Aus einer Bestattungshöhle in Ladakh, hoch im indischen Himalaya, gewonnene alte DNA hat eine Bevölkerungsgruppe sichtbar gemacht, die heute nicht mehr als eigenständige Gemeinschaft existiert. Zehn Personen, die dort vor rund 1.450 Jahren beigesetzt wurden, trugen eine Abstammung, die ungefähr zur Hälfte tibetisch und zur Hälfte nordindisch war.
Eine derartige Kombination ist unter heutigen Südasiatinnen und Südasiaten fast nicht zu finden. Die beiden Abstammungslinien kamen erstmals vor etwa 2.800 Jahren zusammen – viele Jahrhunderte bevor es schriftliche Hinweise auf Kontakte über diese Gebirgsketten hinweg gibt.
Eine Bestattungshöhle in Ladakh
Der Fundort heisst Abi Srinjamo Bao, auch bekannt als „Old Lady Spider Cave“. Er liegt auf etwa 13.000 Fuß (4.000 Meter) in Weideland oberhalb des Dorfes Yogma Kharbu in West-Ladakh.
In der vorderen Kammer befinden sich Felsritzungen sowie die Reste geplünderter, mit Steinen ausgekleideter Gräber. Von dort führt ein enger Tunnel in eine zweite Kammer, in der menschliche Knochen dicht in zwei Ansammlungen verstreut liegen.
Dahinter öffnet sich ein dritter Raum, dessen Decke nur knapp 20 Zoll (50 Zentimeter) hoch ist. Auch hier sind Knochen über den Boden verteilt, jedoch weniger dicht. Kleine Hand- und Fussknochen lagen noch in ihrer ursprünglichen Lage. Das spricht dafür, dass die Toten auf dem Höhlenboden abgelegt und danach nicht mehr umgebettet wurden. Allerdings haben Jahrhunderte von Besuchen die Überreste später dennoch gestört.
Forschende gewinnen alte DNA
Die Ausgrabungen begannen 2021 unter der Leitung von Veena Mushrif-Tripathy vom Deccan College Post-Graduate and Research Institute in Pune (Indien). Sie arbeitete dabei mit dem Archäologen Quentin Devers zusammen, einem Forscher am Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS, Paris).
Die Knochen stammen von Menschen aus sämtlichen Lebensphasen – von Säuglingen bis zu Hochbetagten. An einigen Skelettteilen waren noch natürlich mumifizierte Haut, Bänder und Muskeln erhalten. Zwei mumifizierte Hände konnten unversehrt aus der Höhle geborgen werden.
Mushrif-Tripathy brachte die Proben persönlich nach Boston. Dort isolierte und analysierte ein Team, zu dem auch Nick Patterson gehörte – Computerbiologe am Broad Institute of MIT and Harvard (Broad) –, die alte DNA aus den Überresten aus Ladakh.
Insgesamt gelangten elf Proben ins Labor: acht Knochenproben und drei Proben von Weichgewebe. Sechs der Knochenproben lieferten Genome in hoher Qualität. Die Radiokarbondatierungen dieser sechs liegen eng beieinander und verorten sie um etwa 1.450 Jahre vor heute.
Verglichen mit heutigen und historischen Referenzpopulationen gruppierten sich die zehn Individuen sehr eng. Genetisch lagen sie genau zwischen alten Tibeterinnen und Tibetern sowie Nordinderinnen und Nordindern. Nahezu keine heute lebende südasiatische Gruppe befindet sich an dieser Position.
Zwei Abstammungslinien wurden zu einer
Das Forschungsteam bezeichnet diese Gruppe als Old Ladakh. Modellierungen ergaben, dass der nordindisch verwandte Anteil ihrer Abstammung zwischen 46 und 50 Prozent lag. Der übrige Teil stammte von einer Bevölkerung, die eng mit alten tibetischen Gruppen verwandt war.
Dieses Bild wird sowohl durch mütterliche als auch durch väterliche Linien gestützt. Einige Linien sind typisch südasiatisch und in Tibet nahezu nicht vertreten. Andere kommen häufig in Tibet vor, sind in Südasien aber fast nicht zu finden.
Ein verwandtes Personenpaar trug zudem eine mütterliche Linie, die sonst mit dem alten Nordeuropa in Verbindung gebracht wird. Am plausibelsten ist, dass dieses Merkmal als seltener Marker über Steppenhirten der Bronzezeit nach Nordindien gelangte.
Die Vermischung begann vor 2.800 Jahren
Wenn sich zwei Populationen vermischen, erben ihre Nachkommen lange, abwechselnde Chromosomenabschnitte aus beiden Quellen. Mit jeder Generation werden diese Blöcke durch Rekombination weiter zerlegt und dadurch kürzer. Anhand der heutigen Länge dieser Abschnitte lässt sich abschätzen, wie viele Generationen seit dem Beginn der Vermischung vergangen sind.
Bei Old Ladakh deuteten die Segmentlängen darauf hin, dass vor der Geburt dieser Menschen mindestens 50 Generationen lang „durchmischt“ wurde. Rechnet man mit ungefähr 29 Jahren pro Generation, liegt der erste Vermischungszeitpunkt etwa 1.340 Jahre früher – also bei rund 2.800 Jahren vor heute.
Zudem folgte die Abnahme der Segmentlängen einer einzigen, glatten Kurve. Dieses Muster ist typisch, wenn eine Population sich einmalig mischt und danach weitgehend gegenüber neuen Zuzügen geschlossen bleibt. Entsprechend stammten diese zehn Personen aus einer Gemeinschaft, die genetisch bereits seit mehr als einem Jahrtausend stabil war.
Auch frühere Studien passen dazu: Eine grosse Untersuchung alter Genome aus Süd- und Zentralasien zeigte, dass Menschen der Eisenzeit im Gebiet des heutigen Nordpakistan alle drei tiefen Abstammungskomponenten trugen, die hinter modernen Nordinderinnen und Nordindern stehen.
Die DNA der Old-Ladakh-Genome belegt, dass die spezifische nordindische Mischung bereits vor 2.800 Jahren etabliert war.
Woher kam Old Ladakh?
An diesem Punkt stiess die Analyse an Grenzen. Keine bislang beprobte alte tibetische Gruppe passt exakt zu der „nördlichen“ Hälfte der Old-Ladakh-Abstammung.
Über das tibetische Plateau hinweg unterschieden sich Populationen darin, wie eng sie mit alten Menschen aus Nordostchina und aus Xinjiang verwandt waren. Eine Erhebung mit 89 alten Individuen vom Plateau dokumentierte diese innere Struktur direkt.
Die naheliegendste Interpretation ist daher, dass die tatsächliche Quelle eine tibetische Population war, die bislang einfach nicht beprobt wurde und irgendwo innerhalb des bekannten Variationsspektrums lag.
Ein zweiter Vorbehalt betrifft den Ort: Die genetische Vermischung muss nicht in Ladakh selbst stattgefunden haben. Sie könnte auch anderswo entlang des Himalaya-Bogens passiert sein, während die bereits vermischte Gruppe erst später nach Ladakh gelangte.
Höhenanpassungs-Gen blieb selten
Bei den meisten Tibeterinnen und Tibetern findet sich eine Genvariante, die dem Körper hilft, mit dünner Luft umzugehen. Wie eine bekannte Arbeit zeigte, stammt sie von Denisovanern – einer archaischen Menschengruppe, die sich in Asien mit modernen Menschen vermischte.
Das Team suchte diese Variante auch bei den Höhlenindividuen. Es waren genügend Daten erhalten, um neun Chromosomen über fünf Personen hinweg auszulesen. Nur eine Person trug die denisovanische Variante.
Angesichts des tibetischen Anteils an ihrer Abstammung hätte man grob bei etwa zwei von diesen neun Chromosomen mit der Variante gerechnet. Bei dieser Stichprobengrösse ist ein einzelner Treffer jedoch nicht überraschend.
Was sich daraus aber sehr wohl ableiten lässt: Die Variante verbreitete sich in dieser Gruppe nicht rasch. Nach der Vereinigung der beiden Abstammungslinien stand sie hier offenbar nicht unter starkem Selektionsdruck – trotz der Anforderungen des Lebens auf 13.000 Fuß (4.000 Meter).
Ladakh-Nachfahren leben weiter
Diese Menschen hinterliessen Nachkommen. Ihr genetisches Signal ist besonders deutlich in der DNA der Minero aus Ladakh zu erkennen, die sich modellhaft als rund 56 Prozent Old-Ladakh-Abstammung beschreiben lassen. Die Balti tragen einen etwas kleineren Anteil.
Alte DNA ist auf dem indischen Subkontinent weiterhin selten. Dadurch sind diese zehn Genome ein ungewöhnlich früher Ankerpunkt für die Bevölkerungsgeschichte der Region. Aus Südasien gibt es kaum anderes Material, das so weit zurückreicht und zugleich eine vergleichbare Qualität besitzt.
Die Genome liefern ausserdem einen körperlichen Nachweis für Kontakte zwischen Ladakh und Tibet bereits ein Jahrhundert bevor das Tibetische Reich mit seiner Expansion begann. Diese Verbindung war zuvor vor allem aus Felsritzungen und Keramikstilen abgeleitet worden – nicht jedoch aus menschlichen Überresten.
Damit zeigt sich: Eine eigenständige Bevölkerung, halb nordindisch und halb tibetisch, lebte über weit mehr als tausend Jahre im westlichen Himalaya und floss in die heutigen Menschen der Region ein. Dass es sie gab, war bislang unbekannt.
Um zu klären, wie weit sie geografisch reichte, werden weitere Funde aus zusätzlichen Fundorten nötig sein. Erst dann lässt sich bestimmen, welches Verbreitungsgebiet diese Population hatte, wann sie als separate Gruppe verschwand und welcher archäologischen Kultur Ladakhs sie zuzuordnen ist.
Bildnachweis: Studienautorinnen und -autoren/Science Advances, CC BY 4.0
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