Was lässt einen Geist überhaupt bewusst werden? Kann eine Maschine jemals etwas wirklich empfinden – oder könnte Bewusstsein an Orten entstehen, an denen es niemand vermutet?
Während künstliche Intelligenz immer leistungsfähiger wird und Hirntechnologien beginnen, Computer direkt mit neuronalen Signalen zu verbinden, warnen Forschende: Unser Verständnis von Bewusstsein hält mit diesen rasanten Werkzeugen nicht Schritt.
Schon heute können Maschinen schreiben, Auto fahren und Gespräche mit verblüffender Natürlichkeit führen. Gleichzeitig ist die Neurotechnologie in der Lage, Gehirnaktivität zu lesen und zu beeinflussen – auf Weisen, die früher als unmöglich galten.
Trotzdem fehlt der Wissenschaft weiterhin eine klare Erklärung dafür, was Bewusstsein überhaupt ist: das subjektive Erleben von Wachheit, das Spüren von Empfindungen und das Gefühl eines Selbst.
Ohne dieses Fundament könnten mächtige Technologien, einschliesslich KI, erhebliche ethische Risiken bergen – von der Schädigung bewusster Wesen bis hin zur unabsichtlichen Erzeugung von Systemen, deren Bewusstsein möglicherweise gar nicht erkannt wird.
Eine gefährliche Wissenslücke
Eine neue Übersichtsarbeit hebt genau diese Probleme hervor: KI und Neurotechnologie entwickeln sich schneller als die wissenschaftliche Einsicht in Bewusstsein. Dieses Ungleichgewicht könnte dazu führen, dass bewusste Systeme versehentlich entstehen – oder dass bewussten Wesen Schaden zugefügt wird.
„Die Bewusstseinsforschung ist nicht länger ein rein philosophisches Unterfangen. Sie hat reale Folgen für jeden Bereich der Gesellschaft – und dafür, wie wir verstehen, was es heisst, Mensch zu sein“, sagte der Hauptautor Professor Axel Cleeremans von der Université Libre de Bruxelles in Belgien.
„Bewusstsein zu verstehen ist eine der grössten Herausforderungen der Wissenschaft im 21. Jahrhundert – und angesichts der Fortschritte in der KI und anderen Technologien ist es jetzt dringend.
Wenn Menschen Bewusstsein erschaffen würden – selbst unbeabsichtigt –, entstünden tiefgreifende ethische Dilemmata, und es könnte ein existenzielles Risiko darstellen.“
Das Rätsel der Wahrnehmung
Zwar bringt die Forschung Bewusstsein mit Gehirnaktivität in Verbindung, doch keine einzelne Erklärung passt zu allen Befunden.
Hirnscans zeigen Muster, die mit Erleben zusammenhängen, trotzdem besteht Uneinigkeit darüber, welche Systeme dabei am wichtigsten sind. Weil Bewusstsein als persönlich und privat erlebt wird, ist es schwer, es objektiv zu untersuchen.
Zudem unterscheiden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrere Formen von Bewusstsein. Eine Form betrifft den Zustand, ob man wach oder schläft. Eine andere Form bezieht sich auf Inhalte – etwa das Sehen von Farben oder das Empfinden von Emotionen.
Zum Erleben gehört ausserdem Selbstbewusstsein, etwa das Gefühl, einen Körper als „den eigenen“ zu besitzen, oder die Fähigkeit, die eigene Identität zu erkennen.
Eine weitere zentrale Debatte trennt, wie sich Bewusstsein anfühlt, von dem, was Bewusstsein bewirkt. Ein Computer kann komplexe Aufgaben ausführen, ohne irgendetwas zu empfinden. Menschliches Erleben umfasst hingegen Empfindung, Emotion und Bedeutung – nicht nur Funktion.
Wie die Wissenschaft Bewusstsein erklärt
Mehrere wissenschaftliche Theorien versuchen zu erklären, wie Bewusstsein entsteht. Die Global-Workspace-Theorie geht davon aus, dass Bewusstsein dann auftritt, wenn Informationen über viele Hirnareale hinweg verbreitet werden.
Sobald Informationen breit geteilt werden, werden Inhalte des Erlebens bewusst. Viele Experimente stützen die Idee einer solchen globalen Verteilung während bewusster Wahrnehmung.
Höhere-Ordnung-Theorien legen den Schwerpunkt auf Selbstbeobachtung. Bewusstsein entsteht demnach, wenn das Gehirn seine eigenen mentalen Zustände repräsentiert.
Das Sehen eines roten Objekts wird erst dann bewusst, wenn ein weiterer Prozess im Gehirn dieses Erleben als solches „erkennt“. Diese Ansätze verknüpfen Bewusstsein häufig mit frontalen Hirnregionen.
Die Theorie der integrierten Information wählt einen anderen Zugang. Bewusstsein hängt davon ab, wie stark die Teile eines Systems miteinander verbunden sind und wie sehr sie Informationen zusammenführen.
Erleben über Information aufbauen
Bewusst wird ein System, wenn Information ein einheitliches Ganzes bildet. Je stärker die Integration, desto reichhaltiger das Erleben. Solche Ideen haben Werkzeuge inspiriert, mit denen die Komplexität des Gehirns bei Patientinnen und Patienten mit schweren Verletzungen gemessen wird.
Die Theorie der prädiktiven Verarbeitung betrachtet das Gehirn als Vorhersagemaschine. Erleben entsteht aus fortlaufenden „Vermutungen“ über die Welt, die durch eintreffende Signale ständig angepasst werden.
Bewusstsein spiegelt damit die besten Schätzungen wider – nicht rohe Sinnesdaten. Ein verwandter Ansatz, die Theorie der rekurrenten Verarbeitung, nimmt an, dass wiederholte Rückkopplungen innerhalb sensorischer Areale Erleben tragen können, selbst ohne eine weitreichende Beteiligung des gesamten Gehirns.
KI auf Bewusstsein testen
Die Autorinnen und Autoren plädieren für verlässliche Bewusstseinstests. Solche Instrumente könnten Ärztinnen und Ärzten helfen, Bewusstsein bei Koma oder Demenz zu erkennen.
Einige Patientinnen und Patienten, die als nicht ansprechbar diagnostiziert werden, zeigen mithilfe von Messungen der Gehirnkomplexität dennoch Hinweise auf verborgenes Erleben.
Tests für Bewusstsein könnten auch grosse ethische Fragen adressieren: Wann beginnt Bewusstsein in der Entwicklung? Welche Tiere empfinden Schmerz? Könnte im Labor gezüchtetes Hirngewebe überhaupt etwas erleben?
„Fortschritte in der Bewusstseinsforschung werden verändern, wie wir uns selbst sehen und wie wir unsere Beziehung sowohl zur künstlichen Intelligenz als auch zur natürlichen Welt verstehen“, sagte Mitautor Professor Anil Seth von der University of Sussex.
„Die Frage nach dem Bewusstsein ist uralt – aber sie war noch nie so dringlich wie heute.“
Bewusstsein beeinflusst die Versorgung
Ein besseres Verständnis von Bewusstsein könnte die Medizin grundlegend verändern. Ärztinnen und Ärzte könnten fundiertere Entscheidungen zu Anästhesie, der Versorgung im Koma und Behandlungen am Lebensende treffen.
Messgrössen, die von der Theorie der integrierten Information inspiriert sind, helfen bereits dabei, verborgenes Bewusstsein zu identifizieren.
Auch die Forschung zur psychischen Gesundheit könnte profitieren. Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie gehen mit Veränderungen des gelebten Erlebens einher. Klare Verknüpfungen zwischen Gehirnaktivität und Erfahrung könnten zu besseren Therapien führen.
Auch der Tierschutz könnte sich verändern. Nachweise von Bewusstsein bei bestimmten Arten könnten Entscheidungen in Landwirtschaft, Forschung und Naturschutz neu ausrichten.
„Das Verständnis der Natur des Bewusstseins bei bestimmten Tieren würde verändern, wie wir sie behandeln – und auch neue biologische Systeme, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern synthetisch erzeugt werden“, sagte Mitautor Professor Liad Mudrik von der Universität Tel Aviv.
Verantwortung im Zeitalter der KI
Rechtssysteme beruhen oft auf der Idee bewusster Absicht. Gleichzeitig zeigt die Hirnforschung zunehmend, dass viele menschliche Handlungen ausserhalb des Bewusstseins ihren Anfang nehmen.
Diese Kluft zwingt Gerichte und politische Entscheidungsträger dazu, neu zu bewerten, wie Verantwortung, Rechenschaft und Absicht beurteilt werden sollten.
Parallel dazu wirft fortgeschrittene KI ähnliche Fragen auf. Selbst wenn Maschinen niemals wirklich Bewusstsein erleben, können Systeme, die überzeugend bewusst wirken, menschliche Gefühle, Vertrauen und Entscheidungen trotzdem stark beeinflussen.
„Selbst wenn ‚bewusste KI‘ mit standardmässigen digitalen Computern unmöglich ist, wirft KI, die den Eindruck erweckt, bewusst zu sein, viele gesellschaftliche und ethische Herausforderungen auf“, sagte Seth.
Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren lassen sich diese Herausforderungen nur mit Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg bewältigen.
Konkurrierende Theorien zum Bewusstsein sollten anhand gemeinsamer Experimente geprüft werden, damit Neurowissenschaft, Psychologie, Philosophie, Recht und KI-Forschung gemeinsam vorankommen – statt isoliert voneinander zu arbeiten.
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