Ältere Erwachsene, die über drei Jahre hinweg täglich ein Multivitamin einnahmen, berichteten im Verlauf über weniger körperliche Beschwerden und über geringere Einschränkungen bei alltäglichen Tätigkeiten.
Nach drei Jahren gaben sie im Vergleich zu Personen mit Placebo seltener Erschöpfung und Atemnot an. Zudem berichteten sie von weniger Problemen bei Aufgaben wie Ankleiden oder Treppensteigen.
Große Studien zu Nahrungsergänzungsmitteln drehen sich häufig um die Frage, ob eine Tablette Krebs oder einen Herzinfarkt verhindern kann. In dieser Auswertung ging es stattdessen darum, ob Menschen weiterhin ihre Treppen, das Duschen und Haushaltsaufgaben selbst bewältigen können.
Genau diese Fähigkeit entscheidet oft darüber, ob ältere Menschen weiterhin eigenständig leben.
Fokus auf funktionelle Gesundheit
Geleitet wurde die Analyse von Bayu B. Bekele, Postdoktorand am Medical College of Georgia der Augusta University (MCG), in Zusammenarbeit mit Professor Yanbin Dong.
Die Forschenden wollten dabei „funktionelle Gesundheit“ abbilden – also, wie sich jemand im Alltag fühlt und was der Körper im täglichen Leben noch zulässt.
„Was diese Arbeit einzigartig macht, ist unser Fokus auf die funktionelle Gesundheit – darauf, wie sich Menschen tatsächlich fühlen und wie sie in ihrem Alltag funktionieren“, sagte Bekele.
Krankheitsendpunkte lassen sich vergleichsweise einfach erfassen: Ein Herzinfarkt tritt ein – oder eben nicht.
Beschwerden und Einschränkungen im Alltag sind dagegen schwieriger zu messen, treten aber häufig früher in den Vordergrund – weil Betroffene sie zuerst wahrnehmen.
Was der Fragebogen erfasst hat
Das Team nutzte einen Fragebogen, der ursprünglich für Patientinnen und Patienten mit Herzproblemen entwickelt wurde: den Kansas-City-Kardiomyopathie-Fragebogen.
Abgefragt wurde, wie häufig Atemnot, Müdigkeit sowie Schwellungen an den Füßen auftraten und wie sehr diese Symptome belasteten.
Anschließend ging es darum, wie stark diese Beschwerden bei gewöhnlichen Aktivitäten behinderten. Genannt wurden unter anderem Ankleiden, Duschen, Gehen, das Hinaufsteigen einer Treppe, Eile, sowie Hausarbeiten.
Ein klares Muster zeigt sich
Nach drei Jahren lagen die berichteten Werte der Multivitamin-Gruppe über denen der Placebo-Gruppe.
Am deutlichsten war der Abstand bei der Symptomlast – einem Maß, das sowohl die Häufigkeit der Beschwerden als auch deren Belastung zusammenfasst.
Auch ein zusammenfassender Wert, der Symptome und körperliche Leistungsfähigkeit mittelt, fiel zugunsten des Multivitamins aus.
Dabei handelt es sich um Selbstauskünfte und nicht um Labor- oder Leistungstests. Es wurde weder die Gehgeschwindigkeit gemessen noch die Griffkraft geprüft.
Die Punktwerte spiegeln damit wider, wie die Teilnehmenden über drei Jahre hinweg beschrieben, wie sich ihr Körper im Alltag verhielt.
„Diese Vorteile könnten besonders relevant für Personen sein, die unter Müdigkeit, Atemnot oder Schwellungen in den Füßen leiden – Beschwerden, die die tägliche Funktionsfähigkeit einschränken können“, sagte Bekele.
Einblick in eine sehr große Studie
Die Daten stammen aus COSMOS (Studie zu Kakao-Supplementen und Multivitamin-Ergebnissen). Bekele griff dafür auf Angaben von mehr als 16.000 Teilnehmenden zurück, die alle mindestens 60 Jahre alt waren.
Jede Person wurde zufällig einer von vier Gruppen zugeteilt: tägliches Multivitamin, täglicher Kakaoextrakt, beides oder keines von beiden. Die Teilnehmenden wussten nicht, welche Präparate sie jeweils einnahmen.
COSMOS war ursprünglich für eine andere Hauptfrage konzipiert. In der zentralen Veröffentlichung wurde berichtet, dass das Multivitamin invasiven Krebs – den vorgesehenen Hauptendpunkt – nicht senkte.
Beim Kakaoextrakt blieben die Werte zur funktionellen Gesundheit in der Gesamtgruppe unverändert. Profit zeigte sich jedoch in einer Teilgruppe: bei Personen, die bereits eine kongestive Herzinsuffizienz hatten.
Nährstofflücken schließen, um das Gedächtnis zu stützen
Die Forschenden diskutieren mehrere mögliche Erklärungswege. Das Ausgleichen von Nährstofflücken könnte dazu beitragen, Gedächtnis und Denkfähigkeit zu erhalten, und zugleich Durchblutung sowie körperliche Ausdauer zu unterstützen.
Für den ersten Ansatz gibt es bereits Hinweise aus früheren Arbeiten: Eine frühere COSMOS-Auswertung ergab, dass ein tägliches Multivitamin das Gedächtnis bei mehr als 3.500 älteren Erwachsenen verbesserte. Dieser Vorteil blieb über drei Jahre Testung hinweg bestehen.
Keine dieser möglichen Mechanismen wurde in der aktuellen Auswertung direkt gemessen. Es handelt sich um die Interpretation des Ergebnisses durch die Forschenden – nicht um etwas, das mit den vorliegenden Daten unmittelbar überprüft wurde.
Bedeutung für den Alltag
Die Effekte fielen moderat aus, und die Arbeit hat bislang noch keine Begutachtung durch Fachkolleginnen und -kollegen in einer Fachzeitschrift durchlaufen. Konferenz-Abstracts werden zwar von Expertinnen und Experten geprüft, die Hürde ist jedoch niedriger als bei einer Journalpublikation.
Trotzdem können auch kleine Veränderungen bei Symptomen über Konkretes im Leben entscheiden. Atemnot auf der Treppe ist häufig der Punkt, an dem ein Haus mit zwei Stockwerken zur Herausforderung wird.
„Für ältere Erwachsene deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass ein tägliches Multivitamin eine hilfreiche, risikoarme Ergänzung zu einem gesunden Lebensstil sein könnte, um das körperliche Wohlbefinden im Alter zu unterstützen – auch wenn es keinen Ersatz für gute Ernährung oder Bewegung darstellt“, sagte Bekele.
Dasselbe Forschungsteam hat die Fragestellung außerdem aus einer weiteren Perspektive untersucht.
In einer separaten COSMOS-Analyse, die im März veröffentlicht wurde, wurde berichtet, dass zwei Jahre Multivitamin-Einnahme zwei DNA-basierte Messgrößen des biologischen Alterns um einige Monate verlangsamten.
Mehr als reine Krankheitsprävention
Die großen Multivitamin-Studien haben bislang meist eine Kernfrage beantwortet: ob die Präparate schwere Erkrankungen verhindern. Beim Thema Krebs lautete die Antwort überwiegend nein.
Neu ist hier vor allem die Verbindung zwischen demselben Präparat und der Art, wie Menschen ihren Alltag bewältigen. Nach drei Jahren berichteten Multivitamin-Nutzende weniger Beschwerden und weniger Einschränkungen als die Placebo-Gruppe.
Das liefert Studienplanenden einen Anlass, neben Krankheitsereignissen auch systematisch Symptome und Funktionsdaten zu erheben.
Die Ergebnisse sprechen nicht dafür, dass Multivitamine eine gesunde Ernährung und Bewegung ersetzen.
Vielmehr lenken sie den Blick auf eine andere Frage: ob ein einfaches, günstiges Supplement älteren Menschen helfen kann, etwas länger aktiv und selbstständig zu bleiben.
Künftige Studien mit objektiven körperlichen Tests werden klären, in welchem Ausmaß die berichtete Verbesserung messbare gesundheitliche Veränderungen widerspiegelt.
Bekele wird die Ergebnisse am 27. Juli 2026 auf der Konferenz ERNÄHRUNG 2026 in National Harbor, Maryland, vorstellen. Das Treffen ist die jährliche Zusammenkunft der Amerikanischen Gesellschaft für Ernährungswissenschaft (ASN).
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