Vor fast 800.000 Jahren schlugen Homininen am Ufer eines Sees ihr Lager auf – in der Region, die heute als Jordantal bekannt ist. Dort fertigten sie grosse Werkzeuge an, deren Herstellung Planung und handwerkliches Können voraussetzte.
Die Funde machen deutlich, dass sie nicht einfach irgendeinen herumliegenden Stein verwendeten. Stattdessen suchten die Homininen gezielt bestimmte Basaltvorkommen auf und ordneten ausgewählte Gesteine bestimmten Werkzeugtypen zu – nach Mustern, die über Tausende von Jahren erstaunlich konstant blieben.
Eine neue Studie hat die geochemischen Fingerabdrücke von Steinwerkzeugen aus Gesher Benot Ya’aqov (GBY) bis zu ihren geologischen Ursprüngen zurückverfolgt, darunter auch Quellen, die heute tief unter der Oberfläche verborgen liegen.
Durchgeführt wurde die Arbeit von Dr. Tzahi Golan und Dr. Yoav Ben Dor vom Geological Survey of Israel. Mitautorin ist Professor Naama Goren-Inbar von der Hebräischen Universität Jerusalem, die GBY seit Jahrzehnten ausgräbt.
Ein bevorzugter Ort für Homininen
GBY zählt zu den fundreichsten Acheuléen-Fundstellen, die bislang dokumentiert wurden. Die Homininen kehrten immer wieder dorthin zurück und hinterliessen Steinwerkzeuge, Hinweise auf Feuer, zerlegte Tierknochen sowie Fischreste.
Die Fundstelle wird auf ungefähr 780.000 Jahre datiert und liegt an der Stelle, an der einst ein See existierte, der als Paläo-See Hula bekannt ist. Der See ist längst verschwunden, doch die von ihm abgelagerten Sedimente konservierten die archäologischen Spuren in ungewöhnlich hoher Auflösung.
Für grosse Schneidwerkzeuge – darunter Faustkeile und Hackmesser – nutzten sie vor allem Basalt.
Die Herstellung war weder rasch noch unkompliziert. Sie umfasste mehrere Schritte: Zunächst wurde eine geeignete Steinplatte ausgewählt, daraus ein Kern geformt, anschliessend grosse Abschläge abgetrennt und diese Abschläge schliesslich zu fertigen Werkzeugformen weiterbearbeitet.
Damit aus einem Rohgestein ein brauchbares Gerät wurde, mussten die Homininen vorausdenken und die Eigenschaften des Materials einschätzen.
Denn Gesteine unterscheiden sich in innerem Aufbau, Bruchverhalten und weiteren Merkmalen, die beim Formen eines Objekts, das schneiden soll, entscheidend sind.
Gesteine bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen
Das Team untersuchte die chemische Zusammensetzung von Artefakten aus mehreren archäologischen Schichten und setzte diese Daten in Beziehung zu Basaltproben aus Aufschlüssen in der Umgebung der Fundstelle.
Analysiert wurden Hauptbestandteile, Spurenelemente und Seltene Erden – eine chemische Detailtiefe, mit der sich einzelne Basaltströme mit angemessener Sicherheit voneinander unterscheiden lassen.
Zusätzlich nutzten die Forschenden Material aus einem Bohrloch, das direkt in GBY abgeteuft wurde. Diese Bohrung erschloss Basaltablagerungen, die heute weit unter der Oberfläche liegen.
Im Verlauf von Hunderttausenden von Jahren wurden diese Gesteine durch Störungsbewegungen, Erosion und die zunehmende Sedimentauflage unter dem Gelände verdeckt.
Das Jordantal ist geologisch dynamisch: Das Totes-Meer-Transformstörungssystem verläuft durch die Region, und die Landschaft, in der diese Homininen lebten, wurde seit ihrer Zeit immer wieder umgeformt.
Basaltströme, die damals als Rohstoffquelle dienten, könnten inzwischen tief abgesunken oder vollständig abgetragen sein. Die Bohrlochdaten halfen den Forschenden, eine frühere Geländeoberfläche zu rekonstruieren, die heute nicht mehr existiert.
Verschiedene Werkzeuge brauchten verschiedene Steine
Die Ergebnisse deuten auf mehr hin als nur auf die naheliegendste Beschaffung aus der unmittelbaren Umgebung. Riesige Kerne – die Ausgangsblöcke für die gesamte Produktionsabfolge – stammten überwiegend aus nahe gelegenen Quellen, darunter auch aus jenen Basaltströmen, die inzwischen unter Sedimenten verborgen sind.
Teilweise passten die Signaturen zu Aufschlüssen in einer Entfernung von etwa einem Kilometer (0,6 Meilen) zur Fundstelle.
Bei Hackmessern zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Deren geochemische Signaturen verwiesen auf Quellen, die unter den beprobten Aufschlüssen nicht vertreten waren.
Diese Differenz ist bedeutsam, weil Acheuléen-Werkzeugmacher in die Herstellung von Hackmessern mehr Aufwand investierten als in jedes andere Werkzeug ihres Repertoires.
Die Herkunftsdaten liefern eine zusätzliche Perspektive: Offenbar verlangten Hackmesser nicht nur mehr Arbeit, sondern auch eine ganz bestimmte Gesteinsqualität – und die Homininen wussten anscheinend, wo sie dieses geeignete Material finden konnten.
Praktisch betrachtet verstanden sie, dass bestimmte Aufgaben bestimmte Materialien erfordern, und sie nahmen Wege in Kauf, um diese Rohstoffe zu beschaffen.
Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde
Besonders auffällig ist die Regelmässigkeit dieser Entscheidungen. Die gleichen Beschaffungsmuster tauchen in mehreren archäologischen Horizonten auf, die durch Tausende von Jahren voneinander getrennt sind.
Es handelte sich also nicht um die einmalige Idee eines besonders findigen Individuums, das ein gutes Vorgehen entwickelte. Es war eine etablierte Tradition.
Das Muster spricht für detaillierte Ortskenntnis und dafür, dass man sehr genau wusste, welche Gesteine den Weg lohnten. Gleichzeitig weist es darauf hin, dass die Menschen einschätzen konnten, welche Materialien für welche Tätigkeiten am besten geeignet waren.
Über Jahrtausende blieb dieses Wissen erhalten und wurde von einer Generation an die nächste weitergegeben.
Hinweise auf sorgfältige Planung
Oft stellen wir uns frühe Homininen als reine Opportunisten vor, die das nutzen, was die Umwelt gerade anbietet.
Die vorliegende Forschung zeichnet ein anderes Bild: Sie verweist auf Wesen mit präziser praktischer Kenntnis ihrer Umgebung, die die Werkzeugproduktion über mehrere Arbeitsschritte hinweg vorausplanten.
Zudem verstanden sie die lokale Geologie offenbar gut genug, um für bestimmte Zwecke gezielt bestimmte Aufschlüsse aufzusuchen.
Und dieses Know-how war nicht auf eine einzelne Generation beschränkt. Hominine Eltern, Ältere und besonders geübte Werkzeugmacher gaben es über Generationen weiter – durch eine Form der Weitergabe, die wir bis heute nicht vollständig verstehen.
Der See, an dessen Ufer sie lagerten, existiert nicht mehr. Einige der Basaltströme, aus denen sie Rohmaterial gewannen, liegen heute unter dem Talboden begraben.
Doch das Muster ihrer Entscheidungen – welches Gestein, für welches Werkzeug, aus welchem Gebiet – blieb lange genug erhalten, dass Forschende es fast eine Million Jahre später rekonstruieren können.
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