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400 Jahre altes Jamestown-Rätsel um Wenman und William West durch aDNA gelöst

Archäologin gräbt an einer Ausgrabungsstätte mit alten Artefakten, Karte und DNA-Analyse auf Tablet.

Ein rund 400 Jahre altes Rätsel um die Identität von vier Männern, die in Englands erster dauerhaften Siedlung in Amerika bestattet wurden, scheint nun geklärt zu sein – und legt dabei nicht nur Namen offen, sondern auch eine pikante familiäre Verflechtung.

Ein Forschungsteam aus verschiedenen Disziplinen hat anhand einer DNA-Analyse und archäologischer Untersuchungen bestätigt, dass zwei der bislang namenlosen Personen, die 1610 n. Chr. auf dem Kirchhof von Jamestown in Virginia beigesetzt wurden, Sir Ferdinando Wenman und Captain William West waren.

Dass beide Männer zur Familie des ersten Gouverneurs der Kolonie, Thomas West, gehörten, wird zusätzlich durch die herausgehobene Lage ihrer Gräber im Kirchenbereich von Jamestown sowie durch die Art der verwendeten Särge gestützt.

Die Paläogenomik, die Überreste unserer Vorfahren mühsam auswertet, hat durch alte beziehungsweise „a“ DNA bereits viel über die Evolution des Menschen ans Licht gebracht. Als kriminalistisches Werkzeug zur Aufklärung historischer Rätsel wird aDNA jedoch nur selten eingesetzt.

„Diese Studie ist die erste, die aDNA erfolgreich als Identifikationsinstrument am kolonialen Standort Jamestown in Virginia eingesetzt hat“, sagt die Anthropologin Karin Bruwelheide von der Smithsonian Institution in Washington, DC.

Rätsel um vier Gräber in Jamestown

Ausgangspunkt des Falls sind vier in einer Linie angelegte Gräber im Altarraum (Chorbereich) der Kirche von 1608. Logisch betrachtet konnten dort nur vier hochrangige Männer bestattet worden sein: Wenman und West sowie zwei weitere Personen, die als Reverend Robert Hunt und Captain Gabriel Archer bekannt sind.

Bei der genaueren Betrachtung der handwerklichen Ausführung zweier Särge verdichteten sich die Hinweise darauf, dass diese beiden jeweils die sterblichen Überreste von Wenman und West enthielten.

aDNA-Analyse bestätigt Wenman und West

Bei Wenman war die familiäre Einordnung relativ klar: Seine Mutter galt als Tante des Gouverneurs Thomas West und trug den Namen Jane. Bei William West waren die verwandtschaftlichen Linien deutlich weniger eindeutig – ein Grund, warum das Team die genetischen Daten heranzog, um die Beziehungen genauer zu bestimmen.

Obwohl die DNA in den Überresten nur schlecht erhalten war, gelang eine zentrale Bestimmung: Beide Männer trugen dieselbe mitochondriale Haplogruppe. Diese mütterlich vererbte Linie – Gene, die Kinder ausschliesslich über die Mutter erhalten – gehörte zur vergleichsweise seltenen Gruppe H10e.

Angesichts der eher ungenauen genealogischen Angaben zur Abstammung von William West war die Konsequenz einer gemeinsamen mütterlichen Verbindung unerwartet.

Der verborgene Familienskandal um William West

Um diese Überraschung einzuordnen, werteten die Forschenden historische Dokumente aus und stiessen auf einen zeitgenössischen Gerichtsfall, in dem der Besitz von Captain William West nach seinem Tod umstritten war.

Mary, die Frau, die West grossgezogen hatte, wurde als Begünstigte seines Testaments genannt. Zugleich klagte sie, um Schmuckstücke zu erhalten, die William geschenkt worden waren, aber an andere Familienmitglieder gelangt sein sollten.

Bemerkenswert ist: Die DNA-Auswertung deutet darauf hin, dass nicht Mary, sondern ihre Schwester Elizabeth die tatsächliche Mutter von William gewesen sein dürfte – trotz Aufzeichnungen, die Elizabeth als unverheiratet und kinderlos beschreiben. Da es im 17. Jahrhundert stark tabuisiert war, ein Kind ausserhalb einer Ehe zu bekommen, überrascht es kaum, dass eine solche Verbindung weitgehend verschwiegen wurde.

Um die Verhältnisse noch komplexer zu machen, waren beide Frauen zudem Schwestern von Jane West. Damit waren Sir Ferdinando Wenman, Captain William West und Gouverneur Thomas West allesamt Cousins ersten Grades.

Was die Kombination von DNA und Archäologie zeigt

Abseits des Familiendramas zeigt die nach so langer Zeit gelungene Namenszuordnung, wie leistungsfähig heutige DNA-Methoden sind – vor allem, wenn sie mit archäologischen Verfahren, Analysen der Knochenchemie und der Auswertung historischer Quellen zusammengeführt werden, um die Vergangenheit präziser zu rekonstruieren.

So wirkt auch plausibler, weshalb Captain William West in die Neue Welt aufbrach: um fern der Heimat sein Glück zu suchen, in einem Umfeld, in dem seine Herkunft weniger kritisch beäugt wurde. Dadurch erhalten jahrhundertelang begrabene Knochen wieder Farbe und Menschlichkeit.

„Die für diese beiden Männer berichteten aDNA-Daten offenbaren für einen von ihnen einen zuvor nicht dokumentierten Aspekt der Identität und verändern die anfänglichen Einschätzungen der Forschenden zu seiner Abstammung“, schreiben die Autorinnen und Autoren in ihrer veröffentlichten Arbeit.

„Diese Studie unterstreicht zudem die Notwendigkeit multidisziplinärer Ansätze, um Fragen nicht nur dazu, wer an der Kolonisierung beteiligt war, sondern möglicherweise auch, warum, besser beantworten zu können.“

Die Studie wurde in Antiquity veröffentlicht.

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