Die meisten Menschen haben schon von Mikroplastik im Meer gehört. Deutlich weniger bekannt ist Mikro-Fiberglas. Forschende haben diese Partikel nun in Sedimenten und in den obersten Schichten des Cowichan-Ästuars auf Vancouver Island in Kanada nachgewiesen – einem Gebiet, das besondere Tierarten beherbergt, die Muschelgewinnung ermöglicht und für die Ernährungssicherheit indigener Gemeinschaften wichtig ist.
Die neue Untersuchung unter Leitung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Simon Fraser University gehört zu den ersten Basis-Erhebungen zur Belastung kanadischer Küsten mit Fiberglas.
In Zusammenarbeit mit der Cowichan Estuary Restoration and Conservation Association (CERCA) entnahm das Team zwischen 2020 und 2024 Proben an 26 Standorten im gesamten Ästuar, um zu prüfen, wie weit verbreitet das Material ist.
Ästuare sind mit Mikro-Fiberglas gesättigt
Bis 2023 wurden an 96 Prozent der Messstationen für Sedimentproben im Ästuar Fiberglaspartikel gefunden – gegenüber 64 Prozent im Jahr 2020.
Die Belastung der Sedimente lag zwischen 6 und 286 Partikeln pro Kilogramm Trockensediment; die höchsten Werte traten gehäuft in der Nähe industrieller Aktivitäten sowie entlang des Kanals für den Holztransport auf.
Auch im oberflächlichen Biofilm der Ästuare wurde Fiberglas nachgewiesen – jener dünnen, nährstoffreichen Schicht aus Algen und Mikroorganismen, die die obersten Millimeter des Sediments bedeckt und wandernde Watvögel ernährt.
Im Biofilm lagen die Konzentrationen zwischen 30 und 62 Partikeln pro Kilogramm Trockengewicht und fielen besonders in der Nähe des Mühlenteichs von Western Forest Products, am Westcan Terminal sowie bei einem stark frequentierten Jachthafen im Cowichan Bay Village auf.
Erhöhte Werte zeigten sich wiederholt rund um Marinas, Slipanlagen und Bereiche zur Bootswartung – also dort, wo häufig geschliffen, repariert und Schiffsrümpfe gereinigt werden. Die auffälligen Konzentrationen in der Nähe des Westcan Terminal deuteten zudem darauf hin, dass auch industrielle Abflüsse einen Beitrag leisten könnten.
Fragmente in Ästuar-Sedimenten
Fiberglas ist nicht einfach ein weiterer Kunststoffabrieb. Es besteht aus silikatbasierten Glasfasern, die oft mit Kunststoffharz verstärkt sind. Werden Boote repariert, abgeschliffen, aufgegeben oder zerfallen sie über die Zeit, können sich diese Fasern in winzige, nadelartige Partikel zersetzen.
„We are just in the infancy of understanding [fiberglass’s] potential toxicity for animals and people“, sagte der Erstautor Juan José Alava, Meeresökotoxikologe an der Simon Fraser.
Im Gegensatz zu leichteren Kunststoffen ist Fiberglas dichter als Meerwasser; es sinkt daher eher ab und reichert sich im Sediment an. Genau dort leben und fressen Venusmuscheln, Miesmuscheln und andere wirbellose Tiere.
„Just knowing these particles are present in an estuary that supports shorebirds and shellfish – and is central to Indigenous food security – is enough to justify preventive, precautionary actions. We don’t have to wait until we know every toxic threshold to act.“
Nicht einfach nur ein weiterer Kunststoff
Die Forschenden betonen zugleich, welche Fragen noch offen sind. Ungeklärt ist bislang, ab welcher Expositionsmenge Schäden auftreten, wie gut Tiere die Partikel wieder ausscheiden können und ob sich Fiberglas entlang der Nahrungskette anreichert.
„Now that we know it’s in the sediments and biofilms of a working estuary, we need to understand how far it goes into wildlife, marine life, and people, including the local First Nations who rely on shellfish and seafood“, sagte Alava.
Dieser Hinweis ist besonders relevant: Im Cowichan-Ästuar werden unter anderem Venusmuscheln, Geoducks, Krabben, Wasservögel, Kabeljaurogen, Seeigel und Lachs geerntet.
Gelangen Fiberglasfragmente in kleine Organismen an der Basis des Nahrungsnetzes, könnten sie im weiteren Verlauf auch Arten erreichen, die Menschen verzehren.
Fiberglasverschmutzung baut sich nur langsam ab
Ein Problem besteht darin, dass es sich vermutlich nicht um ein einmaliges Ereignis handelt. Faserverstärkter Kunststoff wird breit in Bootsrümpfen und maritimer Infrastruktur eingesetzt. Mit zunehmendem Alter von Booten – bei Reparaturen oder wenn sie aufgegeben werden – können über längere Zeit kontinuierlich Fasern freigesetzt werden.
Die Studie legt nahe, dass sich verschlechternde oder verlassene Schiffe eine fortlaufende, bislang unzureichend kontrollierte Quelle von Mikro-Fiberglas darstellen könnten – ähnlich wie sogenannte Geisterboote zur Mikroplastikbelastung beitragen.
Fiberglas ist widerstandsfähig und zersetzt sich langsam, insbesondere wenn es im Harz eingebettet ist. Hat es sich erst im Sediment abgesetzt, kann es dort verbleiben.
„Our data serves as evidence for immediate management actions and policy“, sagte Alava. „Prevention is better than cure.“
Weitere Belastung des Ästuars verhindern
Aus Sicht des Teams rechtfertigen die Befunde bereits konkrete Massnahmen. Empfohlen werden strengere Vorgaben zur Kontrolle von Schleif- und Schnittabfällen in Bootswerften und an Slipanlagen sowie robustere Regeln für Boote am Ende ihres Lebenszyklus – einschliesslich Anforderungen an sichere Demontage und Recycling.
Darüber hinaus seien ein verbessertes Management von Regenwasser sowie industriellen Abflüssen und Investitionen in umweltverträglichere Materialien notwendig.
Mikro-Fiberglas ist in einem genutzten Ästuar nachweisbar, das sowohl Wildtiere als auch Ernährungssysteme trägt. Gleichzeitig holt die Forschung noch auf, was das genaue Ausmass möglicher Schäden betrifft.
Doch das Material ist bereits vorhanden – es liegt im Schlamm. Wie Alava es beschreibt, dürfte es nicht der klügste Weg sein, erst auf vollständige Gewissheit zu warten, bevor gehandelt wird.
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