Zwei lebensgroße Figuren stehen still im Inneren eines antiken Grabes – und verändern damit, wie die Toten von Pompeji betrachtet und im Gedächtnis behalten werden.
Eine der Darstellungen ist auffallend reich geschmückt und deutet an, dass Macht und öffentliche Ehrung über den Tod hinaus auch einer Frau zukommen konnten – nicht nur Männern.
Ausgrabung an der Porta Sarno
In Pompeji kamen die Skulpturen in einer aus dem Stein gearbeiteten Grabnische ans Licht: ein verhüllter Mann neben einer Frau mit aufwändigem Schmuck, beide in voller menschlicher Größe ausgeführt.
Im Juli 2024 legten Ausgräber nahe dem Stadttor Porta Sarno eine Begrenzungsmauer frei und stießen dabei auf die Nische, in der beide Figuren standen.
Geleitet wurde das Projekt von Professor Llorenç Alapont von der Universität Valencia (UV), die Bestattungen direkt außerhalb Pompejis untersucht.
Im Zentrum seiner Arbeit stehen Gräber und Brandbestattungen; durch präzise Dokumentation wird sichtbar, wie Familien ihre Identität im öffentlichen Raum zur Schau stellten.
Indem das Team den Boden in sehr dünnen Schichten abtrug, blieben die gemeißelten Oberflächen stabil genug, um die Stücke zu transportieren und anschließend zu konservieren.
Mauern für Brandbestattungen
Die Porta Sarno liegt in einer Nekropole, also einem geplanten Friedhof außerhalb der antiken Stadt, dessen Grabfassaden sich den Vorübergehenden zuwandten.
Die Bauleute schnitten gewölbte Nischen in die Mauer, damit Familien hinter steinernen Öffnungen Brandbestattungen platzieren konnten.
Ursprünglich befanden sich vier Nischen an der Front; später verschlossen Maurer eine davon, während drei Bereiche erhalten blieben, in denen sich schließlich Asche ablagerte.
Vermutlich entstand die Mauer zwischen 133 und 31 v. Chr., doch weil Inschriften fehlen, bleiben die Personen hinter den einzelnen Nischen unbekannt.
Die gemeißelte Oberfläche lesen
Steinmetze formten jedes Relief – also eine aus einer ebenen Steinfläche hervortretende Darstellung – so, dass Körper und Gesichter frontal gezeigt werden.
Ein ausführlicher Fachbeitrag vermerkt Farbreste entlang einer Fuge; das deutet darauf hin, dass die Frau zunächst allein stand und die zweite Figur erst später hinzugefügt wurde.
„Die Zartheit und Detailgenauigkeit der Skulptur ist bemerkenswert“, schrieb Alapont und fasste damit den ersten Eindruck des Teams zusammen.
Weitere Reinigung soll die verbliebene Farbigkeit besser erkennbar machen, denn Salze im Stein können Farbschichten abdrücken, wenn die Luftfeuchtigkeit steigt und wieder fällt.
Eine Toga und ihre Bedeutung
Rechts ist der Mann mit einer Toga dargestellt, die er in einer formellen Drapierung über den Körper gelegt hält.
Der Rahmen erreicht 6 feet 9 inches (2.06 meters), die Figur selbst ist 5 feet 9 inches (1.75 meters) hoch.
Bei den Römern war die Toga Bürgern im öffentlichen Leben vorbehalten; damit fungiert das Gewand – in den Falten gleichsam „eingeschrieben“ – als rechtlicher Statushinweis.
Da eine Namensplatte fehlt, lässt sich nicht feststellen, ob es sich um einen Ehemann, einen Sohn oder einen anderen Verwandten handelt.
Schleier, Mantel und Schmuck
Die weibliche Figur trägt Schleier, Mantel und Tunika; zudem sind Zierstücke über Brust und Hände hinweg eingearbeitet.
Zu erkennen sind Ohrringe, Ringe, Armreifen und eine Halskette – mit so sorgfältiger Ausführung, dass Reichtum und Rang der Familie unmissverständlich betont werden.
Solche Accessoires standen in römischen Städten für gesellschaftliches Ansehen, und die kostspielige Inszenierung spricht für eine Frau aus der Elite, die Nachbarn wiedererkannt hätten.
Doch auch hier ließ der Bildhauer keine Bezeichnung ihrer Rolle zurück; Forschende müssen Identität daher allein aus den Objekten erschließen.
Eine Lunula an ihrem Hals
An ihrer Halskette hängt eine Lunula, ein sichelförmiger Anhänger, der als Schutzamulett getragen wurde und hier in den Schmuck eingemeißelt ist.
In römischen Ritualen konnten Bräute vor der Hochzeit Dinge aus der Kindheit weihen oder abgeben – deshalb fällt ein solcher Anhänger an einer verheirateten Frau besonders auf.
Der Beitrag hält es für möglich, dass das Symbol auf die Göttin Ceres verweist, weil Bauern Mondphasen nutzten, um Aussaat und Ernte zu planen.
Wenn diese Deutung zutrifft, könnte das Grab ein öffentliches religiöses Amt würdigen; die Hinweise bleiben jedoch indirekt und nicht abschließend.
Ein Zeichen des Priestertums
In ihrer Hand erscheinen Lorbeerblätter, und die Darstellung behandelt sie eher als rituelles Bündel denn als bloße Zier.
Priester konnten belaubte Zweige verwenden, um Orte zu segnen, und dabei in kurzen, wiederholten Bewegungen duftenden Rauch von verbrannten Kräutern zu verteilen.
Würde sie ein solches Instrument halten, spräche das für eine zivile Aufgabe, da Priesterinnen der Gemeinschaft dienten und öffentliche Zeremonien leiteten.
Diese Interpretation stützt sich auf wenige bildhauerische Details; künftige Vergleiche mit anderen Bestattungen in Pompeji müssen sie prüfen.
Beigaben für die Toten
Zusätzlich bargen die Ausgräber zerbrochene Gefäße, ein Fragment eines Bronzespiegels sowie kleine Glasfläschchen, die einst parfümierte Öle enthielten.
Nachdem Körper auf einem Scheiterhaufen verbrannt sind, wird Knochenmaterial kreidig und brüchig; daher sieben Forschende die Sedimente und dokumentieren die Fragmente, bevor sie die Reste bergen.
In einer Grube fand das Team eine Münze und verkohlte Pinienkerne – beides Spuren von Gaben, die während der Bestattungsriten niedergelegt wurden.
Solche Kleinfunde können eine Bestattung datieren und soziale Praxis nachvollziehbar machen, selbst wenn das große steinerne Porträt anonym bleibt.
Ein Friedhofsstreifen an den Gleisen entdeckt
Erstmals wurde dieser Bestattungsstreifen, der vom späten 4. bis ins 2. Jahrhundert v. Chr. genutzt wurde, 1998 bei Bauarbeiten an der Circumvesuviana-Bahn freigelegt.
In den damaligen Gräben kamen mehr als 50 Brandbestattungsstellen mit schlichten Markierungen aus Lavastein zum Vorschein, außerdem ein eingestürztes Monument mit gemeißelten Köpfen.
Als der Vesuv 79 ausbrach, lag bereits mächtiger Unterboden über Teilen des Friedhofs, und es wurden keine neuen Bestattungen mehr angelegt.
Die heutigen Kampagnen des UV-Teams verknüpfen diese älteren Funde nun mit neuen Grabungen und verdichten so die Dokumentation der Bestattungen.
Eine Frau tritt wieder ins Blickfeld
Zusammengenommen zeigen Reliefs, Nischen und kleine Opfergaben, wie das UV-Team aus materiellen Spuren des Todes soziale Stellung herausliest.
Das Figurenpaar wird ab dem 16. April 2025 in Frau sein im antiken Pompeji gezeigt, der Ausstellung in der Palestra Grande.
Foto: Alfio Giannotti.
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