Die Entdeckung von Artefakten, die mit einem uralten Brettspiel in Verbindung stehen, liefert neue Hinweise darauf, wie Menschen bereits vor Tausenden von Jahren miteinander umgingen.
Funde auf der Abşeron-Halbinsel und im Gobustan-Reservat (Aserbaidschan)
An mehreren Fundorten auf der Abşeron-Halbinsel sowie im Gobustan-Reservat in Aserbaidschan haben Archäologinnen und Archäologen sechs in Felsoberflächen eingearbeitete Spielbrett-Designs dokumentiert. Sie werden grob auf etwa 2000 v. Chr. datiert und erinnern jeweils an das charakteristische Lochmuster, das dem antiken Brettspiel Hunde und Schakale zugrunde liegt. Damit liegen sie zeitlich in derselben Epoche wie das bislang älteste bekannte Exemplar des Spiels, das aus dem Grab eines hohen Beamten im Alten Ägypten stammt.
„Achtundfünfzig Löcher“: Herkunft des Spiels neu bewertet
Die Fundorte in Aserbaidschan stellen die bisherige Annahme zur Entstehungsgeschichte des Spiels infrage, erklären die Archäologen Walter Crist (Universität Leiden, Niederlande) und Rahman Abdullayev (Minnesota Historical Society). Das Spiel, das auch unter dem Namen Achtundfünfzig Löcher bekannt ist, könnte demnach eher in Südwestasien entstanden sein – und nicht in Ägypten, wie Fachleute zuvor vermutet hatten.
Unabhängig davon, wo der Ursprung tatsächlich liegt, macht der Fund eines deutlich: Brettspiele eignen sich hervorragend, um soziale Bindungen zu knüpfen – über Entfernungen hinweg und ebenso über soziale Grenzen hinweg. Die aserbaidschanischen Artefakte wurden wahrscheinlich von Rinderhirten genutzt.
„At certain times in antiquity, particular games were regionally popular, suggesting that they helped to connect cultures that regularly interacted with one another,“ schreiben Crist und Abdullayev in ihrer Veröffentlichung.
„The game of Fifty-Eight Holes probably served this purpose in the second millennium BCE in Egypt and south-western Asia, because it was the only game that was played throughout the region.“
Brettspiele seit Jahrtausenden: Spuren von Würfeln bis Spielbrettern
Die Geschichte von Brettspielen reicht viele Tausend Jahre zurück und scheint weit verbreitet gewesen zu sein. Irgendwann muss jemand zum ersten Mal ein Muster in den Staub gezeichnet und gemeinsam mit anderen Menschen ein Spiel mit irgendetwas gespielt haben. Was dieses „Irgendetwas“ war, lässt sich nicht mehr sicher rekonstruieren. Trotzdem kann man anhand der materiellen Hinterlassenschaften eine unvollständige Geschichte zusammensetzen – von Würfeln über Spielfiguren bis hin zu den Spielbrettern selbst.
So funktioniert Hunde und Schakale (Wettlaufspiel mit 58 Löchern)
Hunde und Schakale – benannt nach einem Spielsatz, bei dem die Figuren Köpfe in Form von Hunden und Schakalen trugen – gehört zu den sogenannten Wettlaufspielen. Zwei Personen bewegen dabei Spielfiguren entlang einer vorgegebenen Strecke und versuchen, als Erste das Ziel zu erreichen, ähnlich wie bei Schlangen und Leitern oder Ludo. Das Spielbrett umfasst 58 Löcher in einem festgelegten Muster. Die Spielfiguren – fünf Hunde und fünf Schakale – werden beim Vorrücken jeweils in neue Löcher gesetzt. Vermutlich gewinnt, wer zuerst alle eigenen Figuren ans Ende bringt.
Bis heute wurden etwa 70 Spielbretter von Hunde und Schakale entdeckt, viele davon in Ägypten. Dazu zählt auch das bislang älteste datierte Exemplar, das in einem Grab in El-Assasif gefunden wurde und in den Zeitraum zwischen 2064 und 1952 v. Chr. eingeordnet wird. Ausgehend davon nahm man an, das Spiel habe seinen Ursprung in Ägypten und sei von dort aus verbreitet worden.
Sechs in Fels geritzte „Bretter“: Fundorte und Datierung in Aserbaidschan
Crist und Abdullayev fanden ihre sechs „Spielbrett“-Designs an verschiedenen Orten in Aserbaidschan: Drei stammen aus Ağdaşdüzü, jeweils eines aus Çapmalı, Yeni Türkan und Dübəndi. Es handelt sich um Felsritzungen, bei denen die Löcher aus dem Gestein herausgearbeitet wurden. Eine exakte Datierung ist schwierig, doch die Nutzung der Fundplätze und weitere dort gefundene Artefakte ermöglichen eine grobe zeitliche Einordnung: Während die Spielbretter von Ağdaşdüzü ins 2. Jahrtausend v. Chr. datiert werden, stammen die drei übrigen aus dem Zeitraum zwischen der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. und der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr.
Damit liegen die aserbaidschanischen Funde ungefähr in derselben Zeit wie das El-Assasif-Brett – möglicherweise sind sie sogar älter. Selbst wenn beide Gruppen zeitlich nahe beieinander liegen, deutet das gleichzeitige Auftauchen darauf hin, dass Ägypten womöglich doch nicht der Entstehungsort von Hunde und Schakale gewesen ist.
Spiel über alle sozialen Grenzen hinweg
Auch die Fundkontexte in Aserbaidschan sprechen dafür, dass das Spiel in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten gespielt wurde. In Çapmalı wurde das Spielbrett in einer Höhle entdeckt, die als Winterunterkunft für Rinderhirten diente. In Yeni Türkan und Dübəndi dagegen fanden sich die Spielspuren in Gräbern wohlhabender Menschen. Die große geografische Streuung und die Bandbreite an sozialen Zusammenhängen, in denen das Spiel belegt ist, deuten darauf hin, dass Hunde und Schakale ein wirksames Mittel war, um Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu schließen und die Vertrauenswürdigkeit anderer einzuschätzen.
„Whatever the origin of the game of Fifty-Eight Holes, it was quickly adopted and played by a wide variety of people, from the nobility of Middle Kingdom Egypt to the cattle herders of the Caucasus, and from the Old Assyrian traders in Anatolia to the workers who built Middle Kingdom pyramids,“ schreiben die Forschenden.
„The fast spread of this game attests to the ability of games to act as social lubricants, facilitating interactions across social boundaries.“
Und das gilt heute genauso wie damals.
Die Studie wurde im European Journal of Archaeology veröffentlicht.
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