Kilometern hinweg beobachten konnten.
„Dorsche haben grosse Schwimmblasen mit einer tiefen Resonanz, wie eine Glocke von Big Ben“, erläutert Makris. „Capelin dagegen besitzen winzige Schwimmblasen, die wie die höchsten Töne auf einem Klavier schwingen.“
Schwarmverhalten der Capeline – Vorteil mit eingebautem Risiko
Capeline (Mallotus villosus) schliessen sich jedes Jahr im Februar zu riesigen Schwärmen zusammen, um auf ihrer Wanderung von der Arktis nach Europa Energie zu sparen. Dieses Schwarmverhalten hilft ihnen, in den Strömungen der anderen mitzuschwimmen und als Kollektiv voranzukommen.
„Wenn sie dicht genug beieinander sind, können sie die durchschnittliche Geschwindigkeit und Richtung der anderen Fische übernehmen, die sie um sich herum wahrnehmen, und so einen riesigen, geschlossenen Schwarm bilden“, erklärt Makris.
Doch diese Strategie hat eine Kehrseite.
Warum solche Ereignisse bei schrumpfenden Beständen besonders folgenreich sind
Immerhin: Die sardellengrossen Capeline kommen insgesamt in Milliarden vor. Das aufgezeichnete Ereignis hätte daher höchstens etwa 0.2 Prozent der Population ausgelöscht. Dennoch wird das Verständnis von Räuber-Beute-Dynamiken wichtiger, weil die Bestände grosser Schwarmfischarten zurückgehen.
Derzeit sind schockierende 97 Prozent der wandernden Fischarten vom Aussterben bedroht – darunter auch wirtschaftlich und kulturell bedeutende Arten wie der Atlantische Lachs.
Die schallbasierte Bildgebung, die Pednekar und Kolleginnen und Kollegen einsetzten, könnte Forschenden helfen, Fischarten zu erkennen, die kurz vor einem Bestandszusammenbruch stehen.
„In unserer Arbeit sehen wir, dass natürliche, katastrophale Räuberereignisse das lokale Räuber-Beute-Gleichgewicht innerhalb weniger Stunden verschieben können“, sagt Makris.
„Für eine gesunde Population mit vielen räumlich verteilten Populationszentren oder ökologischen Brennpunkten ist das kein Problem. Aber wenn die Zahl dieser Brennpunkte durch klimatische und menschengemachte Belastungen sinkt, kann die Art von natürlichem ‚katastrophalem‘ Räuberereignis, die wir bei einer Schlüsselart beobachtet haben, dramatische Folgen für diese Art selbst – und für die vielen Arten, die von ihr abhängen – nach sich ziehen.“
Ähnliche Verfahren hat das Team bereits genutzt, um die Populationsdynamik von Dorschbeständen zu untersuchen, die ebenfalls abnehmen. Dabei fanden sie heraus: Sinkt ein Bestand unter die durchschnittliche Anzahl an Individuen in einem Schwarm, wird eine Erholung deutlich schwieriger.
Die Studie wurde in Nature Communications Biology veröffentlicht.
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