Ein von Kaninchen aufgewühltes Grab im hohen Norden Schottlands hat eine Geschichte freigelegt, die rund 2.000 Jahre lang verborgen blieb. Neue Auswertungen deuten darauf hin, dass der Leichnam einer Frau aus der Eisenzeit nach ihrem Tod gezielt bearbeitet wurde: Möglichweise wurde ihr Gehirn entnommen, einzelne Knochen wurden zu Werkzeugen zugerichtet – und anschließend offenbar sorgfältig wieder in der Grabstätte arrangiert.
Was wurde in der Nähe von Loch Borralie gefunden?
Der kleine, aus Steinen aufgeschichtete Grabhügel wurde im Jahr 2000 nahe Loch Borralie untersucht, nachdem Anwohner freiliegende menschliche Knochen im Boden entdeckt hatten. In der rechteckigen Anlage lagen Teilreste von zwei Personen, die zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahrhundert n. Chr. bestattet wurden – einer Phase, die in der Region das späte Ende der Eisenzeit abdeckt.
Die Skelette gehörten zu einer Frau, die älter als 30 Jahre war (als „Individuum 1“ geführt), sowie zu einem Jugendlichen im Alter von ungefähr 15 Jahren. Zunächst wurden einzelne Spuren am Material teilweise als Folgen tierischer Einwirkung interpretiert. Eine neue Untersuchung, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Antiquity, kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass ein Teil der Veränderungen absichtlich durch Menschen verursacht wurde.
Warum vermuten Forschende, dass das Gehirn entfernt wurde?
Am Schädel der Frau zeigte sich an der Basis eine ungewöhnliche Fraktur; zudem waren im Inneren Schnittspuren zu erkennen, die zum Einsatz eines scharfen Werkzeugs passen. In dieser Kombination sehen die Forschenden einen Hinweis darauf, dass der Schädel kurz nach dem Tod geöffnet wurde – und dass das Gehirn im Rahmen einer geplanten Abfolge von Bestattungspraktiken entfernt worden sein könnte.
Wozu das diente, bleibt unklar. Als eine Erklärung wird diskutiert, dass der Schädel „gereinigt“ worden sein könnte, um ihn zu konservieren oder vorübergehend zu zeigen. Eine weitere im Artikel genannte Möglichkeit ist ein ritueller Verzehr von Gewebe; für Kannibalismus gibt es jedoch keine ausreichenden Belege. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass sich aus den Spuren Handlungen rekonstruieren lassen, nicht aber ihre Motive mit Sicherheit festlegen.
Wurden die Knochen tatsächlich zu Werkzeugen verarbeitet?
Vier lange Knochen der Frau – drei aus den Armen und einer aus dem Bein – waren gebrochen und so nachbearbeitet, dass klar erkennbare Kanten oder Spitzen entstanden. Diese Merkmale passen nicht zu Tierbissen. Vielmehr sprechen sie dafür, dass jemand das Knochenmaterial gezielt abgeschabt und geformt hat, vermutlich um Gegenstände herzustellen, die eine praktische oder symbolische Funktion gehabt haben könnten.
Die Analyse weist auf eine besonders komplexe Bestattungsabfolge hin:
- Öffnung der Schädelbasis nach dem Tod;
- mögliche Entnahme des Gehirns mit schneidenden Werkzeugen;
- Bearbeitung langer Knochen zu spitzen Objekten;
- Rückplatzierung der Teile an ihre anatomischen Stellen;
- sorgfältige Bestattung innerhalb des Steinhügels.
Am auffälligsten ist, dass die veränderten Knochen anschließend wieder ungefähr dort positioniert wurden, wo sie im Körper gelegen hätten. Nach Einschätzung des Teams setzt dieses „Zusammensetzen“ anatomisches Wissen und sorgfältiges Vorgehen voraus. Das könnte auf Respekt oder Verehrung gegenüber der Frau hindeuten – auch wenn sich Deutungen im Zusammenhang mit anderen sozialen und rituellen Praktiken nicht ausschließen lassen.
Wer war der Jugendliche, der neben ihr bestattet wurde?
Bei der zweiten Person handelte es sich um einen etwa 15-jährigen Jungen; an seinem Schädel und den übrigen Knochen fanden sich keine vergleichbaren Hinweise auf Manipulationen. Analysen alter DNA ergaben, dass beide entfernte Verwandte gewesen sein könnten – möglicherweise Cousin und Cousine zweiten Grades, verbunden über ein gemeinsames Paar Ururgroßeltern.
In den sterblichen Überresten erhaltene Isotope sprechen dafür, dass beide an der Ostküste Schottlands aufgewachsen sind, obwohl die Bestattung im Nordwesten erfolgte. Die DNA zeigte außerdem biologische Verbindungen zu Menschen aus anderen prähistorischen Fundplätzen, darunter auch von den Orkney-Inseln. Das deutet auf Bewegungen und Beziehungen hin, die große Distanzen überbrückten.
Die Entdeckung verändert den Blick auf das prähistorische Schottland
Der Fund von Loch Borralie unterstreicht, dass Verstorbene in Gemeinschaften der Eisenzeit weiterhin eine aktive Rolle gespielt haben könnten. In verschiedenen Teilen Großbritanniens wurden Körper erhalten, geteilt, transportiert oder verändert – Hinweise auf Bestattungstraditionen, die deutlich vielfältiger gewesen sein dürften, als es die wenigen erhaltenen Gräber lange nahelegten.
Auch die genetischen und geografischen Verknüpfungen zeichnen das Bild maritim geprägter Gemeinschaften, die entlang der Küsten und zwischen den nördlichen Inseln unterwegs waren. Mit jeder erneuten Untersuchung von Knochen lassen sich möglicherweise weitere Teile dieses vergessenen Netzwerks rekonstruieren. Der Schutz solcher Funde ist dringend, weil moderne Methoden alte Ausgrabungen in überraschend detaillierte Erzählungen über Erinnerung, Mobilität und den Umgang mit Vorfahren verwandeln können.
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