Menschen verbringen laut einer weltweiten Studie inzwischen im Durchschnitt 10,7 Jahre in schlechter Gesundheit.
Dieser Wert lag 1990 noch bei 8,8 Jahren. In 203 von 204 Ländern stieg die Lebenserwartung schneller als die gesunde Lebenserwartung.
Die zusätzlich gewonnenen Jahre sind damit immer häufiger Jahre mit Krankheit und Einschränkungen statt Jahre in guter Verfassung.
Die grössten Abstände finden sich in den wohlhabendsten Ländern, in denen die Menschen am längsten leben. Fast überall verlieren Frauen mehr gesunde Jahre als Männer.
Eine Prognose von 1980 auf dem Prüfstand
Bereits 1980 stellte der Arzt James Fries eine selbstbewusste These zum Altern auf.
Mit dem Fortschritt der Medizin, so seine Argumentation, würden schwere Erkrankungen in ein kurzes Zeitfenster unmittelbar vor dem Tod gedrängt. In seiner Arbeit nannte er das „Kompression der Morbidität“.
46 Jahre später liefert der bislang umfangreichste Test dieser Idee allerdings das gegenteilige Ergebnis.
Forschende ermittelten die Differenz in 204 Ländern und Gebieten, indem sie der Frage nachgingen, wie lange Menschen insgesamt leben – und wie lange sie davon gesund bleiben.
Diese Differenz bezeichnen sie als Morbiditätslücke. Die Untersuchung stammt vom Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in Seattle; dessen Direktor Dr. Christopher Murray ist der leitende Autor.
Die Rechnung dahinter ist unkompliziert: Von der Lebenserwartung bei der Geburt wird die gesunde Lebenserwartung abgezogen. Letztere umfasst nur die Jahre ohne bedeutsame Krankheit oder Behinderung.
Wohin die zusätzlichen Jahre gingen
Zwischen 1990 und 2023 stieg die weltweite Lebenserwartung bei der Geburt von 64,6 auf 73,8 Jahre. Auch die gesunde Lebenserwartung nahm zu – von 55,9 auf 63,1 Jahre.
Unterm Strich gewann die Welt damit rund neun Lebensjahre, aber nur etwa sieben Jahre in guter Gesundheit. Etwa zwei Jahre landeten als Rest in der Lücke.
Umgerechnet bedeutet das: Nahezu 15 % eines durchschnittlichen Lebens werden heute in schlechter Gesundheit verbracht. 1990 waren es weniger als 14 %.
Auffällig ist zudem, wann im Lebensverlauf diese ungesunden Jahre auftreten. Die Lücke konzentriert sich nicht nur auf die allerletzte Phase.
Stattdessen weitete sie sich über das gesamte Erwachsenenalter aus.
Es geht also nicht lediglich um eine längere Zeit der Gebrechlichkeit am Lebensende. Das Muster deutet darauf hin, dass Menschen Krankheiten und Behinderungen über mehr Jahre ihres Arbeits- und Familienlebens mit sich tragen.
COVID-19 unterbrach die Entwicklung, kehrte sie aber nicht um: Während der Pandemie sanken beide Kennzahlen, danach setzten sie ihren vorherigen Verlauf fort.
Länder mit den grössten Lücken
Ausgerechnet dort, wo Menschen besonders lange leben, verbringen sie zugleich die meisten Jahre in schlechter Gesundheit.
2023 verzeichneten die Vereinigten Staaten mit 14 Jahren die grösste nationale Lücke. Es folgten Australien mit 13,9 Jahren und Kanada mit 13,7 Jahren.
Auch auf regionaler Ebene zeigt sich derselbe Zusammenhang. In der Gruppe der Hochlohnländer lag die Lücke bei 12,7 Jahren. In Subsahara-Afrika betrug sie 9,0 Jahre und war damit die kleinste unter den sieben Weltregionen.
Wohlstand allein dürfte dabei kaum die Ursache sein. Leistungsfähige Gesundheitssysteme halten Menschen mit Erkrankungen am Leben, die früher schnell tödlich verliefen. Wer etwa einen Schlaganfall oder eine Krebsdiagnose überlebt, lebt häufig noch jahrelang mit den Folgen.
Zu einer sehr ähnlichen Schlussfolgerung kam bereits eine frühere Untersuchung in 183 Ländern, die auf anderen Daten basierte. Dort wurde die globale Lücke auf 9,6 Jahre beziffert – und auch hier standen die Vereinigten Staaten an der Spitze.
Frauen verlieren mehr gesunde Jahre
Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist deutlich und bleibt über Länder hinweg bemerkenswert stabil. 2023 verbrachten Frauen im Mittel 12,1 Jahre in schlechter Gesundheit, Männer dagegen 9,3 Jahre.
In jeder untersuchten Region lebten Frauen länger als Männer. Gleichzeitig verbrachten sie in jeder Region mehr Jahre in schlechter Gesundheit – unabhängig vom jeweiligen Entwicklungsstand eines Landes.
„Frauen leben fast überall auf der Welt länger als Männer, aber sie verbringen auch mehr dieser zusätzlichen Jahre in schlechter Gesundheit“, sagte Catherine Bisignano, leitende wissenschaftliche Autorin am IHME und Mitautorin der Studie.
Demografen beobachten dieses Muster seit Jahrzehnten. Eine aktuelle Auswertung von 24 Ländern warnte zudem, dass einfache Geschlechtervergleiche die Lage verschleiern können.
Denn die Überschrift „Lücke“ vermischt den Überlebensvorteil von Frauen mit ihrer höheren Belastung durch Behinderung.
Erkrankungen, die den Trend antreiben
Mehr als die Hälfte der weltweit in schlechter Gesundheit verbrachten Jahre geht auf eine relativ kleine Gruppe von Erkrankungen zurück – und fast keine davon ist typischerweise tödlich.
An erster Stelle stehen Erkrankungen von Knochen, Gelenken und Muskeln; Rückenschmerzen sind dabei der grösste Einzelbeitrag.
Danach folgen psychische Erkrankungen, vor allem Depressionen und Angststörungen. Es schliessen sich Sinnesstörungen an, angeführt von altersbedingter Schwerhörigkeit, sowie Stürze und andere unbeabsichtigte Verletzungen.
Diese Leiden tauchen selten auf Totenscheinen auf. Sie nehmen eher Funktionsfähigkeit als Lebensjahre.
Die zugrunde liegenden Risikofaktoren sind weitgehend bekannt. Weltweit führten hohe Blutzuckerwerte, zu hohes Körpergewicht, Tabakkonsum und Mangelernährung in der Kindheit die Liste an.
Je nach Einkommensniveau verschiebt sich das Profil. In Subsahara-Afrika und anderen Niedrigeinkommensregionen stand Mangelernährung bei Kindern und Müttern an erster Stelle. Auch Luftverschmutzung gehörte dort zu den fünf wichtigsten Faktoren.
Dem Leben Jahre mit Gesundheit hinzufügen
Für eine seit Jahrzehnten diskutierte Frage liefert das Forschungsfeld nun eine klare Antwort.
Krankheit hat sich nicht in die letzten Lebensjahre „zusammengedrängt“. Über 33 Jahre hinweg hat sie sich in fast allen Ländern über mehr Abschnitte des Erwachsenenlebens ausgebreitet.
Für die in guter Gesundheit verbrachten Jahre nutzen Forschende einen eigenen Begriff. Sie sprechen von der „Gesundheitsspanne“, und die Studie plädiert dafür, diese Kennzahl neben der Lebenserwartung in nationale Übersichten aufzunehmen.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass künftige Verbesserungen der Gesundheit der Bevölkerung nicht nur daraus entstehen werden, dass Menschen länger leben, sondern daraus, dass sie gesünder leben“, sagte Murray.
Die praktische Folge betrifft Gesundheitssysteme, die vor allem auf die Vermeidung von Tod ausgerichtet sind. Rehabilitation, psychische Gesundheitsversorgung und Hörversorgung stehen in vielen Systemen eher am Rand – ebenso wie die langfristige Betreuung chronischer Erkrankungen.
Würden diese Angebote stärker ins Zentrum rücken, erhöhte das nicht ein einziges Jahr der Lebenserwartung. Aber es würde verändern, wie sich diese Jahre anfühlen.
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