Kinder, die in den 80er- und 90er-Jahren aufgewachsen sind, hatten ebenfalls Fernsehen und Videospiele – aber sie trugen kein dauerhaftes, vernetztes Unterhaltungsangebot in der Hosentasche. Zeiten ohne attraktives Programm bedeuteten: Spiele ausdenken, Freunde suchen, warten. Das sind Erfahrungen, die die Toleranz gegenüber Langeweile und die Fähigkeit, sich selbst Anreize zu schaffen, begünstigt haben könnten.
Warum gab es in dieser Kindheit mehr Leerlauf-Momente?
Unterhaltung war damals meist an feste Zeiten, bestimmte Orte und konkrete Geräte gebunden. Wenn im Fernsehen nichts Spannendes lief oder draussen gerade niemand zum Spielen da war, musste ein Kind die fehlende Sofort-Stimulation aushalten – und selbst entscheiden, was als Nächstes passiert.
- Fernsehsendungen hatten feste Sendezeiten;
- Spiele waren nicht überall und jederzeit verfügbar;
- Kontakt zu Freunden entstand vor allem durch persönliche Treffen;
- Wege und Warteschlangen wurden ohne Handy überbrückt;
- Spiele mussten mit dem ausgedacht werden, was gerade vorhanden war;
- Leere Phasen wurden nicht automatisch mit kurzen Videos gefüllt.
Wie Strassenspiele die Selbstregulation gefördert haben könnten
Freies Spielen verlangte, dass Kinder Regeln selbst festlegen, Teams einteilen, Streit klären und bestimmen, wann eine Runde endet. Ohne Erwachsene, die jeden Schritt anleiten, brauchte es Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, Pläne anzupassen, damit die Gruppe zusammenbleibt.
Diese Eigenständigkeit kann zur emotionalen Selbstregulation beitragen. Das heisst aber nicht, dass alle Menschen aus dieser Zeit die gleiche Kompetenz entwickelt haben. Familiäre Rahmenbedingungen, die Sicherheit im Viertel, der Zugang zu freien Flächen und individuelle Eigenschaften prägten die Erfahrungen jeweils stark.
Kann Langeweile Kreativität tatsächlich fördern?
Langeweile beschreibt einen Zustand der Unzufriedenheit, wenn Interesse oder Anregung fehlen. In moderatem Mass kann sie als Signal dienen, etwas zu verändern: neue Ideen ausprobieren, gedanklich abschweifen – Prozesse, die mit Vorstellungskraft und dem Finden von Lösungen verbunden sind.
- Regeln für ein Spiel erfinden, ohne fertiges Drehbuch;
- einfache Gegenstände in Spielzeug verwandeln;
- Geschichten ausdenken, um Wartezeiten zu überbrücken;
- die Umgebung nach neuen Beschäftigungen erkunden;
- lernen, an einer Aufgabe dranzubleiben, auch ohne sofortige Belohnung;
- Interessen entdecken, ohne von automatischen Empfehlungen abhängig zu sein.
Schwächen Bildschirme die Fähigkeit, mit Langeweile umzugehen?
Der ständige Zugriff auf Spiele, Nachrichten und Videos macht es leicht, jede monotone Situation sofort gegen einen reizvolleren Impuls auszutauschen. Wenn das zur Gewohnheit wird, gibt es weniger Gelegenheiten, Warten zu üben, Aufmerksamkeit zu halten oder selbst herauszufinden, was man ohne äussere Vorschläge tun könnte.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Bildschirm dem Gehirn schadet oder dass heutige Generationen weniger kreativ sind. Studien finden Zusammenhänge zwischen übermässiger Nutzung, Aufmerksamkeit und Selbstregulation, doch die Effekte sind meist klein und können in beide Richtungen wirken: Kinder, denen Selbstregulation schwerer fällt, greifen unter Umständen auch häufiger zu Bildschirmen.
Sind Menschen aus den 80ern und 90ern wirklich toleranter gegenüber Langeweile?
Es gibt keine ausreichenden Belege, um zu behaupten, eine ganze Generation habe allein wegen des Aufwachsens ohne Smartphones mehr psychische Widerstandskraft entwickelt. Als Denkanstoss über Gewohnheiten ist der Vergleich nachvollziehbar – er kann aber auch die Vergangenheit verklären und Unterschiede in Erziehung, Persönlichkeit, Einkommen, familiärem Umfeld und Zugang zu Aktivitäten ausblenden.
Die zentrale Idee ist daher nicht, Technologie zu verbannen, sondern Zeitfenster für freies Spiel, fürs Warten und für Phasen ohne vorgeplante Reize zu erhalten. Wie bei anderen Überlegungen zur Resilienz früherer Generationen lenkt das den Blick darauf, wie der Alltag emotionale Fähigkeiten trainiert. Ein paar Minuten auszuhalten, ohne sofort Ablenkung zu suchen, kann Raum schaffen für Kreativität, Konzentration und bewusstere Entscheidungen.
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