Ob Kinder überall auf der Welt das Teilen von Süssigkeiten oder das Wahrheitsagen gleich verstehen? Gesellschaftsübergreifende Forschung zeigt: Kooperation entsteht vor allem dadurch, dass Kinder die Regeln ihres jeweiligen Umfelds lernen – nicht, indem sie einem einzigen universellen Entwicklungspfad folgen.
Eine grosse internationale Studie untersuchte, wie Kinder in unterschiedlichen sozialen Lebenswelten Fairness, Vertrauen, Vergebung und Ehrlichkeit erlernen.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Verhaltensweisen in der frühen Kindheit kulturell oft noch ähneln, sich aber mit der Zeit verändern, sobald Kinder Werte und Erwartungen aus Familie, Schule und Gemeinschaft übernehmen.
Nach Einschätzung der Forschenden entwickelt sich Kooperation vor allem durch kulturelles Lernen und nicht durch fest verdrahtete moralische Regeln.
Kultur prägt die Kooperation von Kindern
Für die Untersuchung arbeiteten die Forschenden mit mehr als 400 Kindern im Alter von fünf bis 13 Jahren aus fünf Gesellschaften: aus städtischen Regionen in den USA und Kanada, aus ländlichen Gemeinden in Peru und Uganda sowie aus Shuar-Gemeinschaften im amazonischen Ecuador, die von Jagd und Gartenbau geprägt sind.
In allen Regionen wurden zudem Erwachsene und Gleichaltrige dazu befragt, was in ihrer Umgebung als „richtiges“ Verhalten gilt. Im Mittelpunkt stand, wie soziale Normen kooperatives Handeln anleiten – und wie Kinder diese Normen im Laufe der Zeit erlernen.
„Wir wollten versuchen, die Regelmässigkeiten und die Unterschiede darin zu kartieren, wie sich Kooperation entwickelt und wie sie in verschiedenen Kulturen aussieht – das war der Antrieb für diese kulturvergleichende entwicklungsspezifische Perspektive“, sagte Dorsa Amir, Assistenzprofessorin für Psychologie und Neurowissenschaften an der Duke University.
„Wir wollten die Wurzeln menschlicher Kooperation freilegen, die alle anderen Arten in Ausmass und Flexibilität übertrifft.“
Kindheit beginnt mit Selbstfokus
In allen fünf Gesellschaften entschieden sich jüngere Kinder häufig für Optionen, die ihnen selbst mehr Ressourcen einbrachten.
Spiele zum Teilen von Süssigkeiten zeigten, dass frühe Entscheidungen eher darauf ausgerichtet waren, Belohnungen zu bekommen, als Ergebnisse auszugleichen. Den Forschenden zufolge spiegelt dieses Verhalten einen verbreiteten Ausgangspunkt in der menschlichen Entwicklung.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären, dass die frühe Lebensphase stark dem Lernen dient: Kinder beobachten Regeln, Reaktionen und Erwartungen, bevor sie ihr Handeln konsequent an sozialen Normen ausrichten.
Kulturelles Lernen braucht Zeit und Übung – besonders dann, wenn Kooperation mit persönlichen Kosten verbunden ist.
Spiele als Werkzeug zur Verhaltensforschung
Um Kooperation zu untersuchen, setzte das Team vier einfache Spiele ein. Eines prüfte Fairness, indem ungleiche Aufteilungen von Süssigkeiten angeboten wurden. Ein weiteres testete Vertrauen, indem Kinder gebeten wurden, Gefälligkeiten zu erwidern.
Eine Aufgabe zur Vergebung drehte sich darum, wie Kinder auf unbeabsichtigte Fehler reagieren. Eine Aufgabe zur Ehrlichkeit prüfte, ob Kinder nach einer überraschenden Zusatzbelohnung überschüssige Süssigkeiten zurückgeben.
Jede Aufgabe spiegelte Situationen wider, die Kindern im Alltag begegnen können. Zusammengenommen zeigten die Spiele, wie Kinder zwischen eigenem Vorteil und sozialen Erwartungen abwägen.
Die Ergebnisse machten deutlich, dass sich Kooperation nicht als eine einzelne Eigenschaft entwickelt, sondern als Bündel zusammenhängender Verhaltensweisen, die durch Erfahrungen geformt werden.
Kultur beeinflusst Entscheidungen
Zwischen acht und 13 Jahren begannen die Verhaltensweisen stärker mit den Werten der jeweiligen Gemeinschaft übereinzustimmen. Kinder in industrialisierten Gesellschaften teilten häufig eher mit unbekannten Gleichaltrigen.
Kinder in Shuar-Gemeinschaften legten dagegen besonderen Wert darauf, Verschwendung zu vermeiden und Ressourcen effizient zu nutzen.
Die Forschenden erläutern, dass Kooperation sich an lokale Bedürfnisse anpasst. Dort, wo Ressourcen als knapp erlebt werden, unterstützt ein effizienter Umgang das Überleben sowie Familien- und Beziehungsnetzwerke. Solche Entscheidungen seien daher Ausdruck sozialer Regeln und nicht einfach Egoismus.
„In kulturvergleichender Forschung ist es üblich, Verhalten zu messen und dann über die Ursachen zu spekulieren“, sagte Amir.
„Aber wir wollten die Arbeit kontextualisieren: also tatsächlich mit Menschen in diesen Gemeinschaften sprechen und verstehen, wie diese Entscheidungen zu ihrer Umwelt passen. Was wir finden, ist: An Orten wie Ecuador verstossen diese Verhaltensweisen nicht gegen eine Norm – sie sind die Norm.“
Wissen versus Handeln
Der Vergleich zwischen dem Verhalten von Kindern und den Erwartungen von Erwachsenen zeigte ein klares Muster: Häufig wussten Kinder schon, was das „Richtige“ wäre, bevor sie dieses Wissen dauerhaft in Handlungen umsetzten.
Besonders deutlich wurde die Lücke bei der Ehrlichkeit. Viele Kinder, die die korrekte Entscheidung kannten, hatten dennoch Schwierigkeiten, entsprechend zu handeln.
Bei der Vergebung zeigte sich ein anderes Bild. In allen Gesellschaften gab es eine starke Übereinstimmung darin, dass unbeabsichtigte Fehler verziehen werden sollten.
Die Forschenden vermuten, dass Vergeben leichter fällt, weil es nicht in jedem Fall den eigenen Gewinn schmälert.
Unterschiedliche Strategien der Kooperation
Die Auswertung ergab drei zentrale Kooperationsstrategien. Eine Variante zielte darauf ab, die eigenen Ressourcen zu maximieren.
Eine weitere Strategie setzte auf breite Kooperation mit unbekannten Gleichaltrigen. Eine dritte passte kooperatives Verhalten je nach Situation und je nach Gegenüber an.
Welche Strategie genutzt wurde, veränderte sich mit dem Alter und unterschied sich je nach Gesellschaft. In industrialisierten Gemeinschaften trat breite Kooperation häufiger auf. In Gemeinschaften, die stark auf engen Beziehungen aufbauen, überwog selektive Kooperation.
Die Forschenden betonten, dass keine Strategie grundsätzlich besser oder schlechter sei: Jede passe zu den jeweiligen lokalen sozialen Strukturen.
Warum Kultur für Entwicklung entscheidend ist
Die Ergebnisse stellen die Vorstellung infrage, kindliche Entwicklung verlaufe weltweit nach einem einzigen Muster. Stattdessen zeigt sich: Kooperation wächst durch soziales Lernen, das von Kultur, Umwelt und Alltagsleben geprägt wird.
„Es gibt keine kulturfreie Entwicklung. Man kann Kultur nicht aus dem Entwicklungsprozess herauslösen“, sagte Amir.
Indem Kinder in sehr unterschiedlichen Gesellschaften untersucht wurden, wird sichtbar, wie stark sich Kooperation an menschliche Lebensumstände anpasst – und wie zentral kulturelles Lernen für das Aufwachsen ist.
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