Ein Bauwerk, das bislang nur aus einer antiken Textquelle bekannt war, ist nun als reale Struktur im Zentrum einer heutigen Stadt bestätigt worden. Es handelt sich tatsächlich um eine Basilika, die vom römischen Architekten und Ingenieur Vitruv entworfen und errichtet wurde. Fertiggestellt wurde sie vor mehr als 2.000 Jahren.
Diese Bestätigung macht aus architekturtheoretischer Überlieferung belastbaren Boden: Historiker erhalten damit einen Ort, an dem sich Vorstellungen prüfen lassen, die die westliche Baukunst geprägt haben.
Die Identität der Basilika wird greifbar
Unter den Strassen von Fano konnten vergrabene Baureste mit einer berühmten Beschreibung in Verbindung gebracht werden – bis hin zu einem konkreten Standort und einem nachvollziehbaren Grundriss.
Andrea Pessina, tätig innerhalb der regionalen archäologischen Fachbehörde, hielt die Übereinstimmungen zwischen den Befunden und der von Vitruv geschilderten Basilika fest. Damit wurde eine literarische Behauptung durch steinerne Evidenz gestützt.
Die Zuordnung bündelt Hinweise, die über mehrere Jahre hinweg zusammengetragen wurden, und räumt Zweifel aus, ob dieses Gebäude jemals mehr war als eine Darstellung auf dem Papier.
Mit der gesicherten Identität lädt das Areal nun dazu ein, Form, Dimensionen und Funktion der Basilika im Kontext der sie umgebenden römischen Stadt genauer zu untersuchen.
Hohe öffentliche Erwartungen
Bei der Presseveranstaltung wurde der Fund nicht als blosse Ansammlung von Mauerresten behandelt, sondern als Beitrag zu einer aktuellen Debatte über Identität.
In einer regionalen öffentlichen Stellungnahme wurde die Entdeckung als Wendepunkt für Italiens kulturelles Selbstverständnis eingeordnet.
„In Fano ist heute ein grundlegender Stein im Mosaik gefunden worden, das die tiefste Identität unseres Landes bewahrt“, erklärte Alessandro Giuli, Italiens Kulturminister.
Diese Perspektive kann Unterstützung und Finanzierung erleichtern, erhöht jedoch zugleich den Druck, die wissenschaftlichen Belege vor politischer Vereinnahmung und vor den Folgen eines überhitzten Tourismus zu schützen.
Hinweise im Grundriss der Basilika
Unter dem Belag der Piazza Andrea Costa verfolgten Ausgräber einen rechteckigen Umriss, wie er für eine römische Basilika typisch ist – also für ein öffentliches Gebäude, das unter anderem Gerichts- und Verwaltungsvorgänge aufnahm.
Zum nachgezeichneten Grundriss gehört ein Peristyl, also ein Säulenkranz, der einen Bereich umschliesst – ein Element, das Vitruv als Rahmung der Basilika vorgab.
Die Archäologen zählten acht Säulen entlang jeder Längsseite und vier entlang jeder Schmalseite; diese Anordnung entspricht dem überlieferten Plan.
Nachdem diese Zahlen gesichert waren, richtete sich der Blick stärker auf die exakte Lage im Stadtraum sowie auf die ursprüngliche Höhe des Bauwerks.
Eine Ecke gibt die Ausrichtung vor
Ein später angelegter Sondageschnitt brachte eine fünfte Eck-Säule zum Vorschein. Dadurch liess sich die Orientierung des Gebäudes zwischen den beiden heutigen Plätzen präzise festlegen.
Laut den Feldnotizen war jede Säule etwa 58–59 Zoll (rund 1,5 Meter) stark und im fertiggestellten Zustand ungefähr 49 Fuss (etwa 15 Meter) hoch.
Die Bauleute verbanden die Säulenschäfte mit Pilastern – flachen, in die Wand integrierten „Säulen“ –, damit die Last der oberen Zone kontrolliert nach unten abgetragen werden konnte.
Gerade diese Eckinformation ist entscheidend, weil sie vereinzelte Steinbefunde in eine nachvollziehbare Geometrie überführt, die Vermesser reproduzieren können.
Vitruv lieferte den Bauplan
In Buch V von De Architectura beschreibt Vitruv eine Basilika, die er selbst entworfen hatte; die überlieferten Übersetzungen bewahren seine wesentlichen Orientierungspunkte.
Er datierte den Abschluss des Projekts auf 19 v. Chr. – damit fällt der Bau in die Epoche des Augustus, in der Städte mit repräsentativen Hallen Ordnung und staatliche Stabilität demonstrierten.
Eine Arbeit aus dem Jahr 2003 zeigte, wie Ausgaben seit 1522 die Basilika immer wieder neu zeichneten, ohne dass sich die Angaben jemals am tatsächlichen Befund im Boden überprüfen liessen.
Die nun freigelegten Reste ermöglichen es Fachleuten, diese Aussagen direkt zu testen, statt sich auf kopierte Zeichnungen und Schlussfolgerungen zu stützen.
Zahlen stützen die Identität der Basilika
Vermesser rekonstruierten einen Grundriss von etwa 164 × 115 Fuss (50 × 35 Meter); die Proportionen folgen dabei Vitruvs Verhältnisvorgaben, ohne sie „passend“ machen zu müssen.
Zwischen den Säulen lagen rund 13 Fuss (4 Meter) Abstand – eine Dimension, die Bewegung von Menschenmengen erleichtert und zugleich Dachlasten über den Umfang verteilt.
Weil die Übereinstimmung auf mehreren voneinander unabhängigen Merkmalen beruht, hängt die Identifizierung nicht an einem einzelnen, zufällig treffenden Messwert.
Trotzdem benötigt das Team weitere freigelegte Mauerzüge, um Eingänge, Innenräume sowie spätere Umbauten, Schäden oder Reparaturen zu bestätigen.
Ein Schlüssel für weitere Ruinen
Die verortete Basilika verändert auch die Lesart benachbarter Befunde – etwa einer seit Langem bekannten Struktur unter der Kirche Sant’Agostino.
Frühere Untersuchungen in der Via Vitruvio im Jahr 2022 legten starke Mauern und Marmorböden frei; mit der neuen Kartierung lassen sich diese Elemente nun schlüssiger in ein zusammenhängendes Stadtviertel einordnen.
„In gewisser Weise zwingt es uns auch, einen Teil der Geschichte von Fano neu zu schreiben“, sagte Francesco Acquaroli, Präsident der Region Marken.
Diese Neubewertung bleibt jedoch vorläufig, bis künftige Schnitte zeigen, wie die Basilika an Strassen, Läden und städtische Amtsbereiche angebunden war.
Den Fund vor Ort bewahren
Für die Stadtverantwortlichen beginnt damit eine anspruchsvolle Aufgabe: Die Entwicklung der Innenstadt brachte die Entdeckung ans Licht – und könnte sie bei übereiltem Vorgehen auch wieder gefährden.
Voraussichtlich werden Restauratoren das freiliegende Mauerwerk sichern, damit Wasser, Erschütterungen und Vibrationen keine Kanten zerstören, die über Jahrhunderte hinweg geschützt lagen.
Geplant sind weitere Ausgrabungen und eine öffentliche Präsentation. Doch jede zusätzliche Öffnung erhöht den Aufwand für Unterhalt und verschärft Anforderungen an den Schutz.
Gelingt diese Balance, können Besucher aus den Befunden lernen, ohne dass eine empfindliche Grabung zu einer reinen Attraktion verkommt.
Worte werden zur lokalen Realität
Für die Menschen in Fano rückt der Fund wissenschaftliche Debatten aus Bibliotheken in den Alltag – direkt an Wege durch die historische Innenstadt.
„Nach Jahrhunderten des Wartens und des Studiums ist das, was so lange nur durch das geschriebene Wort überliefert wurde, in eine konkrete, greifbare und teilbare Realität verwandelt worden“, sagte Luca Serfilippi, Bürgermeister von Fano.
Ob dieses Versprechen eines gemeinsamen Erbes trägt, hängt von einer sorgfältigen Vermittlung ab – denn die spätere Geschichte der Basilika liegt weiterhin teilweise verborgen im Untergrund.
Der Tourismus könnte zunehmen; das nachhaltigere Erbe dürfte jedoch in Unterricht und Forschung liegen, während neue Befunde nach und nach ans Licht kommen.
Was sich für die Architekturgeschichte verändert
Zusammengenommen verknüpfen Sondagen, Säulen und Messdaten einen hartnäckig überlieferten Text mit einem Bauwerk an einem eindeutig bestimmbaren Ort.
Künftige Grabungen werden Details prüfen und den Umgang mit der Substanz steuern; schon jetzt liefert der Fund jedoch Vitruv einen überprüfbaren „Fussabdruck“ für die fachliche Diskussion.
Informationen aus dem Online-Magazin »Archäologie-Nachrichten«.
Foto: Soprintendenza Ancona Pesaro Urbino
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