Zum Inhalt springen

Erwärmung der Ozeane lässt Fischbiomasse um bis zu 19.8% pro Jahr schrumpfen

Mann auf Boot hält Netz mit frischen Fischen, im Hintergrund Meer und Handelsschiffe.

Der Ozean bedeckt den grössten Teil unseres Planeten. Er trägt riesige Fischbestände, die Menschen ernähren und weltweit Arbeitsplätze in der Fischerei und entlang der Lieferketten sichern.

Eine neue Studie des Spanischen Nationalen Forschungsrats (CSIC) zeigt nun, dass steigende Meerestemperaturen die Fischzahlen stark sinken lassen.

Das kann verändern, wie Lebensmittel bei uns auf dem Teller landen – und wie Fischereigemeinden wirtschaftlich überleben.

Erwärmung der Ozeane verringert die Fischbiomasse

Untersucht wurden Fischpopulationen im Mittelmeer, im Nordatlantik sowie im nordöstlichen Pazifik.

Dafür wertete das Team 702,037 Schätzungen zur Veränderung der Biomasse aus, die sich auf 33,990 Fischpopulationen im Zeitraum von 1993 bis 2021 beziehen.

Mit Biomasse ist das Gesamtgewicht der lebenden Fische innerhalb einer Population gemeint. Dieser Wert dient Fachleuten als wichtiger Indikator dafür, wie stabil und „gesund“ Fischbestände sind.

Nach einer detaillierten Analyse kamen die Forschenden zu dem Ergebnis, dass eine anhaltende (chronische) Erwärmung der Ozeane mit einem jährlichen Rückgang der Fischbiomasse von bis zu 19.8% verbunden ist. In manchen Gebieten entspricht das fast einem Fünftel, das pro Jahr verschwindet.

Gleichmässige Erwärmung drückt die Bestände dauerhaft

„Wenn wir das Rauschen extremer kurzfristiger Wetterereignisse herausrechnen, zeigen die Daten, dass diese Erwärmung mit einem anhaltenden jährlichen Rückgang der Biomasse von bis zu 19.8% verbunden ist“, erklärte Shahar Chaikin vom Museo Nacional de Ciencias Naturales.

Diese gleichmässige Erwärmung wirkt wie ein dauerhafter Stressfaktor für Meereslebewesen. Anders als plötzlich auftretende Wetterlagen, die wieder abklingen, steigen die Meerestemperaturen Jahr für Jahr weiter.

„Im Gegensatz zu extremen kurzfristigen Wetterschwankungen, die stark variieren können, übt diese chronische Erwärmung einen konstanten negativen Druck auf Fischpopulationen im Mittelmeer, im Nordatlantik und im nordöstlichen Pazifik aus“, sagte Juan David González Trujillo von der National University of Colombia.

Marine Hitzewellen verschieben Populationen kurzfristig

Marine Hitzewellen sind Phasen, in denen die Wassertemperaturen deutlich über dem Normalwert liegen. Solche Ereignisse treten inzwischen häufiger auf. Allerdings reagieren Fischarten nicht einheitlich.

Jede Art hat eine thermische Komfortzone – also den Temperaturbereich, in dem Wachstum und Überleben am besten gelingen. Wird dieser Bereich überschritten, beginnen die Schwierigkeiten.

Trifft eine Hitzewelle auf Gewässer, die ohnehin schon warm sind, können Bestände einbrechen. In solchen Fällen sinkt die Biomasse teils um bis zu 43.4%. In diesen Regionen wird das Wasser für viele Fische schlicht zu heiss, um gut zu überleben.

Fische in kälteren Gebieten können dagegen vorübergehend profitieren. Ein plötzlicher Temperaturanstieg kann die Bedingungen kurzfristig näher an ihren optimalen Bereich rücken. Dort kann die Biomasse um bis zu 176% zulegen.

So ein Plus klingt zunächst positiv – doch die Forschenden betonen, dass dieser Effekt nicht anhält.

Kurzfristige Zuwächse können die Fischerei in die Irre führen

„Auch wenn dieser plötzliche Anstieg der Biomasse in kalten Gewässern wie eine gute Nachricht für die Fischerei wirken mag, handelt es sich um vorübergehende Zuwächse“, sagte Shahar Chaikin.

„Wenn Manager Fangquoten aufgrund von Biomasseanstiegen erhöhen, die durch eine Hitzewelle verursacht wurden, riskieren sie den Kollaps von Populationen, sobald die Temperaturen wieder normal werden oder wenn sich der Effekt der langfristigen Erwärmung durchsetzt, weil dies kurzlebige Zunahmen sind.“

Einfach gesagt: Ein kurzfristiger Boom kann langfristig Schaden anrichten, wenn Fanggrenzen zu schnell nach oben gesetzt werden.

Risiken für die globale Lebensmittelversorgung

Fische sind nicht nur ein Bestandteil mariner Ökosysteme. Weltweit sind Millionen Menschen auf Fisch als Nahrungsquelle und Einkommensgrundlage angewiesen. Stabile Fischbestände sind daher zentral für die globale Ernährungssicherheit.

Sinkt die Biomasse über Jahre hinweg, geraten Fischereien unter erheblichen Druck. Ein kurzfristiger Anstieg während einer Hitzewelle kann zudem dazu verleiten, die Fangquoten anzuheben.

Wenn zuständige Stellen den langfristigen Erwärmungstrend dabei nicht ausreichend berücksichtigen, kann dies Überfischung nach sich ziehen – mit dem Risiko, dass Populationen zusammenbrechen.

„Manager müssen lokale Zunahmen und langfristige Rückgänge extrem sorgfältig ausbalancieren, um Übernutzung zu vermeiden“, betonte Miguel B. Araújo vom Museo Nacional de Ciencias Naturales.

„Da die Erwärmung der Ozeane weiter voranschreitet, besteht die einzig tragfähige Strategie darin, langfristige Resilienz zu priorisieren. Managementmassnahmen müssen den Rückgang der Biomasse einplanen, der in einem zunehmend warmen Ozean zu erwarten ist.“

Ein neuer Ansatz für das Fischereimanagement

Nach Einschätzung der Forschenden reicht klassisches Fischereimanagement unter den Bedingungen des Klimawandels nicht mehr aus. Die Umweltbedingungen im Meer verändern sich zu schnell.

Erstens brauchen Staaten klimaresiliente, einsatzbereite Pläne. Wenn eine marine Hitzewelle einsetzt, sollten umgehend Schutzmassnahmen greifen. Schnelles Handeln kann Beständen helfen, sich nach abrupten Einbrüchen zu erholen.

Zweitens muss die langfristige Steuerung den stetigen Rückgang durch die Erwärmung in den Mittelpunkt stellen. Fangbegrenzungen sollten den erwartbaren Biomasseverlust abbilden – nicht nur kurzfristige Ausschläge.

Drittens ist internationale Zusammenarbeit unverzichtbar. Mit steigenden Temperaturen wandern Fische, um innerhalb ihrer thermischen Komfortzone zu bleiben. Diese Verlagerung führt häufig über Staatsgrenzen hinweg.

Über kurzfristige Gewinne hinausdenken

„Eine Artenpopulation kann in einem Land abnehmen, aber in einem anderen zunehmen. In diesem Kontext sind statische Managementmodelle veraltet. Wirksamer Schutz erfordert internationale Koordination und gemeinsame Vereinbarungen zum Ressourcenmanagement“, sagte Shahar Chaikin.

Staaten müssen daher abgestimmt handeln, statt isolierte Entscheidungen zu treffen. Ohne Kooperation wird es nahezu unmöglich, gemeinsam genutzte Fischbestände zuverlässig zu schützen.

Kalte Regionen können durch wärmer werdendes Wasser zeitweise neue Fangchancen sehen. Wer jedoch nur auf solche kurzfristigen Gewinne blickt, verliert leicht die grössere Krise aus dem Blick: Die chronische Erwärmung lässt die globale Fischbiomasse weiter schrumpfen.

Die Ozeane verändern sich – und die Fischbestände stehen unter Druck. Hitzewellen können das Problem zeitweise überdecken, doch die langfristige Erwärmung drückt die Fischzahlen weiter nach unten.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen