Zum Inhalt springen

Langfristige finanzielle Not und niedriges Einkommen können das Gehirn im Alter prägen – UCL-Studie über 70 Jahre

Ältere Frau betrachtet nachdenklich ein Gehirn-CT am Küchentisch mit Sparschwein, Münzen und offenem Buch.

Finanzielle Schwierigkeiten treten fast nie als einzelner Einschnitt auf. Häufig ziehen sie sich über Jahre hin und zermürben Menschen schrittweise – mit Folgen, die sich aufsummieren.

Ein Forschungsteam am University College London (UCL) wollte klären, ob diese langfristige Belastung Spuren im alternden Gehirn hinterlässt. Auf Basis von Daten aus sieben Jahrzehnten fiel die Antwort eindeutig aus.

Wer in der frühen und mittleren Lebensphase dauerhaft mit Geldproblemen zu kämpfen hatte, schnitt mit 53 Jahren in Tests zum Denken und Erinnern schlechter ab.

Und Personen, die über längere Zeit sowohl anhaltende Geldsorgen als auch ein niedriges Einkommen erlebten, zeigten Jahrzehnte später ebenfalls ungünstigere Befunde zur Gehirngesundheit.

Menschen 70 Jahre lang begleitet

Untersucht wurden Teilnehmende der National Survey of Health and Development, einer britischen Geburtskohorte, die 1946 gestartet ist und als längste kontinuierlich laufende Geburtskohortenstudie dieser Art gilt.

Organisiert wird die Erhebung vom Medical Research Council (MRC). Alle Teilnehmenden wurden in derselben Woche im März 1946 geboren – und die meisten sind bis heute dabei.

„Die meisten Studien zum kognitiven Altern betrachten finanzielle Not nur zu einem einzigen Zeitpunkt“, sagte Dr. Jacques Wels, korrespondierender Autor der Studie.

„Unsere Studie mit mehreren Jahrzehnten an Daten zeigt, dass es die Anhäufung von Not über viele Jahre ist, die mit den schlechtesten Ergebnissen der kognitiven Gesundheit verbunden ist – und nicht einzelne, gelegentliche Phasen von Belastung.“

Geldlage und Gehirngesundheit erfassen

Das Team verfolgte im Erwachsenenalter bei 2,759 Personen zwei Formen finanzieller Belastung. Erstens: niedriges Haushaltseinkommen, erfasst im Alter von 26, 43 und 53 Jahren.

Zweitens: selbst berichtete finanzielle Not, etwa Schwierigkeiten, Rechnungen zu bezahlen oder von Monat zu Monat über die Runden zu kommen. Als dauerhaft betroffen galten Personen nur dann, wenn sie den Schwellenwert mindestens zweimal überschritten.

Die kognitive Leistung wurde mit zwei einfachen Aufgaben erhoben. In einer sollten die Teilnehmenden unter Zeitdruck Zielbuchstaben durchstreichen – ein grobes Mass für die Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Die zweite Aufgabe verlangte, sich eine Liste mit 15 Wörtern einzuprägen und anschliessend möglichst viele davon wiederzugeben. Beide Tests wurden im Alter von 53, 63 und 69 Jahren wiederholt.

Erste Hinweise bereits in der Lebensmitte

Dauerhaft niedriges Einkommen betraf ungefähr jede sechste Person. Anhaltende finanzielle Not lag bei etwa jeder achten vor.

Mit 53 Jahren erzielten beide Gruppen niedrigere Werte sowohl bei der Geschwindigkeit als auch beim Gedächtnistest. Alltagssprachlich heisst das: langsamere Reaktionen und weniger erinnerte Wörter.

Zur Lebensmitte war besonders das verbale Gedächtnis stärker beeinträchtigt. Auch die Verarbeitungsgeschwindigkeit fiel ab – jedoch weniger deutlich.

Zudem zeigte sich ein Dosis-Effekt: Je mehr Belastungsphasen jemand erlebt hatte, desto niedriger waren im Durchschnitt die Ergebnisse. Der Effekt war nicht gross, trat aber wiederholt und stabil auf.

Die überraschenden Ergebnisse beim Gedächtnis

In den Folgejahren ergab sich ein unerwartetes Bild. Zwischen 53 und 69 Jahren nahmen die Gedächtniswerte in der Gruppe mit finanzieller Not langsamer ab als bei allen anderen.

Auf den ersten Blick klingt das positiv. Die tatsächliche Erklärung ist jedoch weniger beruhigend.

Menschen mit finanzieller Not hatten bis zur Lebensmitte bereits deutlich Boden verloren. Weil ihr Ausgangsniveau niedriger war, blieb ihnen schlicht weniger, was noch weiter abfallen konnte.

Dieses Muster zeigte sich nur bei andauernder Not – nicht bei einem einzelnen schwierigen Abschnitt. Ein grosser Teil der Beeinträchtigung war demnach bereits bis zur Lebensmitte entstanden.

Was die Gehirnscans zeigten

Eine kleinere Teilgruppe kam in den späten 60ern und frühen 70ern zu bildgebenden Untersuchungen zurück. Gemessen wurden unter anderem Gehirnschrumpfung sowie die flüssigkeitsgefüllten Hohlräume im Gehirn.

Wenn sich diese Räume erweitern, gilt das typischerweise als Zeichen schlechterer Gehirngesundheit. Bei Personen mit dauerhaft niedrigem Einkommen war diese Erweiterung stärker ausgeprägt.

Der Unterschied lag bei etwa 0.16 Fluid Ounces, also 4.7 Millilitern zusätzlichem Ventrikelraum. So klein das klingt: Er hing mit der Zeitspanne zusammen, in der jemand mit niedrigem Einkommen gelebt hatte.

In dieser ersten Bildgebung fanden sich ansonsten keine eindeutigen weiteren Unterschiede. Deutlichere Abstände zeigten sich erst, als das Team gezielt bestimmte Gruppen miteinander verglich.

Wer die stärksten Gehirnveränderungen zeigte

Die Belastung verteilte sich nicht gleichmässig. Drei Gruppen erwiesen sich als besonders anfällig für die Auswirkungen auf das Gehirn.

Männer schnitten schlechter ab als Frauen – sowohl in den kognitiven Tests mit 53 Jahren als auch bei späterer Gehirnschrumpfung.

Als naheliegende Erklärung nennen die Forschenden den Generationenkontext: Männer waren in dieser Kohorte meist die Haupternährer, sodass finanzielle Anspannung vermutlich stärker auf ihnen lastete.

Auch eine belastete Kindheit erhöhte das Risiko. Personen, die benachteiligt aufwuchsen und später zusätzlich dauerhaft finanzielle Not erlebten, zeigten ein schnelleres Schrumpfen in gedächtnisrelevanten Hirnregionen.

Die dritte Risikogruppe trug die Genvariante APOE-ε4, die mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko verbunden ist. Trägerinnen und Träger, die zugleich über längere Zeit finanzielle Not erlebt hatten, wiesen die ausgeprägteste Gehirnschrumpfung auf.

Wie finanzielle Not das Gehirn beeinflussen kann

Wie können Geldsorgen die Gehirngesundheit beeinträchtigen? Das Team beschreibt mehrere plausible Mechanismen.

Dauerhafte Sorgen um Geld binden geistige Kapazität. Dadurch stehen weniger Ressourcen für Aufgaben zur Verfügung, wie sie Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstests abbilden.

Chronischer Stress kann ausserdem Entzündungsprozesse im Körper verstärken. Solche Entzündungen gelten als Faktor, der die Alterung des Gehirns beschleunigen kann.

Diese Mechanismen wurden in der Studie nicht direkt gemessen. Sie liefern jedoch Anhaltspunkte, wie der beobachtete Zusammenhang zustande kommen könnte.

Wo die Forschung Grenzen hat

Einige Einschränkungen sind wichtig: Die untersuchte Gruppe war fast vollständig weiss, und die Teilnehmenden, die zur Bildgebung kamen, waren im Durchschnitt gesünder als die Gesamtstichprobe.

Diese Zusammensetzung könnte den tatsächlichen Effekt sogar eher unterschätzen. Auch der Unterschied zwischen Männern und Frauen dürfte teilweise mit der damaligen Zeit zusammenhängen, in der Männer häufig alleinige Erwerbstätige waren.

Die Zusammenhänge blieben bestehen, nachdem das Team Faktoren wie kognitive Fähigkeiten in der Kindheit, Bildungsniveau und frühe Benachteiligung statistisch berücksichtigt hatte.

Das Muster deutet damit auf die finanzielle Belastung selbst hin – nicht nur auf begleitende Lebensumstände.

Verhindern, dass Not chronisch wird

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Unterstützung für Menschen in finanzieller Not und die Verringerung chronischer Armut auch dazu beitragen könnten, kognitiven Abbau und Demenzfälle in Zukunft zu verhindern“, sagte Professor Praveetha Patala, Co-Autorin der Studie.

Die Aussage gewinnt an Bedeutung in einer Phase, in der so viele Haushalte wie nie zuvor finanzielle Anspannung melden.

Die Daten sprechen dafür, dass vor allem die langanhaltende Belastung – mehr als ein einzelnes schwieriges Jahr – die tiefsten Spuren hinterlassen kann.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen