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Neue Studie von Chris Dawson und David de Meza: Warum Überkonfidenz in der Evolution bestehen bleibt

Junger Wissenschaftler in weißem Kittel zeigt auf virtuelle Grafiken, während Publikum im Hintergrund zuhört.

Menschen schätzen ihre eigenen Fähigkeiten häufig zu hoch ein – selbst dann, wenn fehlgeleitetes Selbstvertrauen zu schlechten Entscheidungen führen kann.

Daraus ergibt sich ein evolutionsbiologisches Rätsel: Wenn Überkonfidenz Nachteile verursacht, weshalb ist sie dann dennoch so weit verbreitet geblieben?

Ein neues Fachpapier von Professor Chris Dawson von der School of Management der University of Bath legt nahe, dass ausgerechnet diese Nachteile ein zentraler Teil der Erklärung sein könnten.

Professor David de Meza von der London School of Economics and Political Science (LSE) hat die Arbeit mitverfasst. Gemeinsam vertreten die Autoren die These, dass Überkonfidenz auf verborgene Fähigkeiten hinweisen kann.

Überkonfidenz kann zu Fehlern führen

Wäre es ohne jeden Preis möglich, unbegrenzt hohe Kompetenz zu behaupten, hätten selbstsichere Aussagen kaum Aussagekraft – denn dann könnte sie schlicht jeder jederzeit machen.

Übersteigerte Selbstsicherheit führt allerdings zu Fehlentscheidungen. Die Autoren argumentieren, dass solche Fehler für Personen mit höherer tatsächlicher Grundfähigkeit in der Regel weniger schwerwiegend ausfallen.

„Überkonfidenz ist auffallend häufig und oft kostspielig“, sagte Dawson. „Sie trägt zu gescheiterten Unternehmen, übermäßiger Risikobereitschaft und schlechten Entscheidungen bei.“

„Aber das eigentliche Rätsel ist, warum die Evolution sie nicht beseitigt hat. Unsere Forschung deutet darauf hin, dass genau diese Kosten sie nützlich machen.“

Höhere Fähigkeit macht Selbstvertrauen glaubwürdig

„Wenn Überkonfidenz keinerlei Kosten verursachen würde, könnte jeder seine eigenen Behauptungen einfach maximal aufblasen, und Selbstüberzeugung würde bedeutungslos“, sagte Dawson. „Glaubwürdig bleibt sie, weil überhöhte Selbstbilder für Fähigere weniger teuer sind.“

Die Autoren bezeichnen dieses Prinzip als kostspieliges Signalisieren: Ein sichtbar gezeigtes Merkmal transportiert Information, weil unterschiedliche Menschen unterschiedlich viel dafür bezahlen, es zu zeigen.

Zur Veranschaulichung ziehen sie den Pfauenschwanz heran – eine Last für das Tier, die dennoch etwas über den Träger aussagen kann.

Selbstvertrauen schafft Chancen

„Selbstvertrauen öffnet Türen“, sagte Dawson. „Doch wenn diese Türen offen sind, entscheidet die reale Fähigkeit darüber, wer erfolgreich ist.“

Dawson ergänzte, dass selbstsicher auftretende Menschen eher Einfluss, Status, Führungsrollen, Beförderungen und Partnerschaften gewinnen könnten.

Ergebnisse stützen das Muster bei Überkonfidenz

Einen Teil ihres Modells prüften die Autoren mit bereits vorhandenen Daten von rund 4.000 Online-Teilnehmenden.

Alle beantworteten 20 Grammatikfragen und 20 Logikfragen und schätzten anschließend, wie viele Antworten sie korrekt gegeben hatten.

Im Durchschnitt lagen 10.17 richtige Antworten bei den Grammatikaufgaben vor, erwartet wurden jedoch 12.49. Bei den Logikaufgaben wurden im Mittel 9.45 korrekt gelöst, während die Teilnehmenden 10.86 erwarteten – ein Hinweis auf durchschnittliche Überkonfidenz in beiden Aufgabenarten.

Trotzdem sagten höhere Selbsteinschätzungen eine bessere tatsächliche Leistung voraus. Zwar war das Selbstvertrauen insgesamt überzeichnet, als Indikator für reale Leistung war es aber nicht wertlos.

Das bedeutet nicht, dass selbstsichere Menschen stets kompetenter sind. Das Modell behauptet enger gefasst, dass Selbstvertrauen auch dann noch Informationsgehalt haben kann, wenn übersteigerte Selbstüberzeugung für manche Menschen teurer ist als für andere.

Selbstüberzeugung kann andere beeinflussen

Die Theorie knüpft an den Evolutionsbiologen Robert Trivers an, der vorgeschlagen hatte, dass Selbsttäuschung Menschen überzeugender machen könne, weil sie tatsächlich glauben, was sie sagen.

Dawson und de Meza stellen jedoch die Frage, weshalb Selbstvertrauen überhaupt überzeugen sollte, wenn Selbsttäuschung weit verbreitet ist.

„Trivers zeigte, dass es überzeugender wirkt, wenn man wirklich glaubt, was man sagt“, sagte de Meza. „Aber eine offene Frage war, warum Menschen nicht einfach annehmen, dass selbstsichere Behauptungen übertrieben sind.“

„Unsere Forschung beantwortet das: Selbstüberzeugungen werden zwar abgeschlagen – aber wenn man nicht überkonfident ist, wird man unterschätzt.“

De Meza argumentierte, dass übermäßige Selbstüberzeugung gerade deshalb nützliche Informationen tragen könne, weil sie Kosten mit sich bringt – und dass nur Menschen mit echter Fähigkeit es sich dauerhaft leisten können, die kühnsten Ansprüche zu vertreten.

Verlustaversion verringert riskante Entscheidungen

Zudem verknüpft das Papier Überkonfidenz mit Verlustaversion – der Neigung, mögliche Verluste stärker zu gewichten als gleich große Gewinne.

Dem Modell zufolge kann diese verdeckte Vorsicht einige Fehler reduzieren, die aus Überkonfidenz entstehen, ohne jedoch sämtliche Kosten verschwinden zu lassen.

„Menschen reden selbstsicher, handeln aber vorsichtig“, sagte de Meza.

Der Autor sagte weiter, Menschen könnten nach außen hin sehr selbstbewusst wirken und zugleich vorsichtig genug bleiben, um gravierende Risiken zu meiden. Überkonfidenz und Verlustfurcht könnten sich demnach gut ergänzen.

Diese Kombination ist relevant, weil Selbstvertrauen zum Handeln drängt, während Verlustaversion in Richtung Vorsicht zieht.

Würde Vorsicht jede einzelne Kostenkomponente der Überkonfidenz eliminieren, wäre das selbstsichere Signal leichter zu imitieren und damit weniger aussagekräftig.

Männer könnten stärkeren Druck erleben

Die Autoren beziehen außerdem frühere Befunde ein, nach denen Männer häufig mehr Überkonfidenz zeigen als Frauen.

Sie führen an, dass frühere Paarungs- und Auswahlprozesse stärkere Anreize für Männer geschaffen haben könnten, Eigenschaften zu signalisieren, die sich nicht direkt beobachten lassen.

„Diese Signallogik erklärt, warum Männer tendenziell überkonfidenter sind als Frauen. Historisch hatten die Geschlechter unterschiedliche Anreize bei der Partnerwahl“, sagte Dawson.

„Während Männer gut sichtbare körperliche Hinweise auf Fruchtbarkeit priorisierten, priorisierten Frauen Merkmale wie Status, Verbindlichkeit und Ressourcenbeschaffung. Weil diese Qualitäten schwerer direkt zu beobachten sind, müssen sie signalisiert werden.“

„Überkonfidenz entwickelte sich als glaubwürdige Möglichkeit für Männer, diese zugrunde liegende Fähigkeit zu signalisieren.“

Evolutionäre Theorien bleiben schwer zu belegen

Das Argument zu Geschlechterunterschieden bleibt allerdings eine evolutionäre Deutung und ist kein direkter Nachweis dafür, wie diese Unterschiede entstanden sind.

Außerdem liefert das Papier keine klare Vorhersage, dass sich Individuen in ihrer Verlustaversion dauerhaft und konsistent unterscheiden sollten.

Allgemeiner gilt: Die Arbeit beobachtet nicht unmittelbar, wie Evolution Überkonfidenz oder Verlustaversion hervorbringt.

Die Autoren räumen ein, dass evolutionäre Erklärungen schwer zu testen sind. Deshalb stützen sie ihre Argumentation auf ein mathematisches Modell und auf Muster aus früheren Befunden.

Vorliegende Evidenz hat wichtige Grenzen

Die Auswertung zu Grammatik und Logik nutzte einen bestehenden Online-Datensatz, und die Teilnehmenden erhielten keine Belohnung für besonders präzise Selbsteinschätzungen.

Die Studie wurde nicht vorregistriert; das heißt, der Analyseplan wurde nicht vorab öffentlich festgelegt.

Ein Teil der Teilnehmenden war eher unterkonfident als überkonfident, und das Modell lässt diese Möglichkeit in bestimmten Situationen zu.

Entsprechend zeigen die Ergebnisse nicht, dass Überkonfidenz immer auf hohe Fähigkeit hindeutet oder dass Verlustaversion Entscheidungen stets verbessert.

Überkonfidenz und Vorsicht greifen ineinander

Im Kern geht es um die Idee, dass zwei Verhaltensweisen, die isoliert betrachtet wenig hilfreich wirken, gemeinsam funktionaler sein können.

Überkonfidenz kann eine Person kompetent und sicher erscheinen lassen. Die Angst, etwas zu verlieren, kann dieselbe Person zugleich vorsichtiger machen und die Wahrscheinlichkeit senken, gefährliche Risiken einzugehen.

Beide Tendenzen können dennoch Schwierigkeiten verursachen. Die Autoren behaupten nicht, dass jede Verzerrung nützlich ist oder erhalten bleiben sollte.

Stattdessen sprechen sie dafür, diese Verhaltensweisen zusammen zu betrachten, weil die eine die Auswirkungen der anderen teilweise ausgleichen kann.

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