Zwei winzige Skelette, dicht nebeneinander in einer steinernen Grabkiste abgelegt, lagen rund 1.200 Jahre lang verborgen – an einem Ort, den kaum jemand für möglich halten würde: im aufgegebenen Abwasserkanal einer ehemaligen Latrine in Ephesos in der Türkei. Der Fund deutet darauf hin, dass es sich um frühgeborene Zwillinge gehandelt haben könnte, und er bringt ein weiteres, noch selteneres Detail ans Licht: Bei einem der Kinder wurde eine zusätzliche Rippe festgestellt.
Wo wurden die beiden Babys gefunden?
Die Bestattung kam in der Nähe des heiligen Bezirks des Artemis-Tempels zum Vorschein, der als eines der Sieben Weltwunder der Antike gilt. Das Grab lag in einer früheren Latrine eines römischen Odeons – eines Gebäudes, das für Musik- und Bühnenaufführungen genutzt wurde. Als die beiden Körper dort niedergelegt wurden, hatte der Ort seine ursprüngliche Funktion bereits seit Jahrhunderten verloren.
Laut Lilli Zabrana, Archäologin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ist die Lage der Bestattung ausgesprochen ungewöhnlich. Die meisten bekannten Gräber aus Ephesos konzentrieren sich auf Nekropolen ausserhalb des Tempelareals; diese beiden Kinder hingegen wurden sorgfältig in eine kleine, mit Steinen ausgekleidete Cista gebettet.
Warum vermuten Forschende, dass es Zwillinge waren?
In der Fachzeitschrift Childhood in the Past beschrieben die Autorinnen und Autoren, dass die Kinder vermutlich zwischen der 33. und 34. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Diese Einschätzung stützt sich vor allem auf Grösse und Entwicklungsstand der Knochen – Befunde, die zu Frühgeborenen passen, die um den Zeitpunkt der Geburt herum starben.
Caroline Partiot, Bioarchäologin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, erläuterte zudem, dass beide Skelette ein sehr ähnliches Alter aufweisen und direkt aneinanderliegend bestattet wurden. Diese Kombination spricht für die Zwillingshypothese; ob tatsächlich eine biologische Verwandtschaft bestand, lässt sich jedoch erst durch spätere DNA-Analysen sicher belegen.
Was war an einem der Skelette ungewöhnlich?
Bei der Untersuchung identifizierte das Team eine überzählige Halsrippe (eine sogenannte zervikale, supranumeräre Rippe) – ein kleines zusätzliches Knochenstück im Bereich des Halses. Diese Variante kommt nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung vor und verursacht bei Erwachsenen häufig keine Beschwerden. Bei Säuglingen kann sie jedoch mit Störungen zusammenhängen, die während der Embryonalentwicklung entstanden sind.
- Die Skelette gehörten zu Frühgeborenen.
- Die Körper wurden Seite an Seite niedergelegt.
- Bei einem der beiden zeigte sich eine zusätzliche Halsrippe.
- Es fanden sich keine eindeutigen Hinweise auf ein Trauma.
- Ob die Kinder verwandt waren, muss eine genetische Analyse klären.
Partiot ordnete das Merkmal in Forschung zu Veränderungen an Hox-Genen ein, die die Ausbildung verschiedener Körperabschnitte steuern. Frühere Arbeiten hatten Zusammenhänge zwischen Halsrippen, Frühgeburtlichkeit und weiteren Komplikationen beschrieben. Nach Angaben der Autorinnen und Autoren ist archäologisch bislang kein vergleichbarer Fall dokumentiert worden, der mögliche Zwillinge mit diesem Befund betrifft.
Warum wurden sie in einer Latrine bestattet?
Die Forschenden halten es für möglich, dass die Kinder vor der Taufe starben – ein Umstand, der eine Bestattung auf einem offiziellen christlichen Friedhof erschwert haben könnte. Der verlassene Kanal könnte daher einen Kompromiss dargestellt haben: zwischen religiösen Regeln der Zeit, örtlichen Gepflogenheiten und dem Wunsch der Familie, den Leichnamen zumindest einen gewissen Schutz zu geben.
Gleichzeitig bleibt diese Deutung vorläufig. In der Umgebung wurden keine Überreste einer Mutter gefunden, und es ist unklar, ob sie die Geburt überlebte. Zwar waren Mütter- und Kindersterblichkeit in der byzantinischen Epoche hoch, doch allein dieses Grab reicht nicht aus, um das familiäre Geschehen vollständig zu rekonstruieren.
Das Grab zeigt Fürsorge trotz des Verlusts
Die steinerne Auskleidung bewahrte die fragilen Knochen über mehr als ein Jahrtausend und spricht gegen ein achtloses Wegwerfen. Zabrana betont, dass Aufbau und Anordnung der Bestattung auf einen respektvollen Umgang hindeuten. Obwohl die beiden Kinder nur extrem kurz Teil der Gemeinschaft gewesen sein dürften, erhielten sie einen eigenen, geschützten Platz.
Der Fund macht aus zerbrechlichen Knochen ein seltenes Zeugnis zu Kindheit, Trauer und Religion in der byzantinischen Welt. Künftige genetische Untersuchungen und weiterführende Analysen könnten genauer klären, in welcher Beziehung die Kinder zueinander standen und wie ihre körperliche Verfassung einzuordnen ist. Dieses Grab zu bewahren bedeutet, eine menschliche Geschichte zu schützen, die unter den Ruinen von Ephesos beinahe verschwunden wäre.
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