„Sie nahmen einen Toten und warfen ihn in den Brunnen, und dann füllten sie ihn mit Steinen.“
So steht es in der rund 800 Jahre alten nordischen Sverris Saga, die Aufstieg und Herrschaft von König Sverre Sigurdsson schildert – jenem Herrscher, der Norwegen von 1184 bis zu seinem Tod im Jahr 1202 n. Chr. regierte.
Heute gibt es dafür erstmals einen handfesten, direkt zuordenbaren Anhaltspunkt: Ein Forschungsteam aus Skandinavien, Island und Irland hat die am Grund genau dieses beschriebenen Brunnens gefundenen Knochen neu untersucht – und damit greifbare Hinweise geliefert, dass der „Brunnenmann“ tatsächlich existierte.
Der Brunnenmann in der Sverris Saga
In der Erzählung ist der Brunnenmann zunächst kaum mehr als eine beiläufige Notiz zu einem Konflikt im Jahr 1197 n. Chr.: Eine Leiche wird von einer angreifenden Truppe in den Burgbrunnen geworfen, vermutlich um das Wasser durch Verwesung untrinkbar zu machen. Gerade diese kurze Passage hat jedoch unerwartet an Gewicht gewonnen – weil hier zum ersten Mal ein Ereignis aus einem solchen Text mit realen, historischen menschlichen Überresten in Verbindung gebracht werden konnte.
Knochenfund von 1938: alte Bergung, neue Methoden
Die betreffenden Knochen stammen von einem einzigen Individuum. Sie wurden bereits 1938 am Boden eines alten Brunnens in der Burg Sverresborg nahe Trondheim in Mittelnorwegen entdeckt. Damals fehlten jedoch die heute verfügbaren, hochauflösenden Werkzeuge der Genomanalyse, weshalb sich nur wenig über die Person sagen liess.
Mit den heutigen Möglichkeiten nahm ein Team um den Genomiker Martin Ellegaard von der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie die Überreste erneut in den Blick. Ziel war es, die Knochen des Brunnenmannes mit modernen Verfahren auszuwerten, um herauszufinden, welche Details seines Lebens sich daraus noch ablesen lassen.
„Dies ist das erste Mal, dass eine in diesen historischen Texten beschriebene Person tatsächlich gefunden wurde“, sagt Martin. „In ganz Europa gibt es viele solche mittelalterlichen und alten Überreste, und sie werden zunehmend mit genomischen Methoden untersucht.“
Datierung, Genom und Isotope: ein vollständigeres Profil
Bereits 2014 veröffentlichte osteologische Forschung ergab, dass die Knochen zu einem Mann gehörten, der beim Tod zwischen 30 und 40 Jahre alt war. Ellegaard und seine Kolleginnen und Kollegen starteten daraufhin eine umfangreiche Untersuchungsserie, die Radiokarbondatierung, Gen-Sequenzierung und Isotopenanalysen kombinierte, um ein klareres Bild der Identität zu gewinnen.
Die Radiokarbondatierung ergab, dass der Brunnenmann vor etwa 900 Jahren starb – und damit zeitlich zu dem in der Sverris Saga geschilderten Überfall auf Sverresborg im Jahr 1197 n. Chr. passt. Aus der Genomanalyse liess sich zudem ableiten, dass er wahrscheinlich blondes oder hellbraunes Haar sowie blaue Augen hatte.
Auf Grundlage einer umfassenden Datenbank moderner norwegischer Genomen konnten die Forschenden ausserdem eingrenzen, woher der Mann mit hoher Wahrscheinlichkeit stammte: aus Vest-Agder, dem südlichsten norwegischen Verwaltungsbezirk, mehrere hundert Kilometer von Trondheim entfernt.
„Ein Grossteil unserer Arbeit hängt davon ab, dass es Referenzdaten gibt“, sagt Genomiker Ellegaard. „Je mehr alte Genome wir sequenzieren und je mehr moderne Personen wir sequenzieren, desto besser wird die Analyse in Zukunft sein.“
Isotopenanalysen dienen nicht nur dazu, Radiokarbondaten zu stützen, sondern können auch Hinweise darauf liefern, wie und wo ein Mensch gelebt hat. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entnahmen aus den Knochen des Brunnenmannes Isotope von Kohlenstoff und Stickstoff; die Verhältnisse dieser Werte wurden mit einer Ernährung in Verbindung gebracht, die stark von Meeresfrüchten geprägt war.
Der Angriff der Bagler auf Sverresborg (1197)
Unklar bleiben sein Name und die genaue Todesursache. Laut Sverris Saga war er bereits tot, bevor man ihn in den Brunnen warf und Steine darüber schichtete. Möglich ist jedoch, dass er während des Angriffs auf die Burg Sverresborg ums Leben kam.
Der Überfall wird in der Überlieferung als Überraschungsangriff der römisch-katholischen Gegner König Sverres beschrieben. Diese Gruppe ist als Bagler bekannt – oder als Bagal, benannt nach den Bischofsstäben (Krucken), die Bischöfe trugen. Während Sverre anderswo überwinterte, drangen die Bagler in seiner Abwesenheit in seine Burg ein.
„Thorstein Kugad trat in den Dienst der Bagals und zog mit ihnen“, heisst es in der Saga. „Die Bagals nahmen alles Eigentum in der Burg an sich, und dann verbrannten sie jedes ihrer Gebäude. Sie nahmen einen Toten und warfen ihn in den Brunnen, und dann füllten sie ihn mit Steinen. Bevor sie die Burg verliessen, riefen sie die Bürger auf, alle Steinmauern niederzureissen; und bevor sie aus der Stadt abzogen, verbrannten sie alle Langschiffe des Königs. Danach kehrten sie ins Hochland zurück, sehr zufrieden mit der Beute, die sie auf ihrem Zug gemacht hatten.“
Der Text berichtet zudem, die Bagler hätten die Menschen in der Burg verschont und ihnen nichts ausser ihrer Kleidung gelassen. Doch frische Leichen erscheinen nicht aus dem Nichts, und daher ist plausibel, dass das Geschehen nicht völlig unblutig verlief. Ebenso ist denkbar, dass der Brunnenmann sogar selbst ein Bagler war, der von den Verteidigern der Burg getötet wurde.
„Der Text ist nicht völlig korrekt – was wir gesehen haben, ist, dass die Wirklichkeit viel komplexer ist als der Text“, erklärt die Archäologin Anna Petersén vom Norwegischen Institut für Kulturerbeforschung.
Die Studie unterstreicht zugleich, wie wirkungsvoll sich eine breit angelegte Genomdatenbank und belastbare historische Überlieferungen miteinander verbinden lassen, um verborgene Details der Vergangenheit aufzudecken.
Die Forschung wurde in iScience veröffentlicht.
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