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Liangzhu in China: 5.000 Jahre alte Schädel aus Kanälen zu Bechern und Masken verarbeitet

Archäologe untersucht Keramik und Schädel bei Ausgrabung mit Karten und Werkzeugen im Hintergrund.

Ein in alten chinesischen Kanälen entsorgter Haufen Knochen hat etwas zutage gefördert, das in der Regionalarchäologie bislang ohne bekannte Parallele ist: menschliche Schädel, die zu Gefässen umgearbeitet wurden, sowie maskenähnliche Objekte aus Knochen. Die rund 5.000 Jahre alten Funde deuten darauf hin, dass ein Teil der Liangzhu-Gesellschaft in einer Phase rascher Urbanisierung menschliche Überreste als Rohmaterial behandelte.

Was haben Archäologen in China gefunden?

In einer in Scientific Reports veröffentlichten Studie wurden Überreste untersucht, die aus Kanälen und Gräben von fünf Fundplätzen stammen, die mit der Liangzhu-Kultur verbunden sind. Zwischen Keramikfragmenten und Tierknochen identifizierte das Team mehr als 50 menschliche Knochen mit Bearbeitungsspuren: Schnittmarken, Bohrungen, Politur, Abnutzung oder Teilungen, die offensichtlich mit Werkzeugen vorgenommen wurden.

Mittels Radiokarbondatierung wurden die Materialien in den Zeitraum zwischen 3000 und 2500 v. Chr. eingeordnet, also in das chinesische Neolithikum. Zwar sind zahlreiche Liangzhu-Friedhöfe bereits bekannt, doch diese auffällige Häufung bearbeiteter Stücke ausserhalb von Bestattungen erregte besondere Aufmerksamkeit – nicht zuletzt, weil viele Artefakte unvollständig waren und mit alltäglichen Abfällen vermischt vorlagen.

Wie wurden die Schädel umgearbeitet?

Am häufigsten wurde der Schädel selbst verändert. Vier erwachsene Schädel wurden horizontal abgetrennt, um sogenannte Schädelbecher zu formen. Weitere vier wurden vertikal geteilt, wodurch maskenähnliche Knochenstücke entstanden – ein Artefakttyp, der in der chinesischen Archäologie bislang keine direkte Entsprechung hat.

Zusätzlich fanden die Forschenden Schädelfragmente, die zu kleinen Platten geformt wurden, einen Schädel mit einer Bohrung im hinteren Bereich sowie einen Unterkiefer, der gezielt flachgedrückt worden war. Dass bestimmte Schnittführungen wiederholt auftreten, spricht dafür, dass die Herstellung nach relativ standardisierten Vorgehensweisen erfolgte – auch wenn die Funktion vieler Objekte weiterhin unklar bleibt.

Welche Hinweise sprechen gegen die Annahme von Gewalt?

Die Untersuchungen lieferten keine Spuren, die darauf hindeuten würden, dass Menschen während der Herstellung der Objekte gewaltsam zu Tode kamen. Ebenso fanden sich keine Anzeichen dafür, dass die Körper unmittelbar nach dem Tod zerlegt wurden. Nach Einschätzung der biologischen Anthropologin Junmei Sawada dürften die Eingriffe vielmehr erst erfolgt sein, nachdem die Leichen bereits verwest waren.

  • Keine tödlichen Traumata: An den Knochen zeigten sich keine eindeutigen Hinweise auf Hinrichtung oder Kampf.
  • Bearbeitung erst später: Die Veränderungen wirken, als seien sie nach natürlicher Zersetzung vorgenommen worden.
  • Standardisierte Herstellung: Ähnliche Schnitte tauchten an mehreren untersuchten Schädeln auf.
  • Entsorgung von Stücken: Viele nicht fertiggestellte Objekte lagen in Kanälen und in Arbeitsbereichen.

Diese Merkmale unterscheiden das Ensemble von dem, was man bei möglichen Praktiken des Menschenopfers erwarten würde. Die Studie spricht eher für eine organisierte Tätigkeit der Knochenumformung, weist jedoch darauf hin, dass sich weder die Identität der Personen noch die Herkunft der Überreste oder die Frage klären lässt, wer überhaupt das Recht hatte, sie zu bearbeiten.

Hat die Urbanisierung den Umgang mit den Toten verändert?

Liangzhu gilt als eine der frühesten grossen urbanen Gesellschaften Ostasiens – geprägt durch monumentale Bauwerke, spezialisierte Produktion und soziale Ungleichheit. Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass das Stadtwachstum Menschen zunehmend mit Individuen zusammenbrachte, die nicht zur eigenen Familie oder zur vertrauten Gemeinschaft gehörten, wodurch traditionelle Verwandtschaftsbindungen an Bedeutung verloren.

Für die Bioarchäologin Elizabeth Berger ist besonders ungewöhnlich, dass zahlreiche bearbeitete Knochen offenbar wie Müll behandelt wurden. Die im Artikel vertretene Deutung lautet, dass städtische Anonymität die Trennung zwischen Knochen und persönlicher Identität erleichtert haben könnte – und dass dadurch manche Überreste als verfügbares Material für die Herstellung von Gegenständen wahrgenommen wurden.

Das Rätsel könnte die Geschichte von Liangzhu neu prägen

Schädelbecher sind bereits aus hochrangigen Bestattungen bekannt und könnten bei religiösen Handlungen, Ritualen oder als Statussymbol eine Rolle gespielt haben. Für die Masken und die weiteren weggeworfenen Stücke gibt es dagegen weiterhin keine gesicherte Erklärung. Der Studie zufolge könnte die Praxis plötzlich eingesetzt haben, mindestens zwei Jahrhunderte lang bestanden und dann wieder verschwunden sein – ohne schriftliche Spuren zu hinterlassen.

Künftige Untersuchungen zu Datierung, DNA, Werkzeugspuren und zur Herkunft der Knochen könnten aufklären, wer diese Menschen waren und weshalb ihre Überreste so unterschiedlich behandelt wurden. Diese Fragen zu beantworten, ist entscheidend, um zu verstehen, wie die Entstehung von Städten soziale Bindungen, Vorstellungen und selbst den Blick früher Bevölkerungen auf ihre Toten veränderte.

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