Die alten Ägypter gingen mit einem ihrer wichtigsten Götter auf bemerkenswert ungewöhnliche Weise um: Thoth erhielt gleich zwei völlig verschiedene Tiergestalten – einen Vogel und einen Primaten –, obwohl fast alle anderen Gottheiten ihres Pantheons bei nur einer Tierform blieben.
Neue Forschung deutet darauf hin, dass dahinter weder Mythos noch reine Metapher steckte. Ausschlaggebend war vielmehr etwas, das sich tatsächlich messen lässt: Farbe – genauer ein Farbton, der dem Mondlicht fast perfekt entspricht.
Geleitet wurde die Studie von Forschenden der Universität St Andrews und des Dartmouth College.
Im Mittelpunkt steht Thoth, der ägyptische Gott der Weisheit, der Schrift, der Magie und des Mondes. In der altägyptischen Kunst erscheint er sowohl als Heiliger Ibis als auch als Mantelpavian (Hamadryas-Pavian).
Ein Gott, zwei Tiere
Für die meisten ägyptischen Götter gab es genau ein Tier als Symbol. Dass Thoth gleich zwei bekam, gilt Forschenden seit Langem als hartnäckiges Rätsel.
Beim Ibis fiel eine Deutung vergleichsweise leicht: Der gebogene Schnabel erinnert an eine Mondsichel, und das schwarz-weisse Gefieder wirkte wie eine naheliegende visuelle Entsprechung.
Beim Pavian war das anders. An ihm schien zunächst nichts eindeutig „mondhaft“ zu sein – zumindest nichts, worauf sich die Forschung überzeugend festlegen konnte.
Ein Teil der Erklärung kam über die Sprachwissenschaft. Frühere Arbeiten führten Thoths ägyptischen Namen auf alte nordafrikanische Wörter zurück, die „hell“ oder „weisses Ding“ bedeuten. Das passt gut zum Ibis, dessen Gefieder auffällig weiss leuchtet.
Pavianfell dagegen wirkt auf den ersten Blick nicht wirklich weiss – und damit blieb die Verbindung zwischen diesem Tier und dem Mond lange ungeklärt.
Die Farbe von Mondlicht messbar machen
Um über Vermutungen hinauszukommen, nutzte das Team Spektroskopie – ein Verfahren, das die konkreten Lichtfrequenzen erfasst, die von einer Oberfläche reflektiert werden. Statt auf subjektive Eindrücke zu setzen, lässt sich so objektiv bestimmen, welche Farbe etwas hat.
Das ist entscheidend, weil die menschliche Farbwahrnehmung bekanntermassen unsicher ist und sich zudem je nach kulturellem Kontext verschieben kann.
Untersucht wurden zwölf Pavianpräparate aus dem American Museum of Natural History in New York. Die Forschenden verglichen das von ihrem Fell reflektierte Licht sowie das von Federn des Heiligen Ibis mit dem tatsächlichen Lichtspektrum von Mondlicht.
Das Ergebnis war auffällig: Sowohl das silbrig-graue Haar des Mantelpavians als auch das weisse Ibisgefieder zeigten Spektralsignaturen, die vom Mondlicht praktisch nicht zu unterscheiden waren.
Ein Hinweis, der alles veränderte
Zusätzlich prüfte das Team den Steppenpavian (Olivenpavian), eine weitere Art, die den alten Ägyptern nachweislich bekannt war. Dessen Fell passte überhaupt nicht zum Mondlicht.
Damit wird wahrscheinlicher, dass die Wahl des Mantelpavians als Darstellung Thoths nicht zufällig war. Offenbar entschied man sich nicht einfach für den nächstbesten Primaten, sondern gezielt für eine ganz bestimmte Art – anscheinend wegen der Art, wie ihr Fell Licht zurückwirft.
Die Erstautorin Catherine Hobaiter, Primatologin an der School of Psychology and Neuroscience der Universität St Andrews, beschrieb, wie bewusst diese Auswahl wirkt.
„Warum würden zwei so unterschiedliche Tiere verwendet, um eine Gottheit darzustellen? Die meisten anderen ägyptischen Gottheiten werden durch nur eine Tierart repräsentiert.“
„Den alten Ägyptern waren mindestens drei Ibisarten bekannt, aber sie wählten die weisse, um Thoth zu verkörpern. Sie kannten auch zwei Pavianarten sowie Grünmeerkatzen und Husarenaffen, entschieden sich aber erneut für die silbrig-weisse Art.“
So verschieden Heiliger Ibis und Mantelpavian auch sind: Ein Merkmal verbindet sie besonders deutlich – ihre mondähnliche Färbung.
Ägyptens ungewöhnliche Pavianverehrung
Dieser Befund liefert zugleich einen Ansatz für ein weiteres, lange diskutiertes Problem der Anthropologie. In weiten Teilen Afrikas – früher wie heute – gelten Paviane selten als geschätzte Tiere.
Sie plündern Felder, verursachen spürbare Schäden, und dieser Konflikt hat über Generationen geprägt, wie Menschen über sie denken.
Das alte Ägypten durchbrach dieses Muster fast vollständig: Paviane wurden nicht nur toleriert, sondern als göttlich verehrt.
Das ist wirklich ungewöhnlich und schwer zu erklären – nicht zuletzt, weil vieles von dem, was wir über das Leben im alten Ägypten wissen, aus materiellen Hinterlassenschaften wie Gräbern, Keramik und Inschriften stammt.
Gelegenheiten, einen Eindruck davon zu gewinnen, wie die alten Ägypter ihre Umwelt wahrnahmen (und nicht nur, was sie bauten oder aufschrieben), sind selten.
Was die Ägypter tatsächlich wahrnahmen
Indem die Studie dieses Rätsel an etwas physisch Messbares bindet, statt es bei Spekulationen zu belassen, eröffnet sie einen kleinen, aber echten Einblick in die Wahrnehmung im alten Ägypten.
Wer auch immer zuerst den Mantelpavian mit Thoth verband, scheint auf eine reale, beobachtbare Ähnlichkeit reagiert zu haben – eine, die moderne Instrumente heute Jahrhunderte später bestätigen können.
Damit ist es ein seltener Fall, in dem die Evidenz nicht nur zeigt, was die alten Ägypter glaubten, sondern auch andeutet, wie sie die Welt tatsächlich sahen.
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