Wenn Umweltprobleme Jahr für Jahr grösser wirken, taucht immer wieder dieselbe Frage auf: Was bringt Menschen eigentlich dazu, Natur so wichtig zu nehmen, dass sie sie aktiv verteidigen?
Auf den ersten Blick klingt das banal – ist es aber nicht. Menschen können Wälder lieben, sich vor ihnen fürchten, von ihnen abhängig sein, sie übersehen, sie verklären oder sie vor allem als Ressource betrachten, die man verwaltet.
Solche Unterschiede sind nicht bloss persönliche Eigenheiten. Sie prägen mit, wie Menschen wählen, welche Umweltmassnahmen sie unterstützen und wie viel Rückhalt Naturschutzpolitik bekommt.
Eine neue Studie ist dieser Frage mit Umfragedaten von 745 Teilnehmenden in Japan nachgegangen.
Dabei ging es den Forschenden nicht darum, ob Menschen „Natur mögen“. Untersucht wurde vielmehr, wie Menschen den Wert der Natur einschätzen – und wie diese Wertvorstellungen mit Weltbild, Psychologie und kulturellen Überzeugungen zusammenhängen.
Drei Arten, Natur zu bewerten
Die Studie nutzt ein Modell, das in der Umweltpsychologie und Nachhaltigkeitsforschung häufig eingesetzt wird. Es teilt den „Wert der Natur“ in drei Kategorien.
Der intrinsische Wert meint, dass Natur einen Eigenwert hat – unabhängig davon, ob Menschen daraus einen Nutzen ziehen. Das ist die am wenigsten menschenzentrierte Perspektive: Ein Feuchtgebiet ist bedeutsam, selbst wenn es niemand besucht, nutzt oder daraus Profit schlägt.
Der instrumentelle Wert betrachtet Natur von der gegensätzlichen Seite. In diesem Verständnis ist Natur vor allem nützlich: als Lieferantin von Nahrung, Wasser und Rohstoffen, als Raum für Erholung, als Grundlage wirtschaftlicher Aktivität oder als Bündel von Ökosystemleistungen, die menschliches Leben ermöglichen.
Der relationale Wert liegt anders. Hier steht die Beziehung zwischen Mensch und Natur im Vordergrund: Sinn, Identität, Verantwortung, Zugehörigkeit und wechselseitige Verbundenheit.
Natur ist in diesem Blick nicht nur wichtig, weil sie „Rechte“ hat, und auch nicht allein, weil sie „nützlich“ ist – sondern weil sie Teil dessen ist, wie Menschen sich selbst und ihren Platz in der Welt verstehen.
Ein Grund, warum dieses dreiteilige Modell so geschätzt wird: Es bildet ab, dass zwei Personen aus völlig unterschiedlichen Motiven „pro Umwelt“ sein können.
Jemand kann einen Fluss schützen wollen, weil er als heilig gilt. Jemand anderes, weil er Trinkwasser liefert. Und wieder jemand, weil der Fluss – ganz grundsätzlich – ein Recht auf Existenz hat.
Was die Daten in Japan zeigten
Eine zentrale Erkenntnis: In Japan vermischten sich diese drei Wertarten nicht zu einem einzigen Gesamtgefühl. Die Studie zeigte vielmehr, dass sie klar voneinander abgrenzbar sind.
Die Teilnehmenden konnten also unterschiedliche Kombinationen aus intrinsischen, relationalen und instrumentellen Sichtweisen vertreten, statt alles als eine allgemeine „Einstellung zur Natur“ zu behandeln.
Das ist auch deshalb relevant, weil solche Kategorien manchmal als westliche akademische Konstrukte gelten, die sich anderswo schwer übertragen lassen.
In dieser Stichprobe tauchte jedoch dieselbe Grundstruktur, die viele Studien im Westen finden, ebenfalls deutlich auf.
Überzeugungen zu nichtmenschlichen Wesen
Ein wichtiges Ergebnis war, dass der relationale Wert eng mit Vorstellungen über nichtmenschliche Wesen verknüpft ist.
Personen, die relationales Bewerten betonten, neigten eher dazu, Natur eine Art Handlungsfähigkeit zuzuschreiben – nicht im strikt naturwissenschaftlichen Sinn, sondern in dem Verständnis, dass nichtmenschliche Entitäten in der Welt Akteure sein können und nicht nur passive Objekte.
Ryosuke Nakadai, Hauptautor der Studie, forscht an der Yokohama National University.
„We found that valuing the relationship between humans and nature is strongly linked to attributing agency to nonhuman beings, while placing greater importance on the intrinsic value of nature is associated with rejecting human-centered thinking,“ sagte Nakadai.
„These findings suggest that views of nature do not exist in isolation, but are connected to cultural, social, and psychological perspectives.“
An dieser Stelle werden Konzepte wie Animismus und Anthropomorphismus relevant. Die Forschenden gingen davon aus, dass Menschen, die – auch nur vage – glauben, Tiere, Landschaften oder natürliche Objekte hätten Geist, Absicht oder menschenähnliche Eigenschaften, eher zum relationalen Bewerten tendieren.
Diese Erwartung bestätigte sich: Relationaler Wert hing positiv mit solchen Überzeugungen zusammen. Einfach gesagt: Wer die Natur eher als ein Gegenüber erlebt, zu dem man „in Beziehung steht“, stellt sie sich auch eher als mehr vor als eine stumme Kulisse.
Der Wert der Natur und das menschliche Überleben
Beim intrinsischen Wert zeigte sich ein anderes Muster. Er war damit verbunden, Anthropozentrismus zurückzuweisen – also die Vorstellung, der Mensch stehe im Zentrum moralischer Rücksicht, und alles andere sei vor allem insofern wichtig, wie es uns dient.
Ausserdem korrelierte intrinsischer Wert positiv mit „Verbundenheit mit der Natur“, einem psychologischen Mass dafür, wie emotional nah sich jemand der natürlichen Welt fühlt.
Das wirkt plausibel: Wer Natur als besonders bedeutsam erlebt, tut sich eher schwer damit, sie ausschliesslich als Werkzeug oder Ware zu behandeln.
Bemerkenswert ist, dass in dieser Studie der instrumentelle Wert nicht eindeutig mit Anthropozentrismus zusammenhing. Man könnte erwarten, dass „Natur ist eine Ressource für Menschen“ stark mit menschenzentrierten Überzeugungen korreliert – in dieser Stichprobe war dieser Zusammenhang jedoch nicht klar erkennbar.
Das kann bedeuten, dass instrumentelles Bewerten nicht automatisch egoistisch oder abwertend ist. Viele Menschen schätzen Natur möglicherweise gerade instrumentell und unterstützen dennoch Schutzmassnahmen, weil sie menschliches Überleben und Wohlbefinden an intakte Ökosysteme geknüpft sehen.
Psychologie und Kultur
Ein weiterer roter Faden in den Ergebnissen: Naturwerte scheinen in eine umfassendere Lebensausrichtung eingebettet zu sein.
Relationaler Wert war zum Beispiel mit traditionelleren, religiös geprägten Weltbildern verbunden. Zudem zeigte er Bezüge zu psychologischen Skalen wie „Identitätsfusion“ – dem Gefühl, dass die eigene Identität eng mit einer Gruppe oder Entität verwoben ist, hier: mit der natürlichen Welt.
Die Kernaussage der Studie lautet damit nicht nur, dass Menschen Natur unterschiedlich bewerten. Sie zeigt auch, dass diese Unterschiede tiefere Muster spiegeln: Kultur, Glaubenssysteme und die Art, wie Menschen sich emotional in der Welt verorten.
Warum das für den Naturschutz wichtig ist
Wer umweltfreundliches Verhalten, Unterstützung für Politik oder konkretes Handeln für den Naturschutz fördern will, profitiert davon zu wissen, auf welche Wertart eine Botschaft zielt.
Eine Kampagne, die auf „Natur hat Rechte“ setzt, dürfte eher Menschen ansprechen, die stärker intrinsisch bewerten.
Ein Ansatz, der Verantwortung, Zugehörigkeit und Gegenseitigkeit betont, könnte besser bei Personen wirken, die relational denken. Und Botschaften über sauberes Wasser, Ernährungssicherheit und langfristige wirtschaftliche Stabilität passen eher zu instrumentellem Wert.
Die Forschenden möchten diese Arbeit über Japan hinaus ausweiten, um zu prüfen, welche Muster kulturübergreifend stabil sind und was stärker kulturspezifisch ausfällt.
Das übergeordnete Ziel ist pragmatisch: Wenn besser verstanden wird, wie Menschen ihre Beziehung zur Natur aufbauen, lassen sich politische Massnahmen und öffentliche Botschaften leichter so formulieren, dass sie wirklich anknüpfen – nicht nur theoretisch, sondern in den emotionalen und kulturellen Sprachen, die Menschen ohnehin leben.
Die Studie ist in der Zeitschrift Aktuelle Forschung in Ökologischer und Sozialpsychologie veröffentlicht.
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