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Qafzeh 25: Die älteste dokumentierte Schnittverletzung bei Homo sapiens?

Person mit Handschuhen hält einen Knochen in einem Labor mit Schädeln und wissenschaftlichen Instrumenten.

Vor rund 100.000 Jahren erlitt ein Mann einen scharfkantigen, einschneidenden Schlag auf der linken Gesichtshälfte – und lebte noch lange genug, dass der Knochen bereits mit der Heilung begann. Diese Spur ist in dem Fossil erhalten, das als Qafzeh 25 bekannt ist, und könnte der bislang älteste dokumentierte Nachweis einer durch einen scharfen Gegenstand verursachten Verletzung bei einem Menschen sein.

Wer war der Mensch Qafzeh 25?

Bei den Überresten handelt es sich um einen erwachsenen Mann, der in der Qafzeh-Höhle nahe Nazareth im heutigen Israel entdeckt wurde. In dieser Fundstätte blieben Fossilien einiger der frühesten ausserhalb Afrikas bekannten Homo sapiens erhalten, die auf einen Zeitraum von etwa 145.000 bis 92.000 Jahren datiert werden.

Qafzeh 25 wurde 1979 ausgegraben und zunächst mit den damals verfügbaren Methoden untersucht. Viele Jahrzehnte später nahm ein internationales Team Schädel und Unterkiefer erneut unter die Lupe. Die 2026 in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichte Studie machte Einzelheiten sichtbar, die ohne technische Hilfsmittel nicht zu erkennen waren.

Was ergab die Untersuchung des Unterkiefers?

Die Forschenden beschrieben eine lineare Läsion auf der linken Seite des Unterkiefers. Die Spur reicht bis in den Knochen und erfasst zudem einen Teil eines Prämolaren; ihre Form passt zu einem Kontakt mit einem scharfkantigen Objekt. Unter den in Qafzeh gefundenen Steinwerkzeugen befinden sich unter anderem Schaber und Feuersteinspitzen, die Schnitte dieser Art verursachen könnten.

Mithilfe von Mikroskopie und Mikro-Computertomografie wurden ausserdem lokal begrenzte Porosität sowie eine Verdickung entlang der Wundränder festgestellt. Nach Angaben der von der Paläoanthropologin Ana Pantoja-Pérez geleiteten Studie deuten diese Veränderungen auf Knochenumbau hin. Damit gilt die Verletzung als zu Lebzeiten entstanden und als bereits vor dem Tod in Heilung begriffen.

Warum ziehen die Forschenden Gewalt als Erklärung in Betracht?

Wie es genau zu dem Trauma kam, lässt sich nicht eindeutig rekonstruieren – dennoch wird ein zwischenmenschlicher Konflikt als plausible Möglichkeit diskutiert. Forensische Untersuchungen an heutigen Populationen zeigen, dass bei direkten, frontalen Auseinandersetzungen Schläge häufig die linke Gesichtshälfte treffen; als möglicher Hintergrund wird die Häufigkeit rechtshändiger Angreifender genannt.

  • Gewalt könnte die gezielte Einwirkung auf das Gesicht erklären.
  • Unfall bei der Herstellung von Werkzeugen bleibt eine Option.
  • Jagd könnte zu einem unerwarteten Kontakt mit einer Steinklinge geführt haben.
  • Heilung zeigt, dass der Mann nicht unmittelbar an der Verletzung starb.

Die Autorinnen und Autoren bleiben vorsichtig, weil kein konkreter Gegenstand, der den Schnitt verursacht haben könnte, zusammen mit dem Skelett gefunden wurde. Gleichzeitig sind Spuren von scharfkantigen Instrumenten in Fossilien aus dem Mittelpaläolithikum äusserst selten. Sollte sich Gewalt als Ursache erhärten, wäre Qafzeh 25 der älteste bekannte Beleg für diese Art von Verletzung.

Wurde der Mann nach der Verletzung versorgt?

Dass der Knochen bereits verheilt war, spricht dafür, dass Qafzeh 25 nach dem Trauma noch eine beträchtliche Zeit weiterlebte. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, dass er während der Genesung Nahrung, Schutz oder andere Formen der Unterstützung erhielt. Wie lange er tatsächlich überlebte und ob er dafür auf Hilfe angewiesen war, lässt sich aus den Daten jedoch nicht bestimmen.

Die Analysen brachten ausserdem Karies, Schmelzdefekte und Absplitterungen an mehreren Zähnen ans Licht. Solche Befunde erweitern das Bild vom Gesundheitszustand früher Menschen, die in dieser Region lebten. Aus Sicht des Forschungsteams liefert die Kombination Hinweise auf Verletzlichkeit, körperliche Widerstandskraft und mögliche Unterstützung innerhalb der Gemeinschaft.

Was verrät die Bestattung über frühe Menschen?

Das Team bestätigte, dass der Körper sehr wahrscheinlich bewusst bestattet wurde. An den Knochen fehlen typische Spuren, die bei Aasfressern, längerer Offenlage oder starker Tritteinwirkung zu erwarten wären. Die Qafzeh-Höhle ist ohnehin dafür bekannt, einige der ältesten Beispiele von Bestattungspraktiken zu bewahren, die mit unserer Art in Verbindung gebracht werden.

In Qafzeh 25 vereint sich damit in einem einzigen Fossil zweierlei: die Fähigkeit, Gewalt auszuüben, und die mögliche Bereitschaft, jemanden zu versorgen, der sie überlebt. Die erneute Untersuchung dieses Fundes ist wichtig, um besser zu verstehen, wann komplexe soziale Verhaltensweisen entstanden – und um anzuerkennen, dass Konflikt, Solidarität und Erinnerung unsere Art seit Zehntausenden von Jahren begleiten.

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