Drei autonome Unterwasserroboter haben das jahrzehntelang vermisste Wrack der USS Stewart (DD-224) in rund 1.067 Metern Tiefe unter der Oberfläche des Pazifiks lokalisiert.
Der Fund gelang im August 2024 und wurde am 1. Oktober öffentlich gemacht. Das Wrack liegt etwa 48 Kilometer vor der Küste Nordkaliforniens innerhalb des Nationalen Meeresschutzgebiets Cordell Bank.
Der einst rund 96 Meter lange Zerstörer ist weitgehend erhalten und steht nach 78 Jahren am Meeresboden noch immer nahezu aufrecht.
Historisch bedeutsam ist das Schiff vor allem wegen seiner ungewöhnlichen Laufbahn unter amerikanischer wie auch japanischer Flagge – bemerkenswert ist jedoch ebenfalls, wie schnell die Suche zum Ergebnis führte.
Als Partner der Expedition nennt die offizielle Mitteilung Ocean Infinity, die Air/Sea Heritage Foundation, SEARCH, das NOAA-Büro für Nationale Meeresschutzgebiete sowie das Naval History and Heritage Command.
USS Stewart und die Asienflotte
Die USS Stewart trat im September 1920 in den Dienst der US Navy ein und wurde später der Asienflotte zugeteilt.
In der Schlacht in der Badung-Strasse im Februar 1942 erlitt der Zerstörer Schäden. Er wurde daraufhin in ein Reparaturdock auf Java gebracht, wo ein Unfall das Schiff festsetzte, während japanische Truppen näher rückten.
Bevor die Besatzung das Schiff verlassen musste, versuchte sie, es unbrauchbar zu machen und zu versenken.
Japan hob das Wrack später, setzte es instand und stellte es als Patrouillenboot Nr. 102 in Dienst. Den ehemaligen US-Zerstörer nutzte man vor allem für Geleitschutzaufgaben.
Alliierte Piloten berichteten danach von dem irritierenden Anblick eines Kriegsschiffs im alten amerikanischen Stil, das hinter den feindlichen Linien operierte.
Dieses Rätsel trug zum Spitznamen „Geisterschiff des Pazifik“ bei, auch wenn die Identität spätestens klar war, als US-Truppen das Schiff nach Kriegsende in Japan auffanden.
Eine letzte Heimreise
Am 29. Oktober 1945 gelangte das stark mitgenommene Schiff bei einer emotionalen Wiederindienststellungszeremonie zurück unter amerikanische Kontrolle.
Matrosen nannten es „RAMP-224“ – ein Spitzname, der die Rumpfnummer mit einem Kriegsbegriff für geborgene alliierte Angehörige verband.
Auf der Überfahrt Richtung Heimat versagten die Maschinen, sodass das Schiff schliesslich in die Bucht von San Francisco geschleppt wurde.
Zu diesem Zeitpunkt war der Zerstörer bereits veraltet und für einen praktischen Einsatz zu stark beschädigt.
Am 24. Mai 1946 setzte die Navy ihn vor Kalifornien als Zielschiff ein.
Mehr als zwei Stunden lang trafen Flugzeugraketen, Maschinengewehrsalven und Marinegeschosse das Schiff, bis es endgültig sank – und nur grobe historische Hinweise auf seine spätere Lage hinterliess.
Drei Roboter suchten gemeinsam
Für die Suche brachte das Team drei Unterwasserfahrzeuge vom Typ HUGIN 6000 zum Einsatz, jeweils etwa 6 Meter lang.
Ein autonomes Unterwasserfahrzeug (AUV) bewegt sich eine vorab programmierte Route ab – ohne Pilot an Bord und ohne Kabelverbindung zur Oberfläche.
Wie lässt sich ein rund 96 Meter langes Schiff in grosser Tiefe finden, wo kein Sonnenlicht mehr hilft? Hier kommt Sonar ins Spiel.
Hochauflösendes Sonar schickte Schallimpulse durchs Wasser und wertete die zurückkehrenden Echos aus, während ein Fächer-Echolot (Multibeam) die Form des Meeresbodens kartierte.
Die drei Systeme arbeiteten 24 Stunden parallel. Dass gleich drei Fahrzeuge gleichzeitig scannten, erlaubte es, das Zielgebiet deutlich schneller abzudecken als bei einer herkömmlichen Vermessung mit nur einem Gerät.
Das Suchgebiet erklärt
Um das Suchgebiet einzugrenzen, nutzte man historische Logbucheinträge von Einheiten, die 1946 an der Versenkung beteiligt waren.
Das Raster umfasste etwa 127 Quadratkilometer; das Wrack tauchte bereits in den Daten des ersten Tages auf – weniger als 6,4 Kilometer von der gemeldeten Sinkposition entfernt.
Eine Zahl ist dabei wichtig einzuordnen: Das Nationale Meeresschutzgebiet Cordell Bank erstreckt sich über rund 3.331 Quadratkilometer, doch diese gesamte Schutzzone wurde in dieser Mission nicht vollständig kartiert.
Gerade dieser Unterschied zeigt, warum Archivarbeit auch bei Hightech-Suchen unverzichtbar bleibt: Roboter können schnell scannen, werden aber erheblich effektiver, wenn alte Unterlagen den Suchraum sinnvoll eingrenzen.
Nach 78 Jahren noch fast aufrecht
Die ersten Sonarbilder zeigten ein klar erkennbares Schiff, das nahezu aufrecht ruht – nicht ein grossflächig verteiltes Trümmerfeld.
Eine spätere, noch detailliertere Vermessung sowie ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug (ROV) mit Kamera – ein Roboter, der von der Oberfläche aus gesteuert wird – bestätigten, dass grosse Teile des Rumpfes zusammenhängend erhalten sind.
Unberührt ist die Fundstelle dennoch nicht: Aufnahmen belegen Schäden durch den Beschuss von 1946, Umbauten aus der japanischen Nutzungsphase und Jahrzehnte marinen Bewuchses. Trotzdem wirkt die Gesamtform für ein rund hundert Jahre altes Schiff ungewöhnlich deutlich.
Forschende bezeichneten das Wrack als möglicherweise einen der am besten erhaltenen amerikanischen „Vier-Schornstein“-Zerstörer, die heute bekannt sind.
Der Ausdruck bezieht sich auf die vier Rauchfänge, die dieser Generation von Kriegsschiffen des frühen 20. Jahrhunderts ihre markante Silhouette gaben.
Geschichte wurde zum Lebensraum
Krebse, Fische und weiteres Tiefseeleben nutzen inzwischen Teile der Stahlstruktur. Ein für den Krieg gebautes Schiff ist im Lauf der Zeit zu einem harten Lebensraum auf einem Meeresboden geworden, der grossflächig aus weicherem Sediment besteht.
Bildmaterial und Umweltdaten können den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Schutzgebiets helfen, sowohl das Wrack als auch die Tiere in seiner Umgebung zu dokumentieren.
Damit besitzt die Mission zwei Formen von Nutzen: einen archäologischen und einen ökologischen.
Zugleich ist die Stelle rechtlich geschützt. Als gesunkenes amerikanisches Militärfahrzeug bleibt die USS Stewart Staatseigentum, und das US-Gesetz über gesunkene Militärfahrzeuge untersagt in der Regel unbefugte Störung, Bergung oder Beschädigung.
Warum die Technologie wichtig ist
Dokumentiert wurde die Mission von Michael L. Brennan, Russell E. Matthews, Andrew Sherrell und James P. Delgado, die das Wrack als „ein kraftvolles Symbol für die Komplexität des Pazifikkriegs“ beschrieben.
Diese Einordnung passt zu einem Schiff, das nacheinander in zwei gegnerischen Marinen diente, bevor es in die Heimat zurückkehrte.
Darüber hinaus steckt eine allgemeinere Erkenntnis darin: Verbände autonomer Roboter können grosse Flächen schnell und in hoher Auflösung kartieren – ein Vorteil für maritime Archäologie, Lebensraumkartierungen, die Planung von Offshore-Windparks und die Untersuchung möglicher Trassen für Unterseekabel.
Trotzdem ersetzt ein schneller Fund weder Historikerinnen und Historiker, Archäologinnen und Archäologen, Genehmigungen noch ein umsichtiges Management der Fundstelle.
Die Roboter lieferten die Reichweite – doch erst Aufzeichnungen und menschliches Urteilsvermögen lenkten sie auf den richtigen Abschnitt des Ozeans.
Die offizielle Studie erschien in der Zeitschrift für Maritime Archäologie.
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