Ein Mann von etwa 25 Jahren wurde vor fast fünf Jahrtausenden in einer Anlage beigesetzt, die zuvor als Ofen gedient hatte. Die Lage des Leichnams entsprach den Bestattungssitten seiner Gemeinschaft – doch der ungewöhnliche Ort und eine deutlich erkennbare Verletzung am Schädel werfen eine beunruhigende Frage auf: Starb er in einer Auseinandersetzung oder wurde er als Menschenopfer dargebracht?
Wo wurde das Grab entdeckt?
Der Fund stammt aus der Nähe von Gerstewitz im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt. Er kam bei archäologischen Voruntersuchungen entlang der geplanten Stromtrasse SuedOstLink ans Licht. In dem Areal fanden sich Spuren menschlicher Nutzung, die sich über rund 6.000 Jahre angesammelt haben – darunter Grabanlagen, Gräben und Hinterlassenschaften verschiedener prähistorischer Kulturen.
Nach Angaben des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie lag das Skelett in einer ehemaligen Ofengrube, die aus zwei miteinander verbundenen unterirdischen Kammern bestand. Solche Konstruktionen konnten zum Brennen von Materialien, zur Zubereitung von Nahrung oder zur Verarbeitung von Ton genutzt werden; üblicherweise werden sie jedoch ohne menschliche Überreste oder Beigaben entdeckt.
Wer war der Mann, der im Ofen beerdigt wurde?
Die Forschenden gehen davon aus, dass der Verstorbene etwa 25 Jahre alt war und zur Schnurkeramischen Kultur gehörte, die zwischen ungefähr 2900 und 2050 v. Chr. weite Teile Europas prägte. Die Bezeichnung dieser Kulturgruppe leitet sich von schnurähnlichen Abdrücken ab, die vor dem Brand in Keramikgefässe gedrückt wurden.
Der Tote lag auf der rechten Seite, die Beine angezogen, das Gesicht nach Süden gerichtet. Diese Körperhaltung entspricht den typischen Männerbestattungen der Schnurkeramischen Kultur. Auffällig war jedoch, dass der Rumpf nicht in einer stabilen Position lag, was darauf hindeutet, dass der Körper möglicherweise auf einer Matte, einem Tierfell oder einer anderen organischen Unterlage abgelegt wurde, die im Laufe der Zeit vergangen ist.
Warum vermuten Archäologen ein Menschenopfer?
Zwei Punkte machen den Befund aussergewöhnlich: die Schädelverletzung und die Nutzung eines aufgegebenen Ofens als Grab. Oliver Dietrich, Archäologe der für die Ausgrabung zuständigen Einrichtung, betonte, dass eine endgültige Bewertung bislang aussteht. Entscheidend sind Laboruntersuchungen sowie eine sorgfältige Auswertung der Verletzung.
- Mord könnte eine durch gezielte Gewalt verursachte Verletzung erklären.
- Kampf könnte zum Tod geführt haben und eine improvisierte Bestattung nach sich gezogen haben.
- Opferhandlung könnte die rituelle Wahl einer ungewöhnlichen Struktur plausibel machen.
- Unfall lässt sich ohne vollständige Analyse des Schädels weiterhin nicht ausschliessen.
Mehr Gewicht erhielt die rituelle Deutung, weil seltene Ofengruben, die ebenfalls der Schnurkeramischen Kultur zugeschrieben werden, vollständige Rinderskelette oder die Überreste zerstückelter Hunde enthielten. Solche Deponierungen werden als mögliche Opfergaben an unbekannte Gottheiten verstanden – auch wenn die Anwesenheit des Mannes nicht beweist, dass ein vergleichbarer Brauch tatsächlich auf Menschen übertragen wurde.
Was zeigen andere Funde über Gerstewitz?
Bereits zuvor hatte der Fundplatz Hinweise auf deutlich ältere Zeremonien geliefert. Anlagen, die mit der Salzmünde-Kultur in Verbindung gebracht werden – sie war in der Region ungefähr zwischen 3400 und 3100 v. Chr. präsent –, enthielten Hundeknochen, menschliche Schädel, vollständig erhaltene Gefässe sowie Reste verbrannter Bauwerke, die in tiefen Gruben niedergelegt worden waren.
Ausserdem identifizierten die Archäologinnen und Archäologen ein System aus Gräben und Wällen sowie einen grossen Grabhügel, der von einer noch früheren Bevölkerungsgruppe errichtet worden sein soll. Diese Befunde sprechen dafür, dass der Hügel über lange Zeit eine soziale und womöglich religiöse Bedeutung besass – sie erlauben jedoch nicht den Schluss, dass alle dort ansässigen Gemeinschaften identische Rituale praktizierten.
Welche Untersuchungen könnten das Rätsel lösen?
Analysen am Skelett können klären, ob die Verletzung vor dem Tod, im Todesmoment oder erst nach dem Tod entstanden ist. DNA-Untersuchungen, Isotopenanalysen und die Auswertung der Zähne könnten zudem Aufschluss über Verwandtschaft, Ernährung, geografische Herkunft und den Gesundheitszustand geben. Eine Datierung des Materials aus der Grube soll ausserdem zeigen, wann der Ofen ausser Betrieb geriet und später zur Grabstätte wurde.
Bis entsprechende Ergebnisse vorliegen, bleibt die Bezeichnung als Opfer eines Rituals eine Möglichkeit – keine Gewissheit. Gerade weil der Befund nach fast 5.000 Jahren noch immer offene Fragen bewahrt, ist er so bemerkenswert. Die kommenden Analysen werden entscheidend dafür sein, ob sich hinter Gerstewitz ein Verbrechen, eine vergessene Auseinandersetzung oder ein bislang unbekanntes Ritual verbirgt.
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