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Abric Pizarro: Neandertaler vor rund 70.000 Jahren waren anpassungsfähiger als gedacht

Frau untersucht prähistorische Artefakte und Knochen in einem archäologischen Ausgrabungsstätte.

An einem ganz gewöhnlichen Morgen vor sehr langer Zeit – am Fuss dessen, was heute die Pyrenäen auf der Iberischen Halbinsel in Spanien sind – erwachte eine Gruppe von Neandertalern, begrüsste den Tag und ging im zunehmenden Licht ihren Arbeiten nach.

Dass zehntausende Jahre später moderne Menschen im Erdreich nach Spuren suchen und daraus einzelne Details ihres Alltags ableiten würden, konnten sie nicht ahnen. Genau das ist Archäologinnen und Archäologen nun gelungen: Die neuen Befunde zeigen, dass Neandertaler deutlich widerstandsfähiger waren, als bislang vermutet.

Abric Pizarro: Neandertaler-Spuren aus 65.000 bis 100.000 Jahren

Aus einer erst vor Kurzem entdeckten Felsnische namens Abric Pizarro stammen tausende Fundstücke, die auf ein Alter zwischen 65.000 und 100.000 Jahren datiert werden. Darunter sind Steinwerkzeuge und Tierknochen – Überreste aus einer Epoche, aus der insgesamt nur wenige Spuren des Neandertaler-Lebens erhalten geblieben sind.

Gerade die Knochenfunde sind überraschend: Neben grossen Tieren finden sich auch Reste vieler kleiner Arten. Das deutet darauf hin, dass Neandertaler flexibel jagten und ihre Lebensweise an das jeweilige Nahrungsangebot anpassen konnten.

„Unsere überraschenden Ergebnisse aus Abric Pizarro zeigen, wie anpassungsfähig Neandertaler waren“, sagt die Zooarchäologin Sofia Samper Carro von der Australian National University.

„Die Tierknochen, die wir geborgen haben, zeigen, dass sie die umgebende Fauna erfolgreich nutzten: Sie jagten Rothirsche, Pferde und Bisons, assen aber auch Süsswasserschildkröten und Kaninchen – was auf ein Mass an Planung hindeutet, das bei Neandertalern selten angenommen wird.“

Was die Funde über die Ernährung verraten

Neandertaler (Homo neanderthalensis) zählen zu den nächsten Hominidenverwandten des modernen Menschen (Homo sapiens). Beide Linien paarten sich wiederholt; möglicherweise sind sie nicht einmal eindeutig als getrennte Art zu betrachten. Trotzdem hält sich hartnäckig die Vorstellung, Neandertaler seien primitiv, unkultiviert und kognitiv weniger entwickelt gewesen als heutige Menschen.

In den vergangenen Jahren haben jedoch immer mehr Entdeckungen dieses Bild ins Wanken gebracht. Neandertaler stellten komplexe Werkzeuge her und schmückten ihre Umgebung mit unterschiedlichen Formen von Kunst.

Eine zentrale Hürde beim Rekonstruieren ihres Lebens ist schlicht die Erhaltung: Neandertaler starben vor rund 40.000 Jahren aus, und der Grossteil ihrer Hinterlassenschaften wurde über die Zeit durch Verfall und Erosion zerstört. Das, was bisher geborgen werden konnte, liess häufig den Schluss zu, sie hätten vor allem grosse Beutetiere wie Pferde und Nashörner gejagt.

Abric Pizarro erweitert dieses Bild – nicht nur durch die Menge der Funde, sondern auch durch die Zusammensetzung der Tierreste, die neben Grosswild eben auch kleinere Arten umfasst.

Datierung, Pollen und Steinwerkzeuge: So wurde Abric Pizarro untersucht

Abric Pizarro wurde 2008 als Neandertaler-Felsunterstand entdeckt; seit 2009 arbeiten Archäologinnen und Archäologen sorgfältig daran, seine Schichten freizulegen. Samper Carro und ihr Team haben nun einen Teil der geborgenen Objekte systematisch ausgewertet.

Um das Alter der Sedimente zu bestimmen, in denen die Funde lagen, nutzten die Forschenden eine optisch stimulierte Lumineszenzdatierung. Mit dieser Methode lässt sich ermitteln, wann ein Mineral zuletzt dem Sonnenlicht ausgesetzt war.

Ausserdem untersuchten sie Pollenkörner und die Knochen aus der Fundstelle, wobei sie bei Letzteren gezielt nach Schnittspuren und Nagespuren suchten. Die Steinwerkzeuge wurden ebenfalls analysiert, um Rückschlüsse auf Schlagtechniken und die verfügbaren Technologien der Menschen zu ziehen, die Abric Pizarro einst nutzten.

Die Datierung ergab überzeugend, dass Neandertaler den Platz vor rund 70.000 Jahren bewohnten. Zugleich zeigen die Artefakte, dass diese Gruppe handwerklich versiert war.

„Die Knochen an diesem Fundort sind sehr gut erhalten, und wir sehen Spuren davon, wie Neandertaler diese Tiere zerlegten und verarbeiteten. Unsere Analyse der Steinobjekte zeigt ausserdem eine Variabilität bei den hergestellten Werkzeugtypen – ein Hinweis darauf, dass Neandertaler in der Lage waren, die in der Region verfügbaren Ressourcen auszuschöpfen“, sagt Samper Carro.

„Sie wussten ganz offensichtlich, was sie taten. Sie kannten das Gebiet und wussten, wie man dort lange überlebt.“

Dass Neandertaler dazu in der Lage waren, ist im Grunde wenig erstaunlich: Vor ihrem Aussterben hatten sie bereits etwa 300.000 Jahre in Europa gelebt.

Anpassungsfähigkeit und das Rätsel des Aussterbens

Warum Neandertaler dennoch verschwanden, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Wären sie in ihrer Ernährung besonders unflexibel gewesen, könnte das als Erklärung dienen. Dass sie anpassungsfähig waren, kann jedoch ebenfalls Hinweise darauf liefern, weshalb sie am Ende ausstarben.

Der rasche Niedergang der Neandertaler nach ihrer langen Existenz fällt zeitlich mit dem Auftreten des modernen Menschen zusammen. Diese Gegenüberstellung wirft kein gutes Licht auf die mögliche Rolle unserer eigenen Art bei ihrem Verschwinden. Gut möglich, dass es letztlich das Wirken von Homo sapiens war, das vom Neandertaler nur einen spärlichen Fundbestand – und DNA-Spuren in unserem Genom – übrig liess.

Mit Abric Pizarro kommt nun eine weitere wichtige Fundstelle hinzu, und Forschende wollen seine Hinweise weiter auswerten, um mehr über das rätselhafte Leben dieser längst verlorenen Verwandten zu erfahren.

„Zukünftige Studien werden die in Abric Pizarro dokumentierten Neandertaler-Aufenthalte detaillierter charakterisieren“, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Zeitschrift für Archäologische Wissenschaft veröffentlicht.

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