Eine Grube mit rund 80 Schädeln, die neben dem Osttor einer 4.000 Jahre alten chinesischen Stadt vergraben wurde, erhält eine neue Deutung. DNA-Analysen zeigen, dass neun von zehn der untersuchten Opfer männlich waren – und widersprechen damit der lange verbreiteten Annahme, die in Shimao geopferte Gruppe habe überwiegend aus Frauen bestanden.
Was haben Archäologinnen und Archäologen in Shimao gefunden?
Shimao war eine befestigte Stadt, die etwa zwischen 2300 und 1800 v. Chr. bewohnt war, im Gebiet der heutigen Provinz Shaanxi. Das rund vier Quadratkilometer grosse Zentrum verfügte über Steinmauern, Zonen für handwerkliche Produktion, Friedhöfe sowie eine grosse, stufenförmige Anlage, die mit politischer und religiöser Macht in Verbindung gebracht wird.
In der Nähe des Osttors entdeckten Forschende Gruben, in denen Dutzende menschliche Köpfe vom Körper getrennt abgelegt worden waren. Weil diese Deponierungen unter oder unmittelbar an Fundamenten lagen, wurden sie als Teil eines kollektiven Rituals gedeutet – möglicherweise im Rahmen des Baus oder einer symbolischen Weihe der Stadtmauern und des Eingangs.
DNA zeigt: Die meisten Opfer waren männlich
Eine 2025 in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie untersuchte 144 alte Genome aus Shimao sowie aus Siedlungen, die mit der Stadt verbunden waren. Bei den Individuen aus den Schädelgruben, deren biologisches Geschlecht genetisch bestimmt werden konnte, waren etwa neun von zehn männlich – ein Befund, der von früheren archäologischen Einordnungen abweicht.
Das Geschlecht allein anhand isolierter Schädel visuell zu bestimmen, ist oft schwierig, besonders wenn Überreste unvollständig oder schlecht erhalten sind. Analysen alter DNA erlaubten hier eine deutlich präzisere Kontrolle und ergaben, dass es in dieser Ablagerung keinen Hinweis auf eine weibliche Dominanz gibt. Damit müssen Fachleute Interpretationen korrigieren, die über Jahre hinweg wiederholt worden waren.
Shimao könnte je nach Geschlecht unterschiedliche Opferpraktiken gehabt haben
Das männlich geprägte Muster der Gruben steht im Gegensatz zu Elitebestattungen aus Shimao und aus nahe gelegenen Städten. In diesen Gräbern waren Personen geringeren Ranges, die neben den Hauptbestatteten platziert wurden, fast immer Frauen. Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren deutet dieser Unterschied auf Rituale hin, die je nach Ort, Zweck und Geschlecht der Opfer strukturiert waren.
Die Hinweise sprechen für mindestens zwei verschiedene Kontexte:
- Enthauptete Männer wurden gemeinschaftlich in der Nähe des Osttors niedergelegt.
- Geopferte Frauen wurden hochrangigen Personen in Gräbern beigegeben.
- Schädelgruben könnten Teil von Ritualen im Zusammenhang mit der Mauer oder dem Tor gewesen sein.
- Weibliche Bestattungen könnten in die Verehrung von Herrschenden oder Ahnen eingebunden gewesen sein.
- Die genauen Funktionen bleiben vorerst hypothetisch und erfordern weitere Forschung.
Die Chinesische Akademie der Wissenschaften betonte, dass die Ergebnisse auf spezifische rituelle Rollen hindeuten, jedoch nicht erklären, warum Männer und Frauen für unterschiedliche Kontexte ausgewählt wurden. Lage der Überreste, Behandlung der Körper und die Architektur liefern Anhaltspunkte, während die religiöse Motivation sich nicht unmittelbar belegen lässt.
Die Opfer waren vermutlich keine ausländischen Feinde
Eine weitere zentrale Aussage ergab sich aus dem genetischen Vergleich zwischen den Opfern und den Menschen aus Elitegräbern. Die Männer aus den Gruben wiesen eine ähnliche Abstammung auf wie die Bevölkerung von Shimao, ohne klare Zeichen dafür, dass sie eine fremde Gruppe darstellten. Dadurch verliert die Hypothese an Gewicht, es habe sich schlicht um Eindringlinge oder weit hergebrachte Gefangene gehandelt.
Zudem rekonstruierte die Studie Verwandtschaftsbeziehungen über bis zu vier Generationen hinweg und identifizierte eine überwiegend patrilineare Organisation, bei der Abstammung und Stellung über die männliche Linie weitergegeben wurden. Die Daten zeichnen das Bild einer hierarchischen Gesellschaft, die aus lokalen Familien bestand und zugleich mit anderen Bevölkerungen Nordchinas vernetzt war.
Genetische Daten schreiben die Geschichte der Stadt neu
Lange Zeit wurden die Schädel vor allem über äussere Merkmale und den Fundkontext gedeutet. Genetische Forschung ersetzt die klassische Archäologie nicht, ergänzt sie jedoch um Informationen, die Knochen allein nicht sichtbar machen – etwa biologisches Geschlecht, Verwandtschaft und Abstammung – und macht die Rekonstruktion sozialer Praktiken in Shimao genauer.
Der Befund zeigt, weshalb frühere Schlussfolgerungen überprüft werden müssen, sobald neue Methoden verfügbar sind. Die Konservierung der Überreste und weitere Analysen sind entscheidend, um zu verstehen, wie Macht, Familie und Religion in dieser Stadt ineinandergriffen. Jedes zusätzliche Genom kann Hinweise darauf geben, wer die Opfer waren und warum ihre Tötungen die Tore von Shimao prägten.
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