Aus 3.700 Jahre alten Knochen aus einer Berghöhle in Kalabrien gewonnene DNA zeigt eine familiäre Verbindung, die so selten ist, dass sie selbst im Rahmen der tiefen Vorgeschichte herausragt.
Die Überreste liefern ausserdem Hinweise darauf, wer zur Gruppe gehörte, wer von ausserhalb kam und wie Menschen in einer rauen Landschaft überleben konnten.
Feldteams in Kalabrien bargen in der Grotta della Monaca kleine Knochen- und Zahnfragmente und schickten sie anschliessend zur Laboranalyse.
Geleitet wurde die Arbeit von Dr. Francesco Fontani, der an der Universität Bologna (UNIBO) zu antiken Gemeinschaften im Mittelmeerraum forscht.
Da die meisten Überreste verstreut waren, bot genetisches Matching die Möglichkeit, Familienzugehörigkeiten zu rekonstruieren, ohne auf vollständige Skelette angewiesen zu sein.
DNA aus verstreuten Überresten
Der neue Datensatz umfasst genetische Informationen von 23 Menschen, die dort zwischen etwa 1780 und 1380 v. u. Z. bestattet wurden.
Die Forschenden isolierten alte DNA und verglichen dann innerhalb der Gruppe gemeinsam geteilte genetische Varianten.
Teilen zwei Personen lange Abschnitte desselben genetischen Codes, deutet dieses Muster in der Regel auf nahe biologische Verwandtschaft innerhalb einer Generation hin.
Solche Verknüpfungen verraten jedoch keine Motive oder Regeln – deshalb mussten andere Hinweise aus der Höhle einige Lücken schliessen.
Genetische Verbindungen über die Meerenge
Die genetische Ähnlichkeit ordnete viele der Bestatteten Gruppen der Frühbronzezeit auf Sizilien zu, obwohl Kalabrien im Südwesten Italiens liegt – getrennt nur durch eine schmale Meerenge.
„Our analysis shows that the Grotta della Monaca population shared strong genetic affinities with Early Bronze Age groups from Sicily, yet lacked the eastern Mediterranean influences found among their Sicilian contemporaries,“ sagte Fontani.
Zwei Personen zeigten zudem Verbindungen nach Nordostitalien, was trotz der Gebirgslage auf Reisen über die Halbinsel hindeutet.
Bestattungen nach Verwandtschaft angeordnet
Die Lage der Bestattungen innerhalb der Höhle folgte offenbar einem Muster: Verwandte Personen lagen tendenziell nahe beieinander im selben Bereich.
Indem das Team DNA zwischen Fragmenten abglich und die Fundorte kartierte, konnte es Mütter nachvollziehen, die in der Nähe ihrer Kinder abgelegt wurden.
Ein Abschnitt enthielt überwiegend Frauen und Jugendliche; in dieser zentralen Bestattungszone lag nur ein erwachsener Mann.
Weil Knochen im Lauf der Zeit verschoben und durchmischt wurden, bildet die Karte wahrscheinlich nicht alle ursprünglichen Positionen oder sozialen Regeln vollständig ab.
Milch ohne das Gen
Ernährungsdaten brachten eine überraschende Wendung: Genetische Hinweise legen nahe, dass den meisten Erwachsenen die Laktasepersistenz fehlte – also die Fähigkeit, Milchzucker auch im Erwachsenenalter zu verdauen.
Chemische Spuren in den Knochen sprechen jedoch für einen regelmässigen Konsum von Milchprodukten. Das deutet darauf hin, dass Viehhaltung und Milchnutzung etabliert waren, bevor sich die meisten Körper genetisch daran anpassten.
„This paradox illustrates how cultural adaptation can precede genetic evolution,“ sagte Dr. Donata Luiselli, Co-Seniorautorin der Studie.
Wird Milch zu Käse oder Joghurt verarbeitet, sinkt der Laktosegehalt – so konnten auch Menschen ohne entsprechende Mutation Kalorien daraus gewinnen.
Ein Kind mit verdoppelter DNA
Im Genom eines Jungen fand sich das bislang früheste klare genetische Indiz für eine Vater-Tochter-Verbindung im vorgeschichtlichen Europa.
Die Forschenden untersuchten sogenannte Runs of Homozygosity – lange Abschnitte, in denen beide Chromosomen übereinstimmen –, weil jüngere Inzucht solche Blöcke intakt hinterlässt.
Beim Kind waren so viele lange Blöcke vorhanden, dass als Erklärung nur eine Eltern-Kind-Konstellation oder volle Geschwister in Frage kommen.
Die Rekonstruktion der Familie ergab, dass der Junge aus einer Verbindung zwischen einem Vater und seiner eigenen Tochter stammte; die Knochen der Mutter wurden allerdings nicht gefunden.
Warum Inzest Spuren in der DNA hinterlässt
Gesundheitsdaten zu Kindern naher Verwandter zeigen ein erhöhtes Risiko, zwei schädliche Kopien desselben Gens zu erben.
Das tritt auf, wenn beide Eltern jüngere gemeinsame Vorfahren haben, sodass seltene rezessive Varianten sich in einem Kind häufiger paaren.
Archäologinnen und Archäologen dokumentieren mitunter Geschwisterverbindungen in elitären Kontexten; Eltern-Kind-Paarungen erscheinen in antiken Überresten jedoch deutlich seltener.
Selbst mit DNA lässt sich nicht abschätzen, wie häufig solche Ereignisse waren – denn ein Fall kann erhalten bleiben, während andere verschwinden.
Grenzen der sozialen Deutung
Bei der Einordnung dieser Verbindung ist Vorsicht geboten: Genetik zeigt, wer sich fortpflanzte, nicht ob jemand zustimmte oder Widerstand leistete.
Hinweise auf eine strenge Hierarchie fehlen am Fundort, und der Genpool wirkt insgesamt nicht wie der einer winzigen, isolierten Sippe.
„This exceptional case may indicate culturally specific behaviours in this small community, but its significance ultimately remains uncertain,“ sagte Dr. Alissa Mittnik vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.
Ohne schriftliche Quellen bleiben die Regeln der Gemeinschaft zu Ehe, Zustimmung und Sanktionen für heutige Lesende unerreichbar.
Mobilität in der Bronzezeit im Kontext
Die Höhle liegt rund 600 Meter über dem Meeresspiegel, dennoch waren ihre Menschen in die breiteren Bewegungen der Bronzezeit eingebunden.
Da Höhlen Bestattungen über Generationen sammeln, können Genomdaten eine Gemeinschaft über Jahrhunderte erfassen – selbst wenn nahe Siedlungen später verschwinden.
Diese lange Perspektive hilft, regionale Geschichte – etwa Kalabriens Kontakte nach Sizilien und Norditalien – mit den Lebensumständen von Kindern zu verbinden.
Gleichzeitig sind vermischte Knochen nur ein unvollständiges Archiv, und künftige Grabungen in der Region werden prüfen, ob sich dieses Muster andernorts wiederholt.
Die Höhlen-Genome zeigen, wie Migration, Ernährung und Familienstruktur in einer kleinen Gemeinschaft nebeneinander bestehen konnten.
Durch genetische Untersuchungen weiterer Fundorte können Forschende seltene Ereignisse und Alltagspraktiken vergleichen, ohne anzunehmen, dass ein einziges Tal für alle spricht.
Bildnachweis: Grotta della Monaca
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