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7,2 Millionen Jahre alter Oberschenkelknochen aus Bulgarien liefert Hinweise auf frühen aufrechten Gang

Mann kniet in Ausgrabungsstätte und hält großen Knochen, umgeben von Karte, Notizbuch und Grabungswerkzeugen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben festgestellt, dass ein 7,2 Millionen Jahre alter Oberschenkelknochen aus Bulgarien eindeutige anatomische Merkmale bewahrt, die mit aufrechtem Gehen bei einem sehr frühen Verwandten des Menschen verbunden sind.

Der Fund verlagert belastbare Hinweise auf zweibewegte Fortbewegung deutlich weiter zurück in die Vergangenheit und rückt Südosteuropa als Schauplatz eines entscheidenden Abschnitts der menschlichen Evolution in den Fokus.

Knochen aus Azmaka

Das Fossil stammt aus fluvialen, also von einem Fluss abgelagerten Sedimenten nahe Chirpan im Süden Bulgariens. Erhalten ist ein grosser Teil eines rechten Femurs, der zu einem kleinwüchsigen, affenähnlichen Vorfahren gehört.

Nikolai Spassov vom Nationalmuseum für Naturgeschichte Bulgariens (NMNHS) und sein Team untersuchten den Knochen und beschrieben mehrere Bauformen, die eng zu frühen, zweibeinig gehenden Homininen passen.

Auffällig sind ein verlängerter Schenkelhals, spezifische Ansätze für Muskulatur sowie eine verdickte äussere Knochenschicht – Muster, die typischerweise mit Lastaufnahme beim aufrechten Gehen in Verbindung stehen.

Gleichzeitig zeigt der Femur weiterhin klar affentypische Eigenschaften. Dadurch wirkt das Tier wie ein Übergangsfall, der einen genaueren Abgleich mit späteren menschlichen Vorfahren erforderlich macht.

Anzeichen für aufrechte Fortbewegung

Spuren von aufrechtem Gehen lassen sich besonders am oberen Femur erkennen, weil Hüftmuskeln und Körpergewicht diesen Bereich bei jedem Schritt belasten.

In der neuen Analyse ist der Schenkelhals lang und nach oben geneigt. Das vergrössert den Abstand zwischen Hüftgelenk und zentralen stabilisierenden Muskeln.

Eine solche Geometrie kann dabei helfen, das Becken während des Schreitens zu stabilisieren. Dazu passt, dass unterhalb des Schenkelhalses stärkerer Knochenbau auf wiederholte Belastung von unten hinweist.

Professor Spassov erklärte, mehrere strukturelle Merkmale – darunter Form und Muskelansatzstellen – erinnerten an solche früher menschlicher Vorfahren, die für aufrechtes Gehen angepasst waren.

Zwischen Affe und Mensch

Der Knochen gehört nicht zu einem Wesen, das mit dem gleichmässigen, flüssigen Gang eines modernen Menschen über offenes Gelände lief.

Die Forschenden schätzen das Körpergewicht des Individuums auf etwa 24 Kilogramm (53 Pfund); in derselben Mitteilung wurden zudem affenähnliche Merkmale am Femur hervorgehoben.

„Graecopithecus bewegte sich jedoch nicht ganz so wie moderne Menschen“, sagte Spassov – und zog damit eine klare Grenze für die Vergleichbarkeit.

Diese Mischkonstruktion spricht für ein Tier, das am Boden durchaus aufrecht gehen konnte, ohne ältere Klettergewohnheiten vollständig aufzugeben.

Grenzen eines einzelnen Femurs

Offen bleibt die Frage, ob der Oberschenkelknochen tatsächlich zu Graecopithecus gehörte oder zu einem anderen, in der Nähe lebenden Menschenaffen.

Spassovs Team begründet die Zuordnung damit, dass ein bulgarischer Zahnfund und ein griechischer Kiefer in nahezu denselben engen Zeitabschnitt fallen.

Solange jedoch kein Schädel, Becken oder Fuss derselben Einzelperson vorliegt, bleibt die Bestimmung vorsichtig und nicht endgültig. Gerade diese Einschränkung verhindert, dass die Arbeit den Fall abschliesst – auch wenn sie die Debatte deutlich erweitert.

Die Balkan-Debatte um frühe Fossilien

Über Jahre hinweg galten ostafrikanische Fossilien wie Orrorin tugenensis als die am besten akzeptierten frühen Hinweise auf Bipedalismus, also das Gehen auf zwei Beinen.

Eine Studie aus dem Jahr 2001 beschrieb rund sechs Millionen Jahre alte Oberschenkelknochen aus Kenia, die eine Kombination aus Fortbewegung am Boden und anteiligem Klettern erkennen liessen.

Der bulgarische Femur ist ungefähr 1,2 Millionen Jahre älter – genug, um sowohl den Zeitstrahl als auch die geografische Einordnung zu verschieben.

Das allein verlegt den Ursprung des Menschen nicht nach Europa, doch es schwächt Erzählungen, die allzu sauber mit einem einzigen Ausgangsort beginnen.

Landschaften als Motor der Evolution

Trockene Grasländer und mosaikartige Waldflächen könnten ein Teil der Erklärung sein, denn der Balkan wurde damals offenbar offener.

Spassovs Team ordnet die Funde in dasselbe Zeitfenster von 7,2 Millionen Jahren ein und rekonstruiert eher eine bewaldete Savanne als einen dichten Urwald.

In offenerem Gelände verändert eine höhere Körperhaltung, was ein Tier sehen, tragen und erreichen kann; zugleich wirkt sich längere Wegstrecke darauf aus, wie die Hüfte Kräfte aufnimmt.

Diese Umweltbedingungen beweisen nicht, weshalb aufrechtes Gehen entstand, passen jedoch zu einem Körperbau, der offenbar mehr Zeit unterhalb der Bäume verbrachte.

Frühe Wanderungsmuster der Menschenaffen

Der Fund ist auch deshalb bedeutsam, weil er in ein grösseres Muster von Tierwanderungen zwischen Eurasien und Afrika hineinspielt.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2021 brachte Phasen zunehmender Austrocknung auf der Arabischen Halbinsel mit einseitigen Ausbreitungswellen von Säugetieren nach Afrika in Verbindung.

Wenn sich Menschenaffenpopulationen entlang ähnlicher Routen bewegten, lässt sich Südosteuropa schwerer als blosses Randgebiet abtun.

Das bleibt eine Hypothese – doch der Femur taucht zur passenden Zeit und am passenden Ort auf, um sie plausibel erscheinen zu lassen.

Streit über die Bedeutung des Fossils

Skeptische Stimmen werden dennoch am wunden Punkt ansetzen: Ein einzelner Knochen entscheidet selten einen so alten Streit.

Ähnliche Merkmale können in getrennten Linien unabhängig entstehen, wenn Körper vergleichbare Bewegungsprobleme lösen – Ähnlichkeit bedeutet also nicht automatisch direkte Abstammung.

Eine Studie aus dem Jahr 2023 argumentierte zudem, Menschenaffen im östlichen Mittelmeerraum seien vielfältiger gewesen, als lange angenommen.

Genau deshalb werden viele Forschende Zähne, Hüften, Füsse und mehr als ein Individuum sehen wollen, bevor der „Geburtsort der Menschheit“ verschoben wird.

Nächste Hinweise im Boden

In Azmaka und an weiteren Balkan-Fundstellen wird weiterhin gegraben, weil das nächste entscheidende Fossil deutlich kleiner sein könnte.

Zähne helfen, ein Fossil auf der Evolutionslinie zu verorten; Hüften, Knie und Füsse zeigen dagegen, wie sich ein Körper tatsächlich fortbewegte.

Ein zusammengehörender Satz aus einem einzigen Skelett würde klären, ob das Tier überwiegend aufrecht ging, nur gelegentlich aufrecht war oder sich schwerer einordnen lässt.

Bis dahin setzt der bulgarische Femur einen neuen zeitlichen Marker, ohne die Auseinandersetzung endgültig zu entscheiden.

Neue Richtungen in der Evolution

Der Knochenfund aus Bulgarien beendet die Debatte um die menschlichen Ursprünge nicht, macht es aber unmöglich, den Balkan auszuklammern.

Menschliche Evolution wirkt damit zunehmend als räumlich verteiltes Geschehen, geprägt von Bewegung, Klima und Überleben – nicht als Geschichte eines einzigen Ursprungsortes.


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