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Wie neugeborene Tiere mit weichen Präferenzen überleben – Studie der Queen Mary University of London

Zwei junge Rehe stehen auf einer sonnigen Waldlichtung, umgeben von weiteren Rehen im Hintergrund.

Neugeborene Tiere treffen oft schon wenige Stunden nach der Geburt oder dem Schlüpfen entscheidende Entscheidungen. Küken bleiben in der Nähe ihrer Mutter, und frisch geschlüpfte Schildkröten orientieren sich nahezu sofort in Richtung sicherer Bereiche – lange bevor Erfahrung oder Lernen überhaupt wirken könnten.

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass diese frühen Entscheidungen weder von starren Instinkten noch von einem „leeren“ Geist bestimmt werden. Stattdessen stützen sich Jungtiere auf ein feines Zusammenspiel angeborener, aber anpassungsfähiger Präferenzen, die gemeinsam das Verhalten lenken.

Eine von Forschenden der Queen Mary University of London geleitete Studie beschreibt, wie die Kombination vieler schwacher Signale es Neugeborenen ermöglicht, sich in einer unsicheren Welt erstaunlich treffsicher zu verhalten.

Neugeborene Tiere handeln fast sofort

Bei einigen Arten beginnt das Umherlaufen und Erkunden bereits innerhalb weniger Stunden nach Geburt oder Schlupf. Solche Tiere bezeichnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Nestflüchter.

Zu dieser Gruppe zählen unter anderem Küken, Entenküken, Schildkröten-Schlüpflinge und viele weidende Säugetiere. Da Gefahren sehr früh auftreten, hängt das Überleben von schnellen und zugleich präzisen Entscheidungen ab.

Ältere wissenschaftliche Vorstellungen gingen davon aus, dass der Geist von Neugeborenen zunächst unbeschrieben sei. Erkenntnisse aus zahlreichen Arten zeichnen inzwischen ein anderes Bild.

Neugeborene Tiere bringen mehrere angeborene Präferenzen mit. Jede einzelne ist eher schwach ausgeprägt und bleibt veränderlich – doch in der Summe führen sie zu Handlungen, die sich als nützlich erweisen.

Weiche Präferenzen steuern Entscheidungen

Klassische Studien zum Tierverhalten konzentrierten sich häufig auf starke Instinkte, etwa automatische Flucht- oder Paarungsreaktionen.

Solche festen Programme helfen in akuten Situationen, können jedoch zu Fehlentscheidungen führen, wenn sich die Bedingungen ändern. Neuere Arbeiten betonen deshalb eine andere Form von Voreingenommenheit: frühe Prädispositionen.

Diese frühen Prädispositionen treten als weiche Vorlieben auf, nicht als unverrückbare Regeln. Ein Küken kann eine leichte Anziehung zu bestimmten Farben zeigen, ein sanftes Interesse an Aufwärtsbewegungen haben oder nur schwach auf Laute reagieren.

Keines dieser Signale erzwingt eine bestimmte Reaktion. Zwischen Individuen gibt es Unterschiede, und viele dieser Vorlieben verschwinden nach der frühen Lebensphase wieder.

Gerade diese „Weichheit“ ist ein Vorteil. Schwache Signale verringern die Zahl falscher Alarme. Statt auf einen einzelnen, potenziell irreführenden Hinweis zu reagieren, warten Neugeborene eher auf mehrere übereinstimmende Anzeichen.

Seltene Merkmale verringern Verwechslungen

Die Untersuchung zeigt zudem: Viele frühe Präferenzen richten sich auf Merkmale, die in natürlichen Umgebungen selten sind. Rote oder blaue Farbtöne kommen in Erde oder Pflanzen nur vergleichsweise selten vor.

Auch Bewegungen nach oben gegen die Schwerkraft deuten häufig auf Lebewesen hin. Ebenso sticht biologische Bewegung gegenüber unbelebten Objekten hervor.

Seltene Merkmale sind besonders aussagekräftig. Wenn Jungtiere seltenen Hinweisen mehr Aufmerksamkeit schenken, sinkt das Risiko, sich zu irren. Ein zufälliger Gegenstand zeigt selten mehrere seltene Eigenschaften gleichzeitig – ein Elterntier hingegen oft schon.

Viele kleine Hinweise werden kombiniert

Der zentrale Gedanke des Artikels liegt in der Kombination: Jungtiere führen mehrere schwache Präferenzen gleichzeitig zusammen. Farbe, Grösse, Bewegung, Form und Geräusch liefern jeweils zusätzliche Information.

So weist eine Glucke häufig rötliche Färbung, eine grössere Gestalt, Aufwärtsbewegungen und wechselnde Geschwindigkeit auf. Für sich genommen bleibt jedes einzelne Signal unsicher.

Erst die Bündelung schafft starke Evidenz. Wenn sich Hinweise aus verschiedenen Sinnen gemeinsam zeigen, ist ein Zufall wesentlich unwahrscheinlicher.

Die Forschenden beschreiben diese Art der Verarbeitung als selbstüberwachte Strategie. Dabei gibt es weder Unterricht noch Feedback; das Gehirn nutzt vielmehr die Struktur, die die Umgebung selbst bereitstellt.

Signale verstärken sich gegenseitig

Die Arbeit stellt ein mathematisches Modell vor, das erklären soll, wie Hinweise zusammengeführt werden. Ein Ansatz ist additiv: Signale werden aufaddiert.

Jeder Hinweis trägt dabei nur einen kleinen Anteil zu einer Entscheidung bei. Additive Verarbeitung funktioniert besonders gut in einfachen Umgebungen mit wenig Ablenkung.

Ein zweiter Ansatz basiert auf Synergie. Synergie liegt vor, wenn sich Hinweise gegenseitig verstärken. Signale aus verschiedenen Sinneskanälen – etwa Sehen und Hören – erhöhen die Sicherheit deutlich stärker als mehrere Hinweise aus nur einem Sinn.

Unabhängige Hinweise stimmen selten zufällig überein. Synergie hilft deshalb, die Genauigkeit selbst in lauten, störungsreichen Umgebungen zu bewahren.

Experimente deuten darauf hin, dass Synergie in der frühen Lebensphase eine zentrale Rolle spielt. Küken zeigen eine stärkere Anziehung, wenn Farbe und Bewegung gemeinsam auftreten. Werden Geräusche zusätzlich mit Bewegung gekoppelt, steigt die Treffsicherheit weiter.

Frühe Fehlalarme vermeiden

Auf den ersten Blick wirken schwache Voreinstellungen möglicherweise ineffizient; starke Instinkte scheinen sicherer. Doch kräftige Instinkte lösen bereits bei Teiltreffern aus. Schwache Biases verlangen hingegen Bestätigung.

Dieses System schützt Jungtiere vor kostspieligen Fehlern. Frühkindliche Lebensräume enthalten viele Objekte, die in die Irre führen können. Auf mehrere passende Hinweise zu warten, verhindert unnötigen Energieverbrauch und reduziert Risiken.

Zudem bleibt Raum für späteres Lernen. Frühe Prädispositionen richten die Aufmerksamkeit auf sinnvolle Ziele. Lernmechanismen wie Prägung können danach Bindungen an Eltern oder Nahrungsquellen festigen.

Von Neugeborenen Tieren zu Maschinen

Ergebnisse aus der Tierforschung sind auch für die Humanwissenschaften relevant. Auch menschliche Säuglinge zeigen frühe Vorlieben, etwa für Gesichter und biologische Bewegung. Die Entwicklungspsychologie profitiert davon, besser zu verstehen, wie Entscheidungen beginnen, bevor Lernen einsetzt.

Auch in der Künstlichen Intelligenz gibt es ein ähnliches Problem, wenn Trainingsdaten knapp sind. Moderne Systeme benötigen häufig riesige Mengen an Beispielen.

Biologische Strategien weisen auf eine Alternative hin: Maschinen könnten mit schwachen eingebauten Präferenzen und der Kombination von Hinweisen früher handlungsfähig werden – mit deutlich weniger Training.

Subtile Entscheidungen helfen Neugeborenen zu überleben

„Die Durchsicht der Literatur zu unerfahrenen Tieren hat geholfen, einen zugrunde liegenden Grund dafür zu erkennen, warum Tiere ‚weiche‘ Präferenzen zeigen“, sagte die Co-Autorin der Studie, Elisabetta Versace, Senior Lecturer für Psychologie an der Queen Mary University of London.

Zunächst mögen schwache Präferenzen in der frühen Lebensphase wenig wirksam erscheinen, weil starke Instinkte sicherer wirken und schneller auszulösen scheinen. Die in der Studie dargestellten Befunde sprechen jedoch für den gegenteiligen Vorteil.

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass schwache und vorübergehende Präferenzen falsche Alarme bei Entscheidungen verringern können. So können Tiere mehrere Umweltreize gegeneinander abwägen, statt zu starr auf ein einzelnes Signal zu reagieren.

Die Unsicherheit der frühen Lebensphase

Durch die Modellierung dieses Phänomens konnten die Forschenden zudem mehr als ein Jahrhundert experimenteller Arbeiten neu einordnen.

Was früher wie verstreute oder widersprüchliche Ergebnisse wirkte, erscheint nun als Sammlung von Teilhinweisen, die gemeinsam erklären, wie Organismen mit der Unsicherheit der frühen Lebensphase umgehen.

Für die Zukunft liefert das Modell klare Vorhersagen, die sich sowohl bei Tieren als auch bei Maschinen testen lassen.

Das Verständnis früher Intelligenz zeigt, dass überraschend komplexes Verhalten aus einfachen Regeln entstehen kann. Schon bei der Geburt kann das Leben eine leise Form von Weisheit in sich tragen.


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