Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben den bislang größten bekannten unterirdischen Warmwassersee bestätigt. Er liegt rund 100 Meter unter der Grenzregion zwischen Albanien und Griechenland.
Messungen zeigen, dass Wasser aus diesem verborgenen See innerhalb weniger Stunden durch ein Netz verbundener Höhlen weiterströmen kann. Das verändert die bisherige Vorstellung davon, wie sich solche unterirdischen Wassersysteme verhalten.
Dampf weist den Weg nach unten
Aus einem felsigen Tal nahe Konitsa, einer Stadt im Nordwesten Griechenlands, stieg auffälliger Dampf auf - und führte Höhlenforscher zu einer unscheinbaren Öffnung.
Marek Audy, ein tschechischer Speläologe der Tschechischen Speläologischen Gesellschaft, folgte dem Wasserdampf in die Tiefe und stieß am Ende auf warmes Wasser.
Eine Dampfsäule, die aus dem Hang aufstieg, zog Audy erneut in das System hinein; im Februar 2025 erreichte das Team schließlich den See.
Erst durch präzise Kartierung wurde aus dem Fund ein komplexes Rätsel der Wasserwege - mit möglichen Auswirkungen auf jede Quelle im Tal.
In der Atmos-Höhle
In der Atmos-Höhle auf der albanischen Seite der Grenze entdeckten die Erkundungsteams in einer eingestürzten Kammer ein warmes Becken.
Laser- und Unterwasser-Scans bezifferten die Ausdehnung auf etwa 138 Meter Länge und 42 Meter Breite; enthalten sind rund 8,3 Millionen Liter mineralreiches Wasser.
„Als wir diese Höhle zum ersten Mal betraten und den See sahen, waren wir begeistert“, sagte Audy.
Der Teich erhielt den Spitznamen „See der Nerven“ und wurde zum Ausgangspunkt für Tests, mit denen verfolgt wurde, wo das warme Wasser das System verlässt.
Giftiges Gas unter Tage
Ein Geruch nach faulen Eiern deutete auf Schwefelwasserstoff hin - ein giftiges Gas, das aus schwefelreichem Wasser stammt und sich in der Höhlenluft nahe des Sees bemerkbar machte.
Mobile Messgeräte registrierten in offenen Höhlenabschnitten Werte von 2 bis 22 Teile pro Million (ppm). Sicherheitsrichtwerte nennen 10 ppm als Obergrenze und 100 ppm als unmittelbar gefährlichen Bereich für Schwefelwasserstoff, wodurch die gemessenen Konzentrationen als ernst einzustufen sind.
„Wir mussten Gasdetektoren dabeihaben, damit wir rechtzeitig gewarnt werden“, sagte Audy und wies darauf hin, dass das Gas auch die Form der Höhle mitprägt.
Höhlenwachstum von unten
Wenn das gelöste Gas mit Luft in Kontakt kam, wurde ein Teil davon zu Säure umgewandelt - und diese Reaktion begann, den Kalkstein anzugreifen.
Geologinnen und Geologen bezeichnen diesen Mechanismus als schwefelsaure Speleogenese: Höhlenbildung, die durch Reaktionen mit Schwefelsäure angetrieben wird und Hohlräume von unten heraus ausräumen kann.
Turbulente Strömung setzte zusätzliches Gas in die Höhlenluft frei, sodass die stärkste Korrosion in der Nähe von Stromschnellen auftrat und nicht an ruhigen Seeoberflächen.
Mit der Zeit versperrten Einstürze ältere Gänge, stauten warmes Wasser in Becken und drückten es in Klüfte, die neue unterirdische Wege entstehen ließen.
Farbstoff verfolgt den unterirdischen Fluss
Um diese verborgenen Verbindungen nachzuvollziehen, führte das Team Tracer-Tests durch: Farbstoffe wurden in mehreren Höhlen ausgebracht, um die Bewegung des Wassers unter Tage nachzuzeichnen.
Schon nach wenigen Stunden tauchte der Farbstoff an nahezu jeder Quelle im Tal wieder auf - auch an solchen, die aus schmalen Rissen gespeist werden.
Die Strömung erreichte bis zu 30 Kilometer pro Tag; damit bewegte sich tiefes Thermalwasser deutlich schneller als erwartet.
Dieses Ergebnis stellte die Annahme infrage, dass einzelne Spalten jeweils isoliertes, unvermischt „reines“ Wasser führen, und ordnete die Vernetzung der Höhlen neu ein.
Umweltrisiken im Untergrund
Quellen flussabwärts gaben etwa 12.000 Liter pro Minute ab, was zeigt, dass das Höhlenwasser nicht dauerhaft abgeschottet im Untergrund verbleibt.
In Karstlandschaften, die durch die Lösung von Kalkstein geprägt sind, können Risse Wasser sehr rasch transportieren - mit wenig Zeit für natürliche Filterprozesse.
Durch diese hohe Fließgeschwindigkeit könnten Verschmutzungen an der Oberfläche oder groß angelegte Bauarbeiten in dieselben Klüfte gelangen und Lebensräume in den Höhlen erreichen, bevor es jemand bemerkt.
Wer das Tal schützen will, muss deshalb Grundwasser und Entscheidungen an der Oberfläche gemeinsam im Blick behalten, denn der unterirdische See hängt unmittelbar davon ab, was darüber geschieht.
Stabiles thermisches System
Temperaturmessungen blieben ganzjährig nahe 26 °C, was auf eine stetige Wärmezufuhr aus größerer Tiefe hinweist.
Aufsteigendes Grundwasser nimmt unterirdisch Wärme auf und wird anschließend durch Risse weitergedrückt, zusammen mit gelösten Mineralien, die dem Wasser seine chemische Signatur geben.
Entlang des Vromoner-Tals an der Grenze zwischen Albanien und Griechenland entsprachen Quellen in Temperatur und Chemie dem See - ein Hinweis auf eine gemeinsame Herkunft.
Diese Konstanz erlaubte es den Forschenden, den See als Schlüssel zur Deutung des geothermischen Wassersystems der Region zu nutzen, statt saisonale Wetterwechsel verantwortlich zu machen.
Leben in hartem Wasser
Schmierige Biofilme - mikrobielle Schichten auf Höhlenschlamm - bedeckten Bachbetten und bildeten die Basis der unterirdischen Nahrungskette.
Anstelle von Sonnenlicht nutzten die Mikroben Schwefelverbindungen als Energiequelle und erzeugten dabei Nährstoffe, von denen kleine Tiere leben können.
In den Vromoner-Höhlen fand die Untersuchung dichte Ansammlungen von Insektenlarven, aber nur wenige Tierarten insgesamt, weil das Wasser dauerhaft sauerstoffarm blieb.
Die schnellen Verbindungen schaffen zugleich Wanderwege: Störungen in einer Höhle können sich dadurch rasch auf das gesamte System auswirken.
Schutz eines fragilen Systems
Lokale Verantwortliche sprechen inzwischen mit dem Erkundungsteam darüber, die Höhlen als Teil des Nationalparks Vjosa zu schützen.
Ein Nationalparkstatus könnte Straßenbau und das Abladen von Abfällen in der Nähe von Schlucklöchern begrenzen und damit das Risiko senken, dass Schadstoffe die verbundenen Quellen erreichen.
Auch Pläne für einen Staudamm auf griechischer Seite des Sarantaporos-Flusses, einem Grenzfluss, könnten die Wasserstände in den Höhlen beeinflussen.
Entscheidungen beider Länder sind entscheidend, denn sobald Wasser in Bewegung ist, orientieren sich See und Quellen nicht an politischen Linien.
Nächste Schritte
Der See und seine schnell durchströmten Wege machten aus einer Höhlenentdeckung eine Lektion darüber, wie warmes Grundwasser unterirdische Landschaften neu organisiert.
Zusätzliche Tracer-Tests in weiteren schwefelreichen Höhlen könnten das überarbeitete Modell prüfen - während lokale Schutzentscheidungen bestimmen werden, wie schnell neue Erkenntnisse gewonnen werden.
Foto: Archiv Marek Audy
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