Aus alter DNA, gewonnen aus vier hochrangigen Bestattungen, die mit einer mittelalterlichen mongolischen Herrscherfamilie in Verbindung stehen, geht hervor, dass die dort Beigesetzten ihre Abstammung bis in die Mongolei zurückverfolgen.
Der Befund schärft das Bild davon, woher diese einflussreiche Dynastie stammte, und zeigt zugleich, dass ihre Anführer mit dem Vordringen des Reiches auch Kinder mit lokalen Steppengemeinschaften hatten – jenen weiten Graslandschaften, die sich über Zentralasien erstrecken.
Mausoleen in Ulitau
Im Gebiet Ulitau in Zentralkasachstan – einem Steppenland in Zentralasien – lagen die Bestattungen in steinernen Mausoleen, also oberirdischen Grabbauten aus großen Steinblöcken.
Gemeinsam mit kasachischen Partnern entnahm die Bioanthropologin Dr. Ayken Askapuli von der Universität Wisconsin–Madison (UW–Madison) aus jeder Bestattung alte DNA.
Eine lokale Überlieferung bringt eines der Mausoleen mit Jochi in Verbindung, dem ältesten Sohn von Dschingis Khan und Begründer der Goldenen Horde, eines mongolisch beherrschten Staates, der weite Teile Zentral-Eurasiens und Regionen Osteuropas kontrollierte. Askapulis Auswertung bestätigte diese konkrete Zuordnung jedoch nicht.
Auch ohne eindeutigen Namen lieferten die Mausoleen dennoch seltenes genetisches Material von Personen, die sehr wahrscheinlich tatsächliche Macht besaßen.
Ursprünge der Goldenen Horde
In großen Teilen Zentral-Eurasiens lag die politische Kontrolle bei der Goldenen Horde, dem mongolisch regierten Staatswesen, das nach den Eroberungen Dschingis Khans von Jochis Nachkommen aufgebaut wurde.
Nach dem Tod Dschingis Khans herrschten die Erben seines ältesten Sohnes Jochi über Gebiete, die bis nach Osteuropa und darüber hinaus reichten.
Das Interesse an dieser Herrscherlinie hält seit Jahrhunderten an, zumal Chroniken und Stammbäume nur selten übereinstimmen.
Mit DNA aus der Elite wurde es möglich zu prüfen, ob die männliche Linie zu älteren Behauptungen über mongolische Herkunft passt.
Eine gemeinsame männliche Linie
Die entscheidenden genetischen Hinweise bei den drei Männern kamen vom Y-Chromosom, also jener DNA, die vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Bei allen dreien wies dasselbe Y-Muster auf C3* hin – eine Bezeichnung, die seit Langem mit Menschen aus der Mongolei verknüpft wird.
Fachleute bezeichnen C3* als Haplogruppe, also als „Familienetikett“ für gemeinsam geteilte Mutationen; mithilfe alter Proben lassen sich zudem nahe verwandte Unterzweige voneinander trennen.
Da die drei Männer auch eng miteinander über die väterliche Linie verwandt waren, verankert dieses Ergebnis die Ulitau-Elite in einer einzigen männlichen Abstammungslinie.
Wenn sich Linien rasch ausbreiten
Eine häufig zitierte Studie vertrat die These, eine besonders mächtige männliche Linie habe sich über große Teile Asiens ausgebreitet. In derselben Arbeit wurde geschätzt, dies betreffe etwa einen von 200 Männern weltweit, also rund 0,5% insgesamt.
In den Ulitau-Mausoleen lagen die C3*-Träger jedoch auf einem engeren Zweig, der in heutigen Populationen offenbar seltener vorkommt.
Je genauer Forschende diese nahen Verzweigungen auseinanderhalten, desto schwieriger wird es, frühere Aussagen über „den einen“ Ahnen als einfache Familiengeschichte zu behandeln.
Gemischte Wurzeln in den Genomen
Über das Y-Chromosom hinaus erzählte das Genom jeder Person – also ihr vollständiger Satz genetischer Informationen – eine umfassendere Herkunftsgeschichte.
Der Großteil dieser Abstammung führte zu alten Gruppen aus Nordostasien zurück und passt damit zu den östlichen Wurzeln mongolischer Herrscher.
Ein kleinerer Anteil entsprach älteren Steppenpopulationen, darunter auch kiptschakische Stämme, eine Steppenkonföderation im mittelalterlichen Kasachstan während der mongolischen Herrschaft.
Diese gemischten Wurzeln passen zu einem politischen System, das in lokale Gruppen einheiratete und zugleich seine Autorität aus dem Osten ableitete.
Kulturelle Veränderungen in den Bestattungen
Anordnung der Gräber und Beigaben in Ulitau verbanden Elemente im mongolischen Stil mit lokalen Besonderheiten – ein Spiegelbild der genetisch nachweisbaren Mischherkunft.
Die Steinarchitektur folgte Traditionen der Steppenmausoleen, während einzelne Objekte regionale Handwerksformen erkennen ließen, die bereits vor der mongolischen Herrschaft existierten.
„Archäologische Belege werfen wiederum Licht auf eine mittelalterliche Bevölkerung in einem religiösen und kulturellen Wandel und bieten Einblicke in die gesellschaftlichen Veränderungen, die mongolische Eroberer erlebten“, schrieb Dr. Askapuli.
Die kulturelle Durchmischung in diesen Gräbern deutet darauf hin, dass sich die Elite der Goldenen Horde vor Ort anpasste – nicht nur in schriftlichen Überlieferungen.
Verwandte, verbunden durch Segmente
Lange, übereinstimmende DNA-Abschnitte ermöglichten dem Team, ein IBD-Netzwerk (Identität durch Abstammung) zu erstellen – also gemeinsam geteilte Segmente, die von einem jüngeren gemeinsamen Vorfahren geerbt wurden.
Auf dieser Grundlage fanden die Wissenschaftler genetische Verbindungen zwischen den Ulitau-Individuen und mittelalterlichen Menschen, die auf dem Mongolischen Plateau lebten.
Diese Beziehungen legen nahe, dass westliche Herrscher enge biologische Bindungen an östliche Herkunftsregionen bewahrten, selbst wenn sie weit entfernt regierten.
Nachweise von Verwandten über die Steppe hinweg lassen die Goldene Horde weniger wie einen isolierten Seitenzweig erscheinen, sondern eher wie eine vernetzte Familie.
Grenzen alter DNA
Der naheliegendste Vergleich bleibt aus, weil entscheidende Überreste fehlen: Die Grabstätte Dschingis Khans wurde bis heute nicht gefunden.
Ohne seine DNA lässt sich die Ulitau-Linie am Y-Chromosom nicht ihm zuschreiben – so verlockend diese Erzählung auch klingen mag.
Dennoch verengen die neuen Genome die Spanne der Y-Chromosom-Zweige, die für die Herrscherfamilie infrage kommen.
Diese Eingrenzung ist wichtig, denn populäre genealogische Behauptungen können schneller wachsen, als es die Genetik aus wenigen Gräbern seriös leisten kann.
Macht hinterlässt genetische Spuren
Elitefamilien vererben nicht nur Titel: Politische Macht beeinflusst auch, welche Y-Linien in späteren Generationen häufiger fortbestehen.
Direkte alte DNA von Herrschern der Goldenen Horde setzt einen bislang fehlenden Prüfpunkt und zeigt, wie eine hochrangige Linie zu Lebzeiten genetisch aussah.
Weil die Proben aus nur einer Region stammen, lassen sich die Ergebnisse nicht auf alle Führungsschichten der Mongolenzeit in ganz Eurasien übertragen.
Weitere Elitebestattungen – sofern sie sorgfältig ausgegraben und analysiert werden – könnten aufzeigen, wie häufig östliche Herrscher in lokale Gruppen einheirateten und nach Westen wanderten.
Wohin die Belege weisen
Alte DNA, Bestattungssitten und gemeinsam geteilte DNA-Segmente deuten übereinstimmend auf mongolische Wurzeln der Ulitau-Eliten sowie auf lokale Verbindungen hin.
Wie es weitergeht, hängt davon ab, zusätzliche gut datierte Elitegräber zu finden – denn eine einzelne Linie kann die Dschingis-Khan-Frage nicht entscheiden.
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