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Indigene Felsmalerei in South Africa könnte Dicynodont aus 260 Millionen Jahren zeigen

Mann untersucht Tierschädel vor Felszeichnung einer Schlange in einer felsigen Wüstenlandschaft.

Menschen indigener Gemeinschaften im südlichen Afrika könnten bereits vor rund 260 Millionen Jahren ausgestorbene Tiere gemalt haben – und zwar lange bevor westliche Archäolog:innen diese Fossilien wissenschaftlich beschrieben.

In einem neuen, zum Nachdenken anregenden Fachartikel vertritt der Evolutionsbiologe Julien Benoit die These, dass die Felsmalereien von La Belle France in der Free State Province in South Africa als bislang unterschätzte Form indigener Paläontologie zu verstehen sind.

Felskunst von La Belle France und indigene Paläontologie

Im Zentrum steht die Darstellung eines Stoßzahn-Tiers, die vor nahezu zwei Jahrhunderten entstanden ist. Dieses Motiv sei, so Benoit, sehr wahrscheinlich keine frei erfundene Kreatur, sondern die bildliche Rekonstruktion eines Wesens, das in der Region vor mehr als 260 Millionen Jahren lebte.

Auf dem Felsbild wirkt das Tier langgestreckt und schlank – daher trägt die Bildtafel den Namen „Horned Serpent“.

Benoits Deutung: Der „Horned Serpent“ als Dicynodont

Benoit, der an der University of the Witwatersrand in South Africa arbeitet, widerspricht der gängigen Einordnung und erkennt stattdessen auffällige Ähnlichkeiten zu einem Dicynodont. Dabei handelt es sich um einen vierbeinigen, zahnlosen Vorfahren heutiger Säugetiere mit Stoßzähnen; entsprechende Fossilien seien im Karoo Basin nicht nur häufig, sondern auch gut sichtbar.

Das Karoo Basin wird von manchen als „palaeontological wonderland“ beschrieben. Es erstreckt sich über weite Teile dessen, was heute als South Africa bekannt ist – die dort abgelagerten Fossilien stammen jedoch aus einer Zeit, bevor der Superkontinent Gondwana auseinanderbrach.

Benoit argumentiert zudem, dass die Felsmalerei an der Wand – angefertigt von den ǀXam-ka ǃʼē – auf einen „Geomythos“ hindeuten könnte: eine mündliche oder schriftliche Überlieferung, mit der geologische Ereignisse und Erscheinungen erklärt werden, etwa Fossilien oder markante Landschaftsformen.

Auch die Krümmung der Wirbelsäule passe ins Bild: Sie erinnere an die typische „Todespose“, die bei Dicynodont-Fossilien in ihrer Lage häufig zu beobachten sei.

„Die Malerei wurde spätestens 1835 angefertigt; das bedeutet, dieser Dicynodont wurde mindestens zehn Jahre vor der westlich-wissenschaftlichen Entdeckung und Benennung des ersten Dicynodont durch Richard Owen im Jahr 1845 dargestellt“, sagt Benoit.

„Diese Arbeit stützt die Annahme, dass die ersten Bewohner:innen des südlichen Afrika … Fossilien entdeckten, sie deuteten und in ihre Felskunst und ihr Glaubenssystem integrierten.“

Nach einem Bericht von The New York Times fiel Benoit die Ähnlichkeit zwischen dem „Horned Serpent“ und einem Dicynodont zunächst in einem Buch aus den 1930er-Jahren auf. Als er sich das Original vor Ort ansah, entdeckte er in der Umgebung mehrere freiliegende Dicynodont-Fossilien.

Die indigenen Kulturen des südlichen Afrika werden zusammenfassend als San bezeichnet. Berichte von Kolonisten zufolge existiert in der Region ein San-Mythos über riesige Tiere – größer als Flusspferde oder Elefanten –, die dort einst umhergezogen sein sollen.

Heute deuten archäologische Befunde darauf hin, dass Vorfahren der San solche Fossilien gefunden und über große Entfernungen transportiert haben.

In einer Arbeit aus dem Jahr 2019 kamen Benoit, der Paläontologe Charles Helm und mehrere weitere Kolleg:innen zu dem Schluss, es gebe eine „reiche, unterschätzte Beleglage für ein indigenes Bewusstsein für Fossilien und geologische Phänomene“.

Mit der Zeit, so ihre Prognose, werde sich im südlichen Afrika wahrscheinlich ein „vielfältiges nicht-westliches, indigenes paläontologisches und geomythologisches Erbe“ abzeichnen.

Die Karoo-Darstellung des Stoßzahn-Tiers sei für Benoit das erste ausführlich ausgearbeitete Beispiel.

Möglich sei, dass die ǀXam-ka ǃʼē die Schädel von Dicynodonten als Überreste einst lebender Tiere verstanden und diese Wesen in ihr Weltbild sowie in ihre Kunst integriert hätten.

Ein Detail hebt Benoit besonders hervor: Die nach unten gerichteten Stoßzähne auf der „Horned Serpent“-Tafel zeigen in dieselbe Richtung wie Dicynodont-Stoßzähne – und damit in die entgegengesetzte Richtung zu Elefanten und Warzenschweinen. Tatsächlich, so Benoit, gebe es in Africa kein heute lebendes Tier mit Stoßzähnen dieser Art.

„Die Haut des Stoßzahn-Tiers ist gepunktet“, schreibt Benoit, „was in der San-Felskunst nicht ungewöhnlich ist, zugleich aber zu der warzigen, mumifizierten Haut passt, die in einigen Dicynodont-Fossilien der Region erhalten blieb.“

Kritik, Alternativen und die Frage nach Geomythen

Benoits Thesen dürften, so der Tenor, eine intensive Debatte auslösen – insbesondere darüber, inwieweit frühe Kulturen Fossilien als vollständige Tiere interpretierten. Als Vergleich wird auf jüngere Kontroversen verwiesen: Behauptungen, Protoceratops-Fossilien hätten Greifen-Mythen inspiriert, seien zuletzt von Forschenden kritisiert worden, die fehlende stützende Belege anführten.

Das Felsbild lasse sich grundsätzlich auch anders lesen – etwa als Robbe, die einen Fisch frisst, oder als Landtier, das eine Schlange verschlingt. Benoit entgegnet jedoch, die U-Form sei dafür zu kurz; außerdem hätten Schlangen und Fische in der San-Felskunst normalerweise deutlichere Erkennungsmerkmale. Auch seien die Linien zu dick, um als Schnurrhaare oder Blut gedeutet zu werden, argumentiert er.

„Selbst wenn man annimmt, dass die ‚Horned Serpent‘-Tafel eine rein spirituelle Bedeutung hat, entkräftet das nicht die Hypothese, dass das Stoßzahn-Tier selbst auf Grundlage eines Dicynodont-Fossils imaginiert worden sein könnte“, so Benoit.

„Die spirituelle und die paläontologische Interpretation dieser Malerei schließen einander nicht aus.“

Die Studie wurde in PLOS ONE veröffentlicht.

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