Zum Inhalt springen

Alte DNA enthüllt das Rätsel um zwei umarmende Skelette in Opole

Archäologin entdeckt Skelett bei Ausgrabung im Freien, neben Tablet mit DNA-Analyse und Notizbuch.

Rund 800 Jahre lang lagen zwei Menschen an den Mauern einer polnischen Kathedrale Seite an Seite – ihre Körper so arrangiert, als würden sie sich noch immer umarmen. Eine neue Analyse von alter DNA hat nun gezeigt: Bei den beiden Skeletten handelt es sich um zwei Frauen ohne nahe Verwandtschaft. Damit ist das Grab rätselhafter denn je.

Wo wurden die umarmenden Skelette gefunden?

Die Bestattung kam bei Ausgrabungen zutage, die zwischen 2022 und 2025 an der Kathedrale zur Erhöhung des Heiligen Kreuzes in Opole (Polen) stattfanden. Die Kirche geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Das Grab lag nahe an den Außenmauern – ein im Mittelalter privilegierter Bereich, der in der Regel mit bedeutenden Personen in Verbindung gebracht wird.

Eine der Frauen lag auf dem Rücken, die Arme entlang des Körpers – eine verbreitete christliche Beisetzungsposition. Die zweite Person war seitlich abgelegt, mit einem Arm unter dem Kopf der ersten und dem Körper zu ihr hin ausgerichtet. Gerade diese sorgfältige Anordnung brachte die Archäologinnen und Archäologen zu der Einschätzung, dass beide gemeinsam beerdigt wurden, vermutlich im Rahmen derselben Zeremonie.

Was konnte die DNA-Studie belegen?

Die Studie, die 2026 im Journal of Archaeological Science: Reports erschien und von der Anthropologin Agata Cieślik geleitet wurde, untersuchte genetische Fragmente, die in den Überresten erhalten geblieben waren. Das Team bestätigte, dass beide Individuen biologisch weiblich waren und keine nahe genetische Verwandtschaft aufwiesen.

Damit gilt der Fund als erste in Polen bekannte, genetisch bestätigte mittelalterliche Doppelbestattung gleichgeschlechtlicher Personen. Zugleich unterstreicht die Arbeit, wie schnell allein aufgrund von Knochenmerkmalen oder Körperlagen vorschnelle Deutungen entstehen können – besonders dann, wenn Doppelgräber automatisch als Bestattung von Ehemann und Ehefrau gelesen werden.

Wie konnten Forschende so alte DNA rekonstruieren?

Nach Jahrhunderten im Boden ist Erbmaterial in zahllose Bruchstücke zerfallen. Die Forscherin Joanna Romeyer-Dherbey verglich die Aufgabe damit, ein Buch wieder zusammensetzen zu müssen, das in Tausende Teile gerissen wurde. Das Team entnahm Proben aus den Knochen, sequenzierte das verbliebene Material und setzte anschließend mithilfe computergestützter Verfahren Teile des genetischen Codes wieder zusammen.

Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, stützte sich die Auswertung auf mehrere Belegarten:

  • DNA-Fragmente, die in den sterblichen Überresten erhalten waren
  • Genetische Marker, die mit dem biologischen Geschlecht verknüpft sind
  • Vergleiche zur Bestimmung möglicher Verwandtschaft zwischen den Frauen
  • Beobachtungen zur ursprünglichen Lage der Skelette
  • Archäologische Untersuchung des Grabes und des Kathedralbereichs

Diese Kombination war entscheidend, weil DNA allein weder Gefühle noch Berufe oder soziale Bindungen abbildet. Sie kann biologische Eigenschaften und familiäre Beziehungen sichtbar machen – doch die vollständige Geschichte ergibt sich erst aus dem Bestattungsort, möglichen Beigaben, der Körperposition und den aus der jeweiligen Zeit bekannten Bestattungsbräuchen.

Waren die beiden Frauen ein Paar?

Die an eine Umarmung erinnernde Haltung macht diesen Gedanken naheliegend, dennoch betonen die Forschenden, dass die Beweislage nicht ausreicht, um die Beziehung eindeutig zu bestimmen. Möglich wären etwa eine Freundschaft, eine gemeinsame Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft, ein Arbeitszusammenhang oder eine Form sozialer Verwandtschaft – auch ohne Blutsverwandtschaft.

Die Autorinnen und Autoren weisen zudem darauf hin, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen im Mittelalter von religiösen und rechtlichen Autoritäten streng verurteilt wurden. Wären die beiden Frauen öffentlich als Liebespartnerinnen angesehen worden, ließe sich eine Beisetzung in unmittelbarer Nähe der Kathedrale schwer erklären. Gleichzeitig schließt dieser Kontext eine heimlich gelebte, emotionale Beziehung nicht aus – das Rätsel bleibt somit offen.

Warum verändert diese Umarmung den Blick auf das Mittelalter?

Das Grab deutet darauf hin, dass mittelalterliche Bindungen vielfältiger gewesen sein könnten, als es amtliche Quellen vermuten lassen. Dass keine Hinweise auf Strafe, Enthauptung oder Rituale zur Verhinderung einer „Rückkehr der Toten“ erkennbar sind, spricht außerdem dagegen, dass man die Frauen als bedrohliche Figuren ansah. Im Gegenteil: Zusammen erhielten sie einen respektierten Bestattungsplatz.

Weitere Untersuchungen an Münzen, Schmuck, Keramik und anderen in Opole entdeckten Bestattungen könnten künftig zusätzliche Hinweise liefern. Bis dahin gilt: einfache Antworten sind verführerisch, aber riskant. Die DNA zeigt, wer sie nicht waren – doch sie erklärt nicht, warum sie im Tod umschlungen beerdigt wurden. Wer die weiteren Schritte dieser Forschung verfolgt, sieht, wie Wissenschaft zwei vom Lauf der Zeit fast ausgelöschten Leben wieder komplexer macht.


Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen