Misophonie – eine starke Abwehrreaktion auf alltägliche Geräusche wie Kauen oder Schniefen – betrifft möglicherweise bis zu jeden Fünften von uns.
Obwohl Misophonie damit vergleichsweise häufig ist, bleibt unklar, wie genau sie im Gehirn entsteht.
Was bisher über Misophonie bekannt ist
Frühere Arbeiten lieferten kein eindeutiges Gesamtbild, verwiesen aber wiederholt auf den anterioren insulären Kortex – eine Hirnregion, die unter anderem an der Verarbeitung von Ekel und Schmerz beteiligt ist und Aufmerksamkeit mitsteuert.
Dieser Bereich gehört zum sogenannten Salienznetzwerk, das eine Vielzahl innerer und äußerer Signale bewertet und priorisiert.
Neue Hinweise: anteriorer insulärer Kortex, Salienznetzwerk und Misophonie
In einer in Human Brain Mapping veröffentlichten Studie legen Forschende des Montreal Neurological Institute (Kanada) und der University of Oklahoma (USA) nun zusätzliche Hinweise vor, dass der anteriore insuläre Kortex und das Salienznetzwerk eng mit Misophonie zusammenhängen.
Zudem sprechen die Daten dafür, dass es keine scharfe Trennlinie zwischen Menschen mit Misophonie und Menschen ohne Misophonie gibt.
„Unsere Ergebnisse liefern neuronale Evidenz dafür, dass Misophonie auf einem Spektrum existiert, mit beobachtbaren Unterschieden in einer großen Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung, in der Misophonie-Erfahrungen variieren“, schreiben die Forschenden in ihrer veröffentlichten Arbeit.
Das Team analysierte funktionelle Magnetresonanztomografie-(fMRT)-Aufnahmen von 162 Erwachsenen im Ruhezustand, die aus einer bereits bestehenden Datenbank stammten.
Da diese Datenbank jedoch keine spezifischen Angaben zur Misophonie enthielt, nutzten die Forschenden zusätzlich eine separate Auswertung von 777 Personen, die zu der Störung befragt worden waren, um die Misophonie-Schwere statistisch zu schätzen.
Die Einstufung der Schwere orientierte sich an allgemeinen sensorischen Reaktionen – etwa daran, wie jemand auf einen intensiven Geruch in einem Geschäft reagieren könnte.
Dabei zeigte sich: Eine stärkere Ausprägung von Misophonie-Symptomen hing damit zusammen, wie eng die Aktivität der vorderen Insula mit jenen Bereichen des Salienznetzwerks synchronisiert war, die für auditive Verarbeitung sowie für motorische Funktionen und Bewegungsplanung zuständig sind.
Außerdem überschnitt sich diese Clusterbildung nicht in bedeutsamer Weise mit Hirnaktivitätsmustern, die mit Angst, Depression oder Autismusmerkmalen in Verbindung stehen.
Diese Begleiterkrankungen treten bei Misophonie häufig mit auf und erschweren es, biologische Prozesse herauszuarbeiten, die spezifisch Misophonie zuzuordnen sind.
„Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der anterioren Insula im Salienznetzwerk für das Verständnis misophonischer Aversion und liefern vorläufige Hinweise auf neurologische Unterschiede zwischen Misophonie und Angst, Depression und Autismus“, schreiben die Forschenden.
Misophonie als Spektrum statt klare Gruppen
Als das Team versuchte, die Teilnehmenden anhand der identifizierten Muster in zwei klar getrennte Gruppen einzuteilen – Personen mit Misophonie und gesunde Kontrollpersonen –, verschwanden die statistischen Hirnmuster, die zuvor erkennbar gewesen waren.
Das deutet darauf hin, dass Misophonie eher einer gleitenden Skala entspricht.
Für künftige Studien ist das ein zentraler Punkt: Wenn Forschende besser verstehen wollen, was die Erkrankung auslöst und wie sie sich manifestiert, sollten sie diese Abstufungen berücksichtigen.
„Diese Arbeit hilft uns, neuronale Mechanismen der Misophonie besser zu verstehen, und betont den Vorteil, Misophonie als kontinuierliche Spektrum-Störung zu behandeln, um die Variabilität der Symptome in der realen Welt besser abzubilden“, schreiben die Forschenden.
Grenzen der Daten und nächste Schritte
So aufschlussreich die Ergebnisse sind, ist ein wichtiger Vorbehalt zu beachten: Keine der Personen aus der fMRT-Stichprobe wurde tatsächlich zu Misophonie befragt – ob jemand die Störung eher zeigt oder nicht, wurde aus statistischen Schätzungen abgeleitet. Zudem wurden keine Provokationstests mit als unangenehm empfundenen Geräuschen durchgeführt.
Das bringt allerdings auch Vorteile mit sich.
Denn wenn Studien gezielt nach Erkrankungen wie Misophonie rekrutieren, besteht das Risiko, dass vor allem besonders ausgeprägte Fälle in die Untersuchungen gelangen. Die hier berichteten Befunde dürften dagegen eher abbilden, wie Misophonie in der Allgemeinbevölkerung verteilt ist.
Auch die geschickte Nutzung des separaten Datensatzes mit 777 Personen ist für kommende Forschung hilfreich: Sie zeigt, dass man für Rekrutierung und Auswertung nicht immer bei null beginnen muss und dass vorhandene Informationen häufig sinnvoll neu eingesetzt werden können.
Als mögliche nächste Schritte nennen die Autor*innen, offene Punkte dieser Studie zu adressieren – also Hirnaktivität bei Personen zu untersuchen, bei denen relativ sicher ist, dass sie Misophonie in einem bestimmten Ausmaß haben (oder nicht), und zu prüfen, ob sich die Befunde bestätigen.
„Zukünftige Arbeiten können andere neurobildgebende Methoden nutzen, um ein klareres Bild davon zu erhalten, wie sich Misophonie im Gehirn darstellt“, schreiben die Forschenden.
Die Studie wurde in Human Brain Mapping veröffentlicht.
Dieser Artikel wurde von Rebecca Dyer auf Fakten geprüft und von Rebecca Dyer redaktionell bearbeitet. Auch wenn wir großen Wert auf unsere Prozesse legen, sind wir nur Menschen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, geben Sie uns bitte Bescheid.
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