Zoos ermöglichen Menschen einen unmittelbaren Blick auf Tiere, denen sie sonst vermutlich nie begegnen würden.
Neben Erholung und Artenschutz bieten viele Einrichtungen zusätzlich Führungen, Workshops, Feriencamps und weitere Formate an, die Besucherinnen und Besucher dabei unterstützen, die belebte Umwelt besser zu verstehen.
Ein zentrales Anliegen solcher Angebote ist es, die Naturverbundenheit zu stärken – also das Ausmaß, in dem sich jemand als Teil der Natur begreift, statt sich von ihr getrennt zu sehen.
Menschen mit der Natur verbinden
Ein Forschungsteam der Goethe-Universität Frankfurt am Main ging der Frage nach, ob Zoo-Bildungsprogramme diese Naturverbundenheit verändern. Zudem wollten die Forschenden wissen, ob ein und dasselbe Programm bei allen Teilnehmenden ähnlich wirkt.
„Wir wollten herausfinden, ob Zoo-Bildungsprogramme die Naturverbundenheit von Menschen tatsächlich stärken können und wie die Ausgangslage der Teilnehmenden diesen Prozess prägt“, sagte Professor Paul Dierkes, Mitautor der Studie.
Die Befunde hingen stark davon ab, mit welcher Naturverbundenheit die Personen in das Programm starteten.
Teilnehmende mit niedrigen oder mittleren Ausgangswerten verzeichneten unmittelbar nach dem Programm meist deutlichere Zuwächse als Personen, die sich bereits zuvor sehr stark mit der Natur verbunden fühlten.
Zoo-Bildungsprogramme im Vergleich
In das Projekt flossen Daten aus 20 Zoos ein: 15 in Deutschland, 3 in der Schweiz, 1 in den Niederlanden und 1 in Portugal.
Die Zoos setzten ihre etablierten Formate um – darunter Schulworkshops, geführte Rundgänge sowie fünftägige Ferienprogramme.
Für die abschließende Auswertung wurden zwei Erhebungen zusammengeführt; insgesamt umfasste die Analyse 2,091 Teilnehmende. Alle füllten zu Beginn und am Ende eines Programms jeweils einen Papierfragebogen aus, sodass die Forschenden die Antworten jeder einzelnen Person vor und nach der Teilnahme gegenüberstellen konnten.
Zur Erfassung der Naturverbundenheit wählten die Teilnehmenden aus sieben Bildern, die unterschiedlich starke Überlappungen zwischen „Person“ und „Natur“ darstellten. Der Wert 1 stand für die geringste, der Wert 7 für die größte Überlappung.
Ausgangseinstellungen prägten die Ergebnisse
Das Team ordnete die Personen anhand ihres ersten Werts drei Gruppen zu: Werte von 1 bis 3 bildeten die Niedrig-Gruppe, 4 die Mittel-Gruppe und 5 bis 7 die Hoch-Gruppe.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Zoo-Bildungsprogramme besonders gut Menschen erreichen, die sich zuvor weniger mit der Natur verbunden fühlten“, sagte Mitautor Dr. Matthias Kleespies.
„Aus Sicht der Umweltbildung ist das besonders bedeutsam, weil diese Programme genau für diese Zielgruppe konzipiert sind.“
Über die meisten Kategorien hinweg stiegen die Werte nach den Programmen an. Die größten Veränderungen traten häufig bei Personen auf, die mit niedrigen Ausgangswerten gestartet waren; wer bereits nahe am oberen Ende lag, veränderte sich in der Regel weniger.
Tierkontakt machte einen Unterschied
Programme, in die direkter Kontakt mit Tieren eingebunden war, führten bei Teilnehmenden mit niedrigen oder mittleren Startwerten zu stärkeren Zunahmen.
Bei Personen, die schon zu Beginn eine hohe Naturverbundenheit angaben, zeigte sich dieses Muster nicht.
Der Tierkontakt fand dabei als Bestandteil umfassender Bildungsangebote statt und nicht als isolierte Einzelaktivität. Die Studie betont, dass solche Begegnungen eine passende pädagogische Begleitung, einen sorgfältigen Kontext und konsequente Beachtung des Tierwohls erfordern.
Die Ergebnisse belegen nicht, dass das Anfassen oder Füttern eines Tieres automatisch eine dauerhaft tragende Bindung zur Natur erzeugt.
Vielmehr weisen sie auf einen Zusammenhang hin: Wenn Tierkontakt in diese Programme eingebettet ist, fällt die unmittelbare Veränderung bei bestimmten Teilnehmenden größer aus.
Naturschutz und Zeit spielten eine Rolle
Auch Programme, in denen Natur- oder Artenschutz thematisiert wurde, gingen bei der Niedrig- und Mittel-Gruppe mit größeren Zuwächsen einher.
Solche Inhalte könnten Menschen dazu anregen, die Beziehung des Menschen zu anderen Lebewesen zu reflektieren – warum genau dieses Muster auftrat, wurde im Projekt jedoch nicht geprüft.
Besonders ausgeprägt waren die Zuwächse bei längeren Programmen, etwa wenn sich Aktivitäten über mehrere Tage erstreckten oder eine Übernachtung beinhalteten, und zwar bei Personen mit niedrigen oder mittleren Ausgangswerten.
Aber auch kurze Formate von bis zu 2 Stunden führten bei Teilnehmenden der Niedrig-Gruppe zu Verbesserungen.
Geringere Zuwächse bei stark Naturverbundenen
Bei Teilnehmenden mit hoher Naturverbundenheit machte es kaum einen Unterschied, ob Tierkontakt enthalten war, ob Naturschutz vorkam oder wie lang das Programm dauerte.
Ihre Werte stiegen in vielen Kategorien zwar leicht, doch oberhalb ihres Startniveaus blieb aufgrund der Skala nur wenig Spielraum.
„Teilnehmende, die bereits zu Beginn sehr hohe Werte erreichen, haben schlicht weniger Raum für weitere messbare Verbesserungen“, sagte Professor Paul Dierkes.
„Trotzdem können diese Programme vorhandene Einstellungen weiterhin festigen und vertiefen.“
Kinder zeigten stärkere Veränderungen
Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren mit niedrigen oder mittleren Ausgangswerten wiesen die größten Zunahmen auf, während Jugendliche insgesamt eher kleinere Verbesserungen zeigten.
Bei älteren Erwachsenen ergab sich kein eindeutiger Anstieg. Für die Niedrig-Gruppe gab es zu wenige ältere Teilnehmende für einen belastbaren Test; die Mittel-Gruppe war ebenfalls klein, und viele ältere Personen lagen bereits zu Beginn nahe am oberen Skalenbereich.
Auch die Häufigkeit von Zoobesuchen spielte eine Rolle: Unter Personen mit niedrigen oder mittleren Werten verbesserten sich jene stärker, die Zoos 3- oder mehrmals pro Jahr besuchten, verglichen mit Personen, die nur alle paar Jahre oder nie in einen Zoo gingen.
Frauen mit niedrigen Startwerten zeigten im Durchschnitt eine größere Zunahme als Männer derselben Gruppe, auch wenn die Stärke des Musters vergleichbar war.
Bei Personen mit mittleren oder hohen Ausgangswerten waren Unterschiede nach Geschlecht gering oder gar nicht vorhanden.
Ergebnisse sind vorsichtig zu interpretieren
Da das Projekt die Teilnehmenden unmittelbar vor und direkt nach dem jeweiligen Programm befragte, lässt sich nicht beurteilen, ob die Veränderungen über Wochen, Monate oder Jahre bestehen bleiben. Außerdem fehlte eine Vergleichsgruppe von Zoobesucherinnen und Zoobesuchern, die kein Programm besucht hatten.
Zudem fasste das Team viele Aktivitäten zu breiten Kategorien zusammen, was es erschwert, den Einfluss einzelner Merkmale sauber voneinander zu trennen.
Alter, Programmtyp, Vorerfahrungen der Besucherinnen und Besucher sowie weitere Unterschiede könnten die beobachteten Muster zusätzlich beeinflusst haben.
Nur ein Teil von Naturverbundenheit
Die Bildskala erfasste, wie stark Menschen sich selbst als Teil der Natur wahrnahmen. Andere Aspekte dieser Beziehung – emotional, körperlich oder im Verhalten – wurden damit nicht vollständig abgebildet.
„Ob jemand sich bereits eng mit der Natur verbunden fühlt oder sich kaum als Teil von ihr sieht, kann beeinflussen, wie wirksam ein Bildungsprogramm ist“, sagte Dr. Matthias Kleespies.
„Das sollte bei der Bewertung von Programmen, bei der Forschung und bei der Gestaltung zukünftiger Bildungsangebote berücksichtigt werden.“
Damit alle Besucherinnen und Besucher Naturverbundenheit aufbauen
Die Ergebnisse legen nahe, dass Zoo-Pädagoginnen und Zoo-Pädagogen stärker berücksichtigen sollten, welche Voraussetzungen Besucherinnen und Besucher mitbringen.
Wer sich der Natur eher fern fühlt, reagiert offenbar besonders gut auf längere Aktivitäten, Artenschutz-Themen und verantwortungsvoll gestaltete Tierbegegnungen.
„Zoos erreichen ein außergewöhnlich breites und vielfältiges Publikum“, sagte Viktoria Feucht, Erstautorin der Studie.
„Das macht sie in besonderer Weise geeignet, die Naturverbundenheit in vielen unterschiedlichen Besuchergruppen zu stärken.“
Die Ergebnisse zeigen nicht, dass solche Programme dauerhaftes Verhalten oder konkretes Umweltengagement verursachen.
Sie zeigen jedoch, dass viele Teilnehmende unmittelbar danach ein stärkeres Gefühl berichteten, zur Natur dazuzugehören – insbesondere dann, wenn sie zuvor mehr Entwicklungsspielraum hatten.
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