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Warum Tiere in der afrikanischen Savanne Menschen mehr fürchten als Löwen

Nashorn, Antilope und Löwe in der afrikanischen Savanne vor einer Kamera und beobachtendem Menschen.

Mit ihren klingenartigen Tatzen, die von einer wogenden Masse aus reiner Muskulatur bewegt werden, dem scharfen Blick, blitzschnellen Reflexen und Kiefern, die mit ihren Fangzähnen zermalmen können, gehören Löwen ganz sicher nicht zu den Räubern, mit denen die meisten Tiere freiwillig Streit suchen würden. Zumal sie auch noch klug genug sind, im Rudel zu jagen.

„Löwen sind der grösste gruppenjagende Landräuber auf dem Planeten und sollten daher am furchteinflössendsten sein“, sagte der Naturschutzbiologe Michael Clinchy von der Western University in Kanada im Jahr 2023.

Löwen als Massstab für Gefahr – und doch nicht das Maximum

Doch bei mehr als 10.000 Aufnahmen von Wildtieren in der afrikanischen Savanne reagierten 95 Prozent der beobachteten Arten auf das Geräusch eines ganz anderen Wesens deutlich panischer. Dieses Wesen ist nicht einmal im strengen Sinn ein Spitzenprädator. Es sind wir: Menschen.

Wir sind gewissermassen die Monster, die unter den Betten anderer Säugetiere lauern.

„Die Angst vor Menschen ist tief verankert und allgegenwärtig“, sagte Clinchy. „Es gibt diese Vorstellung, dass sich Tiere an Menschen gewöhnen, wenn sie nicht gejagt werden. Aber wir haben gezeigt, dass das nicht der Fall ist.“

Das Experiment im Greater Kruger National Park: Stimmen, Jagdgeräusche und Löwenlaute

In einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie spielten die Ökologin Liana Zanette von der Western University und Kolleginnen und Kollegen an Wasserstellen im Greater Kruger National Park in Südafrika verschiedene Lautäusserungen und Geräusche ab – und zeichneten die Reaktionen der Tiere auf.

Das Schutzgebiet beherbergt die weltweit grösste verbliebene Löwenpopulation (Panthera leo). Den übrigen Säugetieren dort ist die Gefahr, die von diesen Fleischfressern ausgeht, also sehr vertraut.

Das Forschungsteam sendete Tonaufnahmen von menschlichen Gesprächen in lokalen Sprachen aus, darunter Tsonga, Nördliches Sotho, Englisch und Afrikaans. Zusätzlich spielten sie Geräusche menschlicher Jagd ab, darunter bellende Hunde und Schüsse. Als Vergleich dienten ausserdem Aufnahmen von Löwen, die miteinander kommunizieren.

„Entscheidend ist, dass die Löwenlaute aus Fauchen und Knurren bestehen – sozusagen ‚Gespräche‘ – und nicht daraus, dass sie sich gegenseitig anbrüllen“, sagte Clinchy. „So sind die Löwenlaute direkt mit den menschlichen Stimmen vergleichbar, die ebenfalls in normaler Gesprächsweise aufgenommen wurden.“

Allerdings fanden nicht alle Versuchsteilnehmer die Mühe der Forschenden besonders erfreulich.

„Eines Nachts hat die Löwenaufnahme einen Elefanten so wütend gemacht, dass er angriff und das ganze Ding einfach zertrümmerte“, sagte Zanette – sie bezog sich dabei auf den Kameraaufbau.

Klingt nach einer nachvollziehbaren Reaktion.

Reaktionen der Savannen-Säugetiere: Menschen klingen am gefährlichsten

Bei den Experimenten waren fast alle der 19 beobachteten Säugetierarten doppelt so häufig bereit, die Wasserstellen zu verlassen, wenn sie Menschen sprechen hörten, als wenn sie Löwen hörten – oder sogar Jagdgeräusche. Zu den erfassten Säugetieren gehörten Nashörner, Elefanten, Giraffen, Leoparden, Hyänen, Zebras und Warzenschweine – Arten, von denen einige durchaus selbst gefährlich werden können.

Doch unsere Angst vor solchen Tieren hält uns selten davon ab, über ihr Schicksal zu entscheiden. Vom Erlegen gewaltiger Mammuts bis hin zur Aufzucht des gefährlichsten modernen Dinosauriers – wir stellen uns offenbar jeder Herausforderung.

Als mit Abstand tödlichstes Tier des Planeten und als wichtiger Motor der Evolution haben Menschen sich leider jeden herzrasenden Moment der Furcht verdient, den wir in anderen auslösen.

„Es war speziell das Hören menschlicher Stimmen, das die grösste Angst auslöste“, erklärt das Team in seiner Arbeit, „was darauf hindeutet, dass Wildtiere Menschen als die eigentliche Gefahr erkennen, während verwandte Störungen wie bellende Hunde nur schwächere Stellvertreter sind.“

Angesichts der heutigen Allgegenwart des Menschen ist ein Entkommen vor uns stets nur vorübergehend. Das bedeutet, dass diese Säugetiere ihre Angstreaktionen leider immer wieder erleben werden.

Für die ohnehin schrumpfenden Bestände vieler Savannenarten – darunter Giraffen – ist das keine gute Nachricht. Wie frühere Forschung des Teams nahelegt, kann anhaltende Furcht allein die Populationen von Beutetieren über Generationen hinweg verringern.

Gleichzeitig könnten Naturschutzbiologinnen und -biologen dieses Wissen auch nutzen, um Arten zu schützen. Indem sie in Regionen Südafrikas mit bekannter Wilderei menschliche Gespräche abspielen, hoffen sie, das bedrohte Breitmaulnashorn der Unterart Südliches Breitmaulnashorn sicher fernzuhalten.

„Ich denke, wie allgegenwärtig diese Angst in der Savannen-Säugetiergemeinschaft ist, ist ein echter Beleg für die Umweltwirkung, die Menschen haben“, sagte Zanette.

„Nicht nur durch Lebensraumverlust und Klimawandel und das Aussterben von Arten – das ist alles wichtig. Sondern schon allein, dass wir dort draussen in dieser Landschaft sind, reicht als Gefahrensignal, auf das sie sehr stark reagieren. Sie haben eine Todesangst vor Menschen, weit mehr als vor jedem anderen Räuber.“

Die Studie wurde in Current Biology veröffentlicht.

Eine frühere Version dieses Artikels wurde im Oktober 2023 veröffentlicht.


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