Künstliche Intelligenz (KI) ist längst nahezu unbemerkt in den Arbeitsalltag eingezogen: Sie unterstützt bei der Schichtplanung, beantwortet Kundenanfragen, verfolgt Pakete und weist auf mögliche Sicherheitsrisiken am Arbeitsplatz hin.
Viele Beschäftigte greifen täglich auf solche KI-Systeme zurück, ohne sich gross damit zu befassen.
Genau daraus ergibt sich jedoch eine zentrale Frage: Wenn Maschinen dabei helfen, Arbeit zu organisieren und Entscheidungen zu treffen – was bedeutet das für die Menschen, die diese Arbeit ausführen?
Dieser Frage gingen Forschende der Universitat Oberta de Catalunya (UOC) nach.
„Künstliche Intelligenz trifft bereits Entscheidungen, die sich direkt darauf auswirken, wie wir arbeiten und wie wir uns bei der Arbeit fühlen – oft ohne dass die Folgen für Menschen ausreichend bedacht werden“, sagte Xavier Baraza, Dekan der Fakultät für Wirtschaft und Business der UOC.
Wie KI die tägliche Arbeit verändert
In Industrie und Dienstleistung übernimmt KI inzwischen zahlreiche Routinetätigkeiten. In Fabriken steuert sie Abläufe an Fertigungsstrassen und erkennt kleinste Fehler in der Produktion. In Lagerhäusern wiederum wird KI eingesetzt, um Waren zu lokalisieren, Lieferungen zu koordinieren und den Versand zu organisieren.
Auch der Kundenservice hat sich spürbar gewandelt: Chatbots beantworten Standardfragen und sortieren Anliegen vor, bevor ein Mensch eingreift. Dadurch können Mitarbeitende sich eher auf komplizierte Fälle konzentrieren, in denen Abwägung, Erfahrung oder persönliche Kommunikation gefragt sind.
Darüber hinaus nutzen viele Unternehmen KI als Entscheidungshilfe. Algorithmen sind in der Lage, grosse Datenmengen in kurzer Zeit auszuwerten und Muster zu erkennen, die Menschen leicht übersehen.
Im Bereich Arbeitssicherheit analysieren einige Systeme Unfallstatistiken und identifizieren Warnsignale, um künftige Verletzungen zu verhindern.
Parallel dazu wächst die Bedeutung der Robotik: In modernen Fertigungen arbeiten kollaborative Roboter direkt neben Menschen. Sie übernehmen repetitive oder hochpräzise Tätigkeiten, während Beschäftigte stärker beaufsichtigen, koordinieren und bei Störungen Probleme lösen.
Ein Wendepunkt der Arbeitstechnologie
Arbeit wurde schon oft durch Technik neu geprägt – etwa durch Dampfmaschinen, Elektrizität oder Computer. Von diesen Umbrüchen hebt sich KI jedoch ab, weil sie nicht nur Tätigkeiten automatisiert.
„Industrialisierung und Elektrizität haben zum Beispiel die Art, wie Menschen gearbeitet haben, tiefgreifend verändert, aber künstliche Intelligenz markiert einen völlig neuen Wendepunkt“, sagte Baraza.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Beschäftigten beginnt eine Technologie, Entscheidungen zu treffen, Arbeit zu organisieren und Menschen zu bewerten.
„Das ist ein echter Paradigmenwechsel, weil sich dadurch nicht nur verändert, wie Menschen arbeiten, sondern auch, wer Entscheidungen trifft, wie und nach welchen Kriterien“, sagte Baraza.
Er betonte, dass die Folgen dieses Wechsels unmittelbar und weitreichend seien – und dass sie dazu zwingen, den Schutz von Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden bei der Arbeit neu zu denken.
Zudem übernimmt Technologie in diesem Kontext Aufgaben wie Leistungsbeurteilung, Schichteinteilung und Produktivitätskontrolle. Solche Systeme können rund um die Uhr laufen und Informationen schneller auswerten, als es jede Führungskraft könnte.
Versteckter Druck in digitalen Arbeitsumgebungen
Die Studie verweist zugleich auf mehrere Probleme, die mit der zunehmenden KI-Nutzung am Arbeitsplatz einhergehen können. Eines davon ist Technostress.
Viele Beschäftigte geraten unter Druck, mit schnell wechselnden digitalen Systemen Schritt zu halten. Teilweise wird erwartet, dass neue Tools mit wenig Schulung und kaum Eingewöhnungszeit erlernt werden.
Ein weiterer Punkt ist Überwachung. In manchen Betrieben kommen inzwischen intelligente Kameras, biometrische Scanner und Software zum Einsatz, die Produktivität erfasst. Damit lassen sich Bewegungen, Aktivitäten und Arbeitsergebnisse in Echtzeit nachverfolgen.
Für viele Beschäftigte fühlt sich diese Form der Kontrolle unangenehm an. Sie kann den Eindruck verstärken, dass der private Raum kleiner wird. Langfristig kann das auch das Vertrauen im Unternehmen beeinträchtigen – vor allem, wenn Mitarbeitende glauben, ständig beobachtet zu werden.
Wenn Algorithmen Entscheidungen treffen
Ein drittes Problem hängt mit der Art zusammen, wie Algorithmen zu Entscheidungen gelangen. Viele KI-Systeme basieren auf komplexen Modellen, die schwer nachvollziehbar sind.
Wenn Beschäftigte nicht erkennen können, nach welchen Kriterien Dienstpläne, Bewertungen oder Aufgabenverteilungen zustande kommen, nimmt die Unsicherheit zu.
„Dieser Artikel wurde als Reaktion auf die Notwendigkeit geschrieben, innezuhalten, sorgfältig darüber nachzudenken, was geschieht, und einen präventiven und verantwortungsvollen Ansatz zu verfolgen, um Risiken besser vorherzusehen und sicherzustellen, dass die Menschen im Zentrum der technologischen Transformation stehen“, sagte Torrent.
Ethische Fragen und Regeln für den Arbeitsplatz
KI wirft ausserdem rechtliche und ethische Fragen auf. Algorithmen stützen ihre Entscheidungen auf sehr grosse Datenmengen.
Sobald diese Entscheidungen Einstellungen, Leistungsbeurteilungen oder Arbeitsbedingungen beeinflussen, müssen Unternehmen besonders sorgfältig mit der Technologie umgehen.
„Technologie wird oft überstürzt eingeführt, mit dem Fokus allein auf Effizienz oder Kontrolle, was diese Risiken verschärfen kann. Obwohl wir in die richtige Richtung gehen, ist es noch ein weiter Weg“, sagte Torrent, Direktor des UOC-DIGIT-Forschungszentrums.
Torrent ergänzte, es brauche eine stärkere Kultur des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, mehr Reflexion und eine grössere Bereitschaft, Menschen ins Zentrum technologischer Entscheidungen zu stellen.
Die Forschenden argumentieren, dass Organisationen klare Governance-Strukturen für KI benötigen. Im Mittelpunkt sollten Transparenz, ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten und der Schutz der Beschäftigten stehen.
Regeln für einen KI-Arbeitsplatz aktualisieren
Häufig schreitet die Einführung von KI schneller voran als die Anpassung von Regeln im Arbeitsumfeld. Dennoch betonen die Forschenden, dass bestehende Arbeitnehmerschutzvorschriften bereits eine solide Grundlage bieten.
„Es gibt einen belastbaren Rahmen für den Schutz von Beschäftigten, der weiterhin voll wirksam ist. Die Herausforderung besteht weniger darin, völlig neue Gesetze zu schaffen, als vielmehr darin, den bestehenden Rahmen an neue Szenarien anzupassen und entsprechend auszulegen“, sagte Baraza.
Künftige Forschung soll einzelne Branchen genauer untersuchen, um präzise zu erfassen, wie KI Gesundheit, Sicherheit und die Organisation von Arbeit beeinflusst.
„Unser Ziel ist es, nützliche Evidenz zu liefern, damit Unternehmen, Institutionen und öffentliche Entscheidungsträger bessere Entscheidungen treffen können – damit KI mehr ist als reine technologische Innovation und als Werkzeug genutzt werden kann, um einen sichereren, gesünderen und menschlicheren Arbeitsplatz zu schaffen“, schloss Torrent.
Die vollständige Studie wurde in der Fachzeitschrift Encyclopedia veröffentlicht.
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