Wie würden Sie reagieren, wenn plötzlich ein riesiger fossiler Schädel aus dem Boden herauswittert – und kein Lehrbuch bereitliegt, das erklärt, was Sie da sehen?
Eine etwa 200 Jahre alte Felsmalerei der San in Südafrika könnte eine mögliche Antwort bewahren. In der Szene fällt vor allem eine merkwürdige Gestalt auf: ein langgestreckter Körper, gefleckte Haut und etwas, das wie zwei grosse, nach unten gerichtete Stosszähne wirkt.
Julien Benoit vom Evolutionary Studies Institute der University of the Witwatersrand vertrat 2024 die These, das Motiv könne durch einen Dicynodonten angeregt worden sein – ein Tier, das vor rund 200 Millionen Jahren ausstarb.
Sollte das zutreffen, hätten indigene Künstlerinnen und Künstler ein ausgestorbenes Lebewesen rekonstruiert, noch bevor westliche Wissenschaftler 1845 den ersten Dicynodonten formell beschrieben.
Eine begutachtete Gegenposition, veröffentlicht im Juli 2026, hält die Indizien jedoch für zu schwach, um diese Schlussfolgerung zu tragen.
Dicynodont auf den Felsen gemalt?
Die Figur findet sich auf der Tafel der „Gehörnten Schlange“, einer langen Felskunst-Szene in einem Sandsteinunterstand in der südafrikanischen Provinz Free State.
An der Wand drängen sich menschliche Gestalten, Tiere, Schlangen und weitere Formen. Das umstrittene Wesen sticht heraus, weil kein heute in der Region vorkommendes Tier zu den vermeintlich nach unten zeigenden Stosszähnen passt.
Die Tafel wird von Forschenden auf die Zeit zwischen 1821 und 1835 datiert – möglicherweise auch früher. Diese Einordnung stützt sich auf den Vergleich nahe gemalter Krieger mit bekannten historischen Ereignissen.
Dabei handelt es sich um eine indirekte Datierung, nicht um eine Laborbestimmung der Pigmente. Zudem setzt sie voraus, dass die Krieger und das ungewöhnliche Tier im selben Zeitraum gemalt wurden.
Was war ein Dicynodont?
Dicynodonten waren pflanzenfressende Therapsiden, also Vertreter eines uralten Astes im grossen Stammbaum, aus dem später auch die Säugetiere hervorgingen. Dinosaurier waren sie nicht.
Viele besassen tonnenförmige Körper, schnabelartige Mäuler und ein Paar auffälliger oberer Stosszähne.
Sie lebten ungefähr von vor 265 Millionen bis vor 200 Millionen Jahren, und ihre Körpergrösse variierte stark: Einige waren kaum grösser als kleine Nagetiere, andere kamen in die Nähe der Masse eines Nashorns.
Besonders häufig sind ihre Fossilien im Karoo-Becken in Südafrika, wo Erosion Knochen und Schädel an der Oberfläche freilegen kann.
Warum die Fossil-Idee plausibel wirkte
Der Forscher besuchte den Unterstand, fotografierte die Originalmalerei und untersuchte das umliegende Gelände.
Er meldete nicht näher bestimmte Fossilfragmente von vierbeinigen Tieren in losem Gestein und im anstehenden Fels – rund 50 Meter nördlich der Tafel.
Diese Stücke wurden nicht als Dicynodontenreste identifiziert. Dennoch liegen fossilreiche Schichten, in denen Dicynodonten vorkommen, in einem Umkreis von etwa 10 bis 13 Kilometern.
Auch mehrere Merkmale der Darstellung selbst führten zur Gegenüberstellung.
Die mutmasslichen Stosszähne wirken nach unten geneigt, ein elefantenartiger Rüssel fehlt, und der gebogene Rücken erinnert an die gekrümmte Haltung, die bei Fossilskeletten manchmal zu sehen ist.
Sogar die Flecken am Körper könnten – so die Überlegung – die raue, knubbelige Anmutung verwitterter fossiler Haut widerspiegeln, auch wenn diese Deutung spekulativ bleibt.
Darüber hinaus gibt es allgemeinere Hinweise darauf, dass San-Gemeinschaften Fossilien bemerkten und auch handhabten.
Archäologische Arbeiten dokumentierten etwa einen alten Dinosaurierknochen, der gezielt in einen Felsunterstand getragen wurde. Andere Forschung nahm zudem an, dass einige indigene Bildmotive fossile Trittsiegel darstellen könnten.
Das macht ein Bewusstsein für Fossilien durchaus wahrscheinlich – belegt aber noch nicht, was die konkrete Künstlerin oder der konkrete Künstler mit genau dieser Figur ausdrücken wollte.
Die Erklärung über Regen-Tiere
Ebenso gut könnte das Wesen in eine bekannte spirituelle Tradition der San gehören. Sogenannte Regen-Tiere galten als machtvolle Wesen, verbunden mit Wasser, Unwettern und Zeremonien, die Regen herbeiführen sollten.
In der Malerei konnten solche Figuren Merkmale mehrerer realer Tiere vereinen, statt eine einzelne Art naturgetreu abzubilden.
Ein 1905 veröffentlichter Bericht schilderte San-Erzählungen über gewaltige Tiere, die in der damaligen Landschaft nicht mehr vorkamen.
Die Studie von 2024 vermutete, dass freiliegende fossile Schädel solche Geschichten mitgeprägt und den Kunstschaffenden ein physisches „Modell“ für ein mythisches Wesen geliefert haben könnten.
Praktisch betrachtet könnte die Darstellung damit zugleich ein heiliges Regen-Tier und eine durch Knochen inspirierte Rekonstruktion gewesen sein.
Der Autor der Studie betonte diesen Punkt ausdrücklich: „Though we don’t know for sure, there’s a chance that the San considered fossils to have magical potency,“ schrieb er. Anders gesagt: Spirituelle Kunst könnte durchaus aus genauer Beobachtung des Bodens heraus entstehen.
Neuere Kritik stellt die Behauptung infrage
Der Felskunst-Forscher David Witelson argumentierte in einem begutachteten Artikel vom 24. Juli 2026, dass die Tafel keinen überzeugenden Nachweis für eine Dicynodonten-Rekonstruktion liefere.
Seiner Einschätzung nach reichen die herangezogenen Hinweise aus Felskunst und Mythologie nicht aus; robustere Methoden seien nötig, bevor eine solche Folgerung Bestand haben könne.
In einer früheren, ausführlichen Kritik lag sein Hauptwiderspruch in der visuellen Interpretation. Die vermeintlichen Stosszähne könnten demnach eine separate, auf den Kopf gestellte U-förmige Markierung unterhalb des Kinns sein – und nicht Zähne, die direkt zum Maul gehören.
Ausserdem führte er an, dass Verwitterung und digitale Bildnachbearbeitung die Spuren verbundener erscheinen lassen könnten, als sie am Originalgestein tatsächlich wirken.
Die Einwände bedeuten nicht, dass San-Menschen Fossilien grundsätzlich nicht wahrgenommen hätten.
Sie besagen vielmehr, dass sich fossiles Wissen aus dieser einen Darstellung nicht belegen lässt – besonders solange die nahe gefundenen Knochenfragmente unbestimmt bleiben und es keine direkte Datierung der Malerei gibt.
Das ist eine engere Aussage, aber eine bedeutsame.
Was die Malerei tatsächlich belegen kann
Vorerst sollte die Figur auf der Tafel der „Gehörnten Schlange“ als offene Frage behandelt werden.
Die Fossil-Deutung passt zur Karoo-Umgebung und zu einigen Details der Gestalt. Die Regen-Tier-Deutung passt zur kulturellen Einbettung und kann die Figur erklären, ohne ein prähistorisches Vorbild vorauszusetzen.
Aus der erhaltenen Farbe allein lässt sich keine der beiden Lesarten bestätigen.
Hilfreich wären bessere Nahbereichsaufnahmen, eine sorgfältige Analyse der Farbschichten und – wo Denkmalschutzauflagen es zulassen – eine direkte Datierung.
Ausserdem würde die Suche nach vergleichbaren Figuren in der Nähe bekannter Fossilfundstellen weiterhelfen. Ein einzelnes Bild kann eine Debatte anstossen; erst ein Muster an Belegen könnte sie entscheiden.
Unabhängig vom Endergebnis zeigt die Tafel, warum sich alte Kunst weder allein durch Geologie noch allein durch Mythologie „lesen“ lässt.
Sie liegt im Schnittpunkt von Landschaft, Ritual, Erinnerung und genauer Beobachtung. Vorläufig bewahrt das Wesen an der Wand sein Geheimnis.
Die vollständige Studie wurde in PLOS ONE veröffentlicht.
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