Archäologinnen und Archäologen haben die Olivenölproduktion in Italien deutlich weiter in die Vergangenheit verlegt: Sie beginnt demnach mehr als tausend Jahre früher, als Rom überhaupt zur imperialen Macht aufstieg.
Diese neu justierte Zeitleiste verändert, wem die ersten mediterranen Ökonomien rund um Öl zuzuschreiben sind, und rückt Italiens Bedeutung schon lange vor der römischen Expansion in ein anderes Licht – also bevor Rom die Region politisch und wirtschaftlich enger verband.
Ein Ansatz, der früher ansetzt
Die Hinweise stammen aus verschiedenen Landschaften der italienischen Halbinsel: Oliven wurden dort bereits lange vor römischer Vorherrschaft gezielt genutzt, verarbeitet und gelagert.
Dr. Emlyn Dodd vom Institute of Classical Studies (ICS) hat diese Spuren gebündelt und gezeigt, wie archäologische Befunde und Umweltarchive gemeinsam auf eine anhaltende, vor-römische Ölaktivität hindeuten.
Die Zusammenführung der Daten spricht für einen fortlaufenden Übergang von frühen lokalen Praktiken hin zu späteren römischen Systemen – und nicht für eine plötzliche „Erfindung“ durch das Imperium.
Gleichzeitig begrenzt das Ergebnis, wie weit sich Italiens Olivenölwirtschaft allein mit römischem Wachstum erklären lässt, und schafft Raum für weitergehende regionale Vergleiche.
Seeschlamm als Archiv
Zu den frühesten Indizien zählen Sedimente vom Seegrund, in denen sich über Jahre hinweg kleinste Pflanzenreste ablagerten und so eine fortlaufende Chronik bildeten.
Forschende nutzten dafür die Palynologie, also die Untersuchung fossiler Pollenkörner, weil ein deutlicher Anstieg von Olivenpollen auf Bäume in der näheren Umgebung hinweist.
In heutigen Hainen nimmt die Menge an Olivenpollen innerhalb von rund 490 Metern um etwa 87 bis 92 Prozent ab – starke Ausschläge im Pollensignal sprechen daher meist für Bestände in unmittelbarer Nähe.
Gerade dieses lokale Signal half, frühe Olivennutzung zu erkennen, selbst wenn Werkzeuge, Holzpfosten oder Körbe aus organischem Material längst vergangen waren.
Frühe Haine erforderten Aufwand
Noch bevor sich formalisierte Landwirtschaft durchsetzte, verwendeten Menschen auf Sizilien, in Apulien, Kalabrien und Sardinien wilde Oliven spätestens ab 6000 v. Chr. als Brennmaterial.
Mit der Zeit hinterliess Protokultivierung – also die selektive Pflege wild wachsender Bäume ohne vollständige Domestikation – in Siedlungen zunehmend Olivenkerne und Holzkohle.
In bronzezeitlichen Gemeinschaften wurden Bestände gezielter geschnitten und betreut: Kontrollierter Rückschnitt förderte die Blüte und ermöglichte stabilere Erträge, gerade in Phasen schwieriger Klimabedingungen.
Da sich wilde und domestizierte Oliven in vielen Pflanzenresten stark ähneln, wird weiterhin darüber diskutiert, ab wann von „echter“ Kultivierung gesprochen werden kann.
Keramik bewahrte ölige Spuren
Oliven nachzuweisen war für die Vorgeschichte einfacher als Olivenöl, denn Öl hinterlässt im Boden nur selten haltbare Spuren.
Deshalb setzten Teams auf die Analyse organischer Rückstände: Labortests, die Lipide in Keramik identifizieren, weil Fette in die Poren von Tongefässen eindringen.
In Teilen Süditaliens fanden Forschende grosse Vorratsgefässe sowie Pressrückstände, was auf kleinere Ölchargen für den lokalen Bedarf hindeutet.
Weil frühe Pressen häufig aus Holz bestanden und mit Tüchern arbeiteten, dürften viele Produktionsplätze verschwunden sein – übrig blieben vor allem chemische Signaturen und Keramikfragmente.
In der Eisenzeit wurde Öl alltagsnah
In der Eisenzeit dehnte sich der Olivenanbau über weite Teile Italiens aus; Olivenöl fand Eingang in Ernährung, Beleuchtung und rituelle Abläufe.
Lokale Töpfereien imitierten Formen importierter Amphoren – eine Nachahmung, die darauf hindeutet, dass Gemeinschaften Lagerung und Transport von Öl zunehmend selbst organisierten.
Etruskische, italische und koloniale Siedlungen legten Haine auch jenseits besonders günstiger Zonen an; dafür waren sorgfältiger Rückschnitt und eine schrittweise Auswahl robusterer Bäume nötig.
Als Rom diese Regionen schliesslich eingliederte, galt Olivenöl in vielen Haushalten bereits als Grundnahrungsmittel und nicht mehr als Luxus.
Römische Pressen verbreiteten sich
In römischer Zeit prägten Villen, landwirtschaftliche Betriebe und Läden in Städten die Landschaft – viele davon verarbeiteten Oliven, und die am besten erhaltenen Fundorte zeigen eine grosse Bandbreite an Organisation und Technik.
Zum Einsatz kam unter anderem das Trapetum, eine rotierende Steinmühle zum Zerkleinern der Oliven, ergänzt durch Pressen, Gegengewichte und Absetzbecken.
Arbeitsgruppen zermahlten die Früchte, pressten die Paste und trennten Öl zügig von der wässrigen Phase, weil Kälte das Öl eindickt und die Verarbeitung bremst.
„Olive mills were expensive pieces of equipment, requiring expert carving, installation, repair, and adjustment“, schrieb Dodd.
Die Krisenerzählung verliert an Gewicht
Über Jahrzehnte vertrat die Forschung die Ansicht, Italien habe nach dem 2. Jahrhundert n. Chr. einen Niedergang seiner Ölproduktion erlebt, weil die Provinzen die Versorgung übernahmen.
Neuere Ausgrabungen brachten jedoch auch in späten Schichten weiterhin Olivenkerne und Holz zutage – ein Hinweis auf fortgesetzte Kultivierung, selbst dort, wo Importe zunahmen.
In Pompeji verbrannten Arbeitskräfte Trester – zerdrückte Kerne und Fruchtfleisch, das nach dem Pressen übrig blieb –, und der raucharme Brennstoff sparte Brennholz.
Statt eines abrupten Zusammenbruchs scheinen sich viele Regionen Italiens angepasst zu haben: mit wechselnder Intensität, Unterbrechungen und kleineren Produktionsläufen.
Oliven folgten Gelände und Klima
Olivenbäume kommen mit Trockenheit und kargen Böden zurecht; dadurch liessen sie sich auf Hänge verlagern, auf denen Getreide weniger zuverlässig gedieh.
Anbauer trugen die Kultur über ihr „Wohlfühlgebiet“ hinaus, was Wissen über Schnittzyklen und eine sorgfältige Auswahl widerstandsfähigerer Sorten erforderte.
Manche Pollenkurven steigen stark an und fallen später wieder ab – ein Muster, das zu wechselnden Handelsverbindungen und lokalen Reaktionen auf Klimastress passt.
Da jeder Bohrkern nur ein kleines Gebiet abbildet, konnte ein Tal einen Olivenboom erleben, während ein benachbartes kaum entsprechende Signale zeigt.
Was weiterhin schwer zu belegen ist
Bis heute fällt es der Archäologie schwer, Ölanlagen eindeutig von Weinkellereien zu unterscheiden, weil beide Pressen, Arbeitsflächen und Lagerbecken nutzten.
Viele frühe Produzenten arbeiteten mit Holzrahmen und geflochtenen Matten; zudem wurden später Steinbauteile häufig ausgebaut und in neuen Mauern wiederverwendet.
Dodd betonte, dass Öl auch dort hergestellt worden sein kann, wo bislang keinerlei Mahltechnik geborgen wurde.
Dichtere Routinen bei Bodenproben und Rückstandsanalysen könnten verborgene Produktionszonen kartieren – doch vieles hängt weiterhin von neuen Ausgrabungen ab.
Eine längere Geschichte des Olivenöls
Italiens Olivenölgeschichte erscheint damit als langes Anwachsen: lokale Versuche und schrittweise Verbesserungen, die später den römischen Drang zur Skalierung speisten.
Mit präziseren chemischen Methoden und besserer Umweltbeprobung dürften Archäologinnen und Archäologen genauer festlegen können, wann einzelne Regionen vom Pflegen der Bäume zum systematischen Pressen von Öl übergingen.
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