Zum Inhalt springen

Wohnbestattung: Sabina Cveček zeigt, wie häufig Tote einst im oder am Haus beigesetzt wurden

Frau kniet am Grabstein und schaufelt Erde, daneben Skizzen in einem Notizbuch auf dem Boden.

In ferner Vorzeit behielten Familien ihre Toten im eigenen Wohnumfeld. Sie legten Gräber unter den Hausböden an – nahe Feuerstellen und Wänden – oder im Hof, dort, wo der Haushalt arbeitete. Heute ist das fast überall verschwunden.

Für diesen Wandel lag lange eine einfache Deutung bereit: Sesshaftigkeit. Sobald Menschen nicht mehr umherzogen, so die gängige Erklärung, hätten sie nahe am Haus bestattet, um Verwandte bei sich zu behalten und zugleich den Anspruch auf Land zu markieren. Doch die Zahlen passen nicht zu dieser Geschichte.

Sabina Cveček, Archäologin am Field Museum in Chicago, stellte zwei Arten von Quellen gegenüber, die beschreiben, wie Gesellschaften mit ihren Toten umgehen. Zum einen ethnografische Berichte von Anthropologinnen und Anthropologen, die längere Zeit in Gemeinschaften lebten und Beobachtungen festhielten. Zum anderen archäologische Fundplätze, die ausgegraben wurden – die meisten davon mehrere tausend Jahre alt.

„Die überraschendste Entdeckung war, wie verbreitet Wohnbestattungen im archäologischen Befund sind“, sagte Cveček gegenüber Earth.com.

„Wir fanden heraus, dass das Bestatten der Toten in oder nahe bei Häusern keine ungewöhnliche Praxis war, sondern eine weit verbreitete Art, Vorfahren körperlich mit dem Alltagsleben verbunden zu halten. Das stellt die Vorstellung infrage, das Zuhause sei nur ein Ort für die Lebenden – es war ebenso ein Ort für Erinnerung, Identität und Beziehungen zu den Toten.“

In der archäologischen Terminologie zählt beides als Wohnbestattung: ein Grab im Hausinneren und ein Grab direkt außerhalb, im Hof- oder Arbeitsbereich der Familie.

Antike Gräber am Haus, moderne eher außerhalb

Cveček startete mit 60 Kulturen aus eHRAF World Cultures, einer Datenbank der Human Relations Area Files an der Yale University. Damit eine Gesellschaft aufgenommen wurde, musste sie in mindestens 1.200 Seiten Ethnografie von zwei Autorinnen oder Autoren beschrieben sein – darunter mindestens eine ausgebildete Anthropologin bzw. ein ausgebildeter Anthropologe.

In 53 der 60 Fälle konnte sie das Bestattungsverhalten codieren; in sieben Ethnografien wurde es schlicht nicht erwähnt.

Von diesen 53 Gruppen bestatteten elf – also 21 Prozent – zumindest einen Teil der Verstorbenen im direkten Wohnbereich. Dreiundzwanzig nutzten dagegen einen Friedhof bzw. eine Begräbnisstätte außerhalb der Siedlung, und zehn kremierten ihre Toten oder setzten sie der Witterung bzw. der freien Natur aus.

Cveček erschien dieser Anteil niedrig. Gemeinsam mit der Anthropologin Carol Ember, die im selben Archiv arbeitet, prüfte sie die Auswertung erneut. Anschließend holten sie Timothy Earle von der Northwestern University sowie Archäologinnen und Archäologen des Field Museum hinzu, die aus ihrer Arbeit wussten, wie häufig Hausgräber in alten Siedlungen auftauchen.

Daraufhin codierte das Team nach demselben Schema 49 archäologische Traditionen, zufällig ausgewählt aus eHRAF Archaeology. Zweiundvierzig ließen sich auswerten; in 18 dieser 42 Fälle – also 43 Prozent – wurden zumindest einige Tote in oder unmittelbar neben den Häusern beigesetzt.

Damit lag die Rate in antiken Gemeinschaften etwa doppelt so hoch – ein Abstand, der kaum als Zufall durchgehen dürfte. Für die im Juli nach Peer-Review veröffentlichte Studie wurden keine neuen Ausgrabungen vorgenommen: Die Daten existierten bereits; die Aufgabe bestand darin, sie systematisch zu lesen und zu zählen.

Sesshaftigkeit erklärte den Unterschied nicht

Seit Jahrzehnten vertreten Anthropologinnen und Anthropologen die These, vor allem sesshafte Gruppen würden im Wohnbereich bestatten. Wer über Generationen an einem Ort bleibt, so die Argumentation, baue engere Bindungen an Vorfahren und an das zugehörige Land auf.

Cveček ordnete jede Gruppe als nicht dauerhaft, teildauerhaft oder dauerhaft ein. Für die Ethnografien nutzte sie die Siedlungscodierung von George Murdock, für die archäologischen Traditionen die Siedlungszusammenfassungen der Encyclopedia of Prehistory.

Anschließend prüfte sie die Sesshaftigkeit gegen den Bestattungsort – in allen Kombinationen, die die Daten hergaben: dauerhaft gegen alle anderen, dauerhaft und teildauerhaft gegen nicht dauerhaft, zunächst getrennt nach Datensätzen und dann zusammengeführt. Das Ergebnis blieb stabil: Sesshafte Gruppen bestatteten im Wohnumfeld ungefähr ebenso häufig wie mobile.

Ein Einwand läge nahe: Vielleicht finden Archäologinnen und Archäologen Hausgräber nur deshalb so oft, weil sie vor allem dort graben. Doch das überzeugt nicht. Systematische Hausausgrabungen sind erst seit rund fünf Jahrzehnten üblich. Friedhöfe, Grabhügel und monumentale Grabanlagen werden dagegen seit über einem Jahrhundert geöffnet.

Auch in ethnografischen Beobachtungen wäre eine solche Praxis schwer zu übersehen. Jede der untersuchten Personen verbrachte mindestens ein Jahr in der jeweiligen Gemeinschaft, und ein Todesfall wird nahezu überall durch Rituale markiert, die auch Außenstehende wahrnehmen können.

Ein Großvater im Hof

Wer unter dem Hausboden oder im Hof beigesetzt wurde, folgte keineswegs dem Zufall. Bei den LoWiili in Westafrika dokumentierte Jack Goody eine klare Regel: Ein Großvater, der zwei Generationen von Nachkommen hervorgebracht hatte, wurde im Hof des von ihm gegründeten Hauses bestattet.

Alle anderen kamen auf einen Friedhof in unbewirtschaftetem Land – ungefähr ein Friedhof pro patrilinearer Abstammungsgruppe. Die LoDagaa bezeichneten dies als Bestattung „im Busch“.

Während der drei Tage der vorangehenden Riten stützte man den toten Mann an das Haus, das er gebaut hatte. Er blieb in hockender Haltung – auf derselben Tür eines Viehstalls oder auf derselben Holzbank, die er als alter Mann so oft genutzt hatte.

Goody unterschied den Sinn dieser Orte ausdrücklich: Das Grab im Hof bezog sich auf Abstammung. Das Friedhofsgrab stand dagegen für Lokalität: Wer zu einem Haus gehörte, wurde auf denselben „Nachbarschaftsfriedhof“ gebracht – unabhängig davon, aus welcher Linie die Person stammte.

Cvečeks Team betont, dass dieser Unterschied auch für Arbeiten mit alter DNA wichtig ist. Auf einem Friedhof sollten Genetikerinnen und Genetiker demnach eher eine Mischung nicht verwandter Haushalte finden. In und direkt um ein Haus herum wäre dagegen eher eine einzelne Abstammungslinie zu erwarten.

Über diese Verbindungen wurde häufig auch Land vererbt. Bei den Baegu auf den Salomonen bestatteten Familien ihre Vorfahren in einem heiligen Hain und ehrten sie dort mit regelmäßigen Zeremonien. Wer Rechte an Clanland beanspruchte, musste eine verwandte Person benennen können, die in diesem Hain begraben lag.

Christliche Friedhöfe und koloniales Bodenrecht

In 20 ethnografischen Fällen hielten die Forschenden fest, dass sich Bestattungspraktiken veränderten. In acht dieser Gemeinschaften setzte der Wandel ein, als sich monotheistische Religionen ausbreiteten. In drei weiteren Fällen spielte staatliches Handeln eine zentrale Rolle.

Raymond Firth beschrieb 1936 das ältere Muster auf Tikopia: Familien bestatteten ihre Toten im Wohnhaus oder direkt außen unter dem Dachüberstand, in Matten und Rindenstoff eingewickelt, etwa 1,8 m tief in sandigem Boden.

Viele Tikopia waren zu diesem Zeitpunkt bereits christlich, doch nur wenige Familien nutzten einen Kirchhof; Friedhöfe im engeren Sinn gab es kaum.

Heute bestatten weder die Tikopia noch die Tzeltal-Gemeinschaften aus der Stichprobe ihre Toten im Wohnbereich.

An der Goldküste – dem heutigen Ghana – änderte die britische Kolonialverwaltung im späten 19. Jahrhundert das Bestattungsrecht sechsmal, um Familien in Gemeinschaftsfriedhöfe zu drängen.

Die Historikerin Sarah Balakrishnan verfolgte als Motiv vor allem Bodenpolitik: Behörden gingen davon aus, dass Menschen Land nicht verkaufen würden, wenn dort ihre Ältesten begraben sind. Sobald die Toten außerhalb des Hauses lagen, konnte dieses Grundstück leichter den Besitzer wechseln.

Religiöser Wandel kam jedoch nicht immer „mit einer Flotte“. Die Santal in Südasien übernahmen Elemente des Hinduismus und verlegten Bestattungen aus ihren Wohnhäusern heraus.

Griechische Dörfer hörten deutlich früher auf

Nicht jede Verschiebung lässt sich auf Kolonialismus zurückführen. Im neolithischen Nordgriechenland wurden Tote im Wohnumfeld bestattet. In der mykenischen Zeit hörte dies fast vollständig auf, und im klassischen Athen war eine Bestattung innerhalb der Stadt im Allgemeinen verboten – nahezu zwei Jahrtausende vor Europas kolonialer Expansion.

Archäologinnen und Archäologen haben einen ähnlichen Wechsel bei den Moche in Peru sowie an Fundplätzen in Costa Rica dokumentiert.

Gary Feinman, Kurator am Field Museum und Mitautor, formulierte es grundsätzlicher: „Human cultural behaviors are dynamic, not static“, sagte er. Für mehrere der in der Studie behandelten Fälle habe die Veränderung deutlich vor der Kolonialzeit eingesetzt.

Earth.com fragte Cveček, was die Ergebnisse darüber aussagen, wie gewöhnliche Menschen im Alltag mit ihren Toten zusammenlebten.

„Die ferne Vergangenheit erinnert uns daran, dass für viele Gemeinschaften die Toten nicht aus dem Alltag entfernt wurden, sondern zu Hause blieben“, sagte sie. „Die moderne Trennung von Wohnhäusern und Friedhöfen existierte auch in der Vergangenheit, aber zugleich scheint es, dass das Begraben der Toten zu Hause früher häufiger war.“

Welche Rolle Verwandtschaft als Nächstes erklären könnte

Ganz fallen gelassen hat das Team die Sesshaftigkeitsidee nicht. In mehreren Regionen tauchen die frühesten Hausgräber gerade dann auf, wenn Siedlungen länger bestehen bleiben. Mit 95 codierten Fällen können die Autorinnen und Autoren allerdings nicht entscheiden, ob dies für bestimmte Zeiträume, bestimmte Regionen oder bestimmte Regeln des Landbesitzes gilt. Sie schreiben, dass ein sauberer Test mehr Fälle erfordert.

„Unsere Arbeit eröffnet neue Fragen, statt eine einzige Erklärung zu liefern“, sagte Cveček im Interview mit Earth.com.

Sie möchte, dass Archäologinnen und Archäologen gezielter fragen, warum Wohnbestattungen in manchen Gegenden üblich waren und in anderen nicht. Außerdem plädiert sie für genauere Untersuchungen zu Urbanisierung, Staatsbildung, religiösem Wandel und Kolonisierung – und dazu, wie diese Prozesse die Beziehung zwischen Lebenden und Toten jeweils umformten.

Ihr eigener nächster Schritt betrifft Verwandtschaftssysteme. „Der nächste Untersuchungsstrang könnte beinhalten zu testen, ob unterschiedliche Verwandtschaftssysteme und die Nachverfolgung von Abstammung mit Wohnbestattungen in ethnografischen Befunden zusammenhängen“, sagte sie. „Das würde uns die Möglichkeit geben zu verstehen, ob und wie Verwandtschaftspraktiken Bestattungspraktiken geprägt haben.“

Bislang hat niemand systematisch geprüft, ob Gruppen, die Abstammung auf eine bestimmte Weise verfolgen, ihre Toten anders bestatten als Gruppen mit anderen Abstammungsregeln. Dafür müsste man dieselben 60 Ethnografien erneut durchgehen – diesmal sortiert nach familiärer Linie.

Die vollständige Studie erschien in der Fachzeitschrift American Antiquity.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen