Antarktika wirkt oft wie der stabilste Ort der Erde. Aus dem All sieht die riesige weisse Küstenlinie so aus, als verändere sie sich von Jahr zu Jahr kaum. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass dieser Eindruck eine langsamere, weniger sichtbare Verschiebung an den Rändern des Kontinents überdeckt.
Indem Forschende die Linie verfolgten, an der Eis den festen Untergrund verlässt und zu schwimmen beginnt, kamen sie zu dem Ergebnis, dass Antarktika seit den frühen 1990er-Jahren beinahe 5.000 Quadratmeilen (rund 13.000 Quadratkilometer) geerdetes Eis eingebüsst hat.
Das Muster deutet darauf hin, dass sich Antarktika nicht gleichmässig wandelt. Der grösste Teil der Küste bleibt weitgehend unverändert, während sich der Rückzug auf wenige empfindliche „Tore“ konzentriert – dort, wo Landeis auf den Ozean trifft.
Ein paar Gletscher erzählen die Geschichte
Entscheidend sind entlang des enormen antarktischen Randes vor allem jene Bereiche, in denen das Inlandeis den Ozean erreicht und als Schelfeis zu schwimmen beginnt.
Dr. Eric Rignot von der University of California, Irvine (UC Irvine) wertete dafür drei Jahrzehnte Satellitenbeobachtungen aus und kartierte, wo die Eisfront an der Aufsetzlinie stabil blieb und wo sie sich Schritt für Schritt ins Landesinnere zurückzog.
Über denselben Küstenbogen hinweg zeigte sich: Rund 77 Prozent wiesen keine messbare Verlagerung auf. Gleichzeitig zog sich eine kleinere Gruppe von Gletschern um mehrere Dutzend Meilen weit zurück.
Gerade diese ungleich verteilten Rückzugszonen bündeln die Dynamik des antarktischen Wandels auf wenige verwundbare Sektoren – und machen deutlich, wo genauer erklärt werden muss, warum sich das Eis dort anders verhält.
Der Moment, in dem Eis zu schwimmen beginnt
Sobald Eis die Grenze überschreitet und aufzuschwimmen beginnt, kann Meerwasser seine Unterseite angreifen – und die „Verankerung“ des Eises am Untergrund lockern.
Schwimmende Schelfeise verdrängen zwar bereits Meerwasser, doch das geerdete Eis hinter ihnen kann sich beschleunigen und später zusätzliches Wasser in den Ozean liefern.
Darum ist ein Rückzug der Aufsetzlinie bedeutsamer als eine scheinbar kleine Veränderung der Küstenlinie – besonders in der Nähe tiefer Becken, die weit ins Landesinnere reichen. Was auf der Karte wie eine geringe Verschiebung aussieht, kann den Auftakt zu deutlich grösseren Verlusten darstellen, die weiter „stromaufwärts“ im Eisschild verborgen sind.
Weiter westlich traten die schnellsten Rückzüge dort auf, wo tiefe Rinnen im Meeresboden vergleichsweise warmes Wasser direkt bis an die Gletscherbasen leiten.
Diese Wassermasse, das sogenannte Circumpolar Deep Water, ist eine relativ warme Tiefenströmung im Südlichen Ozean. Sie schmilzt Eis von unten an und verringert die Reibung.
Die stärksten Rückzüge fanden die Forschenden in Westantarktika: Der Smith-Gletscher verlor 26 Meilen (rund 42 km), der Pine-Island-Gletscher 21 Meilen (rund 34 km).
Weil sich der Untergrund dort landeinwärts weiter vertieft, kann sich der Rückzug nach dem ersten Anstoss selbst verstärken und fortsetzen.
Westantarktika führt die Eisverluste weiterhin an
Auch die Ostantarktika, lange als die ruhigere Hälfte des Kontinents betrachtet, zeigte an mehreren empfindlichen Auslässen Rückzüge.
Der Vanderford-Gletscher wich um 16 Meilen (rund 26 km) zurück. Zudem verloren Totten-, Denman-, Cook- und weitere Gletscher dort geerdete Fläche, wo tiefe Kanäle dem Ozeanwasser Wege ins Inland öffneten.
Zwar wirkte ein grosser Teil dieser Küste weiterhin stabil, doch diese Brennpunkte sind wichtig, weil die Ostantarktika deutlich mehr Eis speichert, als viele erwarten. Ein Gebiet, das lange als vergleichsweise sicher galt, bekommt damit mehr Gewicht in künftigen Abschätzungen des Meeresspiegelanstiegs.
An der Nordostküste der Antarktischen Halbinsel zogen sich Gletscher zudem weiter zurück, obwohl das typische Signal warmen Wassers dort fehlte.
Diese Abweichung vom sonstigen Muster trat nach früheren Zusammenbrüchen von Schelfeisen auf: Der Verlust dieser „Stütze“ nahm den Gletschern Rückhalt und machte sie angreifbarer.
„Etwas anderes wirkt, es ist immer noch ein Fragezeichen“, sagte Dr. Rignot. Im Kontext des Gesamtbildes verhinderte genau diese offene Ecke, dass sich die Studie auf eine simple Erzählung mit nur einer Ursache und nur einem Ausgang reduzieren liess.
Ein 30-Jahres-Protokoll von Antarktikas Rand
Die Datengrundlage stammt nicht von einem einzelnen Satelliten. Stattdessen entstand sie aus drei Jahrzehnten überlappender Radaraufnahmen.
Satelliten mit synthetischem Apertur-Radar – einem System, das die Erde mit Radiowellen „abtastet“ – können durch Wolken und polare Dunkelheit hindurch messen. So liess sich Antarktika ganzjährig beobachten.
Missionen von Raumfahrtagenturen lieferten die lange Zeitreihe. Kommerzielle Satellitenflotten ergänzten sie mit häufigen Wiederholungen im Rahmen eines von der NASA unterstützten Programms, das Forschenden half, schnelle lokale Veränderungen zu erfassen.
Aus einzelnen Momentaufnahmen wurde so ein kontinentweites Archiv, das robust genug ist, um den Zustand im Jahr 2025 direkt mit dem der frühen 1990er-Jahre zu vergleichen.
Die Ergebnisse erklären zugleich, warum Antarktika auf den ersten Blick insgesamt stabil wirken kann: Grosse Schelfeise wie Ross, Filchner-Ronne und Amery zeigten im Untersuchungszeitraum kaum Bewegung.
In vielen dieser Regionen begrenzten flache Meeresböden, unterseeische Rücken und kälteres Wasser, wie viel ozeanische Wärme überhaupt bis zum Eis gelangen konnte. Zudem drückten manche schwimmenden Schelfeise weiterhin gegen die Gletscher im Hinterland und bremsten so den Abfluss Richtung Meer.
Diese stabilere Mehrheit ist real – sie sollte jedoch nicht als Garantie missverstanden werden, dass keine grösseren Veränderungen folgen können.
Prognosen stehen vor einer schwierigeren Bewährungsprobe
Für Modelliererinnen und Modellierer ist die Karte mehr als ein Rückblick: Künftige Vorhersagen haben nun eine klare Messlatte.
Das Meeresspiegel-Team der NASA betonte, dass Simulationen von Eisschilden nur dann überzeugender werden, wenn sie bekannte Veränderungen aus Satellitendaten reproduzieren können.
„Modelle müssen zeigen, dass sie dieses 30-Jahres-Protokoll nachbilden können, um für ihre Projektionen Glaubwürdigkeit zu beanspruchen“, sagte Dr. Rignot.
Verfehlt ein Modell diese Rückzüge, fehlen ihm wahrscheinlich die richtigen ozeanischen Bedingungen, die Form des Untergrunds – oder beides. Das verändert die Prognose.
Der Ozean wird entscheiden, was als Nächstes passiert
Die neue Karte markiert zentrale Engstellen, an denen sich der künftige Rückzug vermutlich beschleunigt – insbesondere dort, wo der Untergrund tief ins Landesinnere abfällt.
In Regionen, in denen warmes Meerwasser diese Zonen bereits erreicht, können Gletscher ihren Halt am Fels weiter verlieren, während der Meeresboden landeinwärts weiter abtaucht.
Küstenabschnitte hingegen, die nur wenig Zugang zu warmem Wasser haben oder bei denen das Gelände im Inland flacher ist, ziehen sich tendenziell langsamer zurück.
Damit entsteht ein deutlich schärferes Bild der Verwundbarkeit Antarktikas: Nicht der ganze Kontinent verändert sich gleichmässig, sondern ein System weicht vor allem an einigen bekannten Schwachstellen entlang der Küste zurück.
Diese präzisere Kartierung erhöht die Chancen, den nächsten schnellen Eisrückzug früh zu erkennen – und sie unterstreicht zugleich, wie stark Antarktikas Zukunft vom umgebenden Ozean abhängt.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen