Spielsteine des alten chinesischen Brettspiels „Go“ wurden vor über tausend Jahren gemeinsam vergraben. Untersuchungen dieser „Go-Steine“ zeigen: Sie bestehen entweder aus Muschelschalenmaterial, aus durch Rauch geschwärztem Ton oder aus sorgfältig bearbeiteter Keramik.
Gerade diese Bandbreite macht aus scheinbar schlichten Spielmarken handfeste Hinweise auf gezielte Materialauswahl, präzise Kontrolle beim Brennen im Ofen und bemerkenswerten technischen Anspruch.
„Go-Steine“ als Depot in einem Grab
Die Stücke stammen aus einem vollständigen Spielset, das in einer hochrangigen Bestattung neben einer einzelnen Person niedergelegt wurde; alle Teile blieben zusammen erhalten.
Auf Grundlage dieses Fundkomplexes dokumentierte Shu Wang von der Northwest University in Xi’an, dass es sich bei dem antiken Brettspiel um „Go“ handelt, ein traditionelles chinesisches Strategiespiel.
Die Sammlung umfasst 72 Spielsteine, die in der Grabkammer nahe dem Kopf des Bestatteten platziert waren: Fan Xiaocun, der zur Zeit der Nördlichen Song-Dynastie (960–1127 n. Chr.) lebte.
Zum Set gehörten weisse Steine, die die schichtartige Struktur von Muschelschale bewahrt hatten, sowie schwarze Steine, in deren Ton Kohlenstoff eingelagert war. Ausserdem fanden sich zwei gemusterte Steine, deren Mineralbestand nur durch Veränderungen erklärbar ist, wie sie unter extremen Ofentemperaturen entstehen.
Diese Gegensätze markieren die technischen Spannweiten der Handwerkskunst der Song-Zeit und eröffnen einen genaueren Blick darauf, wie die einzelnen Steintypen gefertigt wurden und weshalb. Für vertiefende Analysen wählten die Forschenden jeweils einen Stein pro Typ aus.
Weisse Go-Steine aus dem Meer
Perlmuttschimmernde Streifen am weissen Stein lenkten den Verdacht der Forschenden auf Muschelschale als Ausgangsmaterial. Statt körniger Partikel waren an der Oberfläche deutlich gebänderte Lagen zu erkennen.
Elementanalysen ergaben überwiegend Calcium, was zu Aragonit passt – einem Schalenmineral aus Calciumcarbonat, das in vielen Molluskenschalen vorkommt.
Unter dem Mikroskop blieb der typische Perlmutteindruck erhalten, was darauf hindeutet, dass ein Handwerker Muschelschale zugeschnitten und poliert hat, anstatt Gestein abzubauen.
Muschelschale fühlt sich in der Hand glatt und „warm“ an – und sie deutet zugleich auf ein höheres gesellschaftliches Prestige.
Rauch erzeugte die Schwärze
Der schwarze Stein besteht aus Ton. Entscheidend war bei diesem Stück weniger eine Verzierung als vielmehr die Atmosphäre im Inneren des Brennofens.
Indem die Brennkammer abgedichtet und der Sauerstoff knapp gehalten wurde, konnten Handwerker Rauch in den Ton eindringen lassen, sodass sich Kohlenstoff im gesamten Stück ablagerte.
So entstand eine gleichmässige Dunkelfärbung im Material selbst – sie konnte weder abblättern noch verblassen oder sich durch Abrieb „abnutzen“.
Damit halten diese Steine vor allem ein kontrolliertes Brennmilieu fest und nicht eine optische Behandlung, die nur an der Oberfläche aufgetragen worden wäre.
Geschnitzte Go-Steine verlangten heissere Öfen
Gravuren setzten andere Grenzen, denn beim Einritzen von Mustern in weichen Ton drohen die Formen während des Brandes zu verlaufen.
Damit die scharfkantigen Chrysanthemenmotive auf beiden Seiten der gemusterten Stücke erhalten blieben, musste der Keramikkörper rechtzeitig so weit verfestigen, dass er bei steigenden Temperaturen nicht zusammensackt.
Die Mineralumwandlungen im Inneren des keramischen Steins zeigen, dass diese Verfestigung in einen Hochtemperaturbereich hineinreichte, der mit grösserer struktureller Festigkeit verbunden ist.
Hier diente Hitze also der Präzision und nicht der Farbe – eine eigenständige Lösung für das Problem der Haltbarkeit bei Spielobjekten.
Mineralien dienen als Thermometer
Brennvorgänge hinterlassen eine chemische Signatur, weil Mineralien sich bei bestimmten Temperaturen umformen und diese Struktur nach dem Abkühlen beibehalten.
Wird Ton erhitzt, verliert er Wasser und ordnet seine Atome neu; dabei entstehen neue Kristalle, die die maximale Ofentemperatur „einschreiben“.
Materialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler verfolgen solche Mineraländerungen in Keramiken, wodurch Archäologinnen und Archäologen eine Temperaturreferenz erhalten, ohne Artefakte zu zerschneiden.
Diese Vorgehensweise bewahrt seltene Objekte – zugleich bedeutet sie, dass die Hitze nur indirekt erschlossen und nicht unmittelbar gemessen wird.
Das Spiel hinter dem Set
Go stiftete nicht nur Können, sondern auch Status: Mit den Steinen beanspruchen Spielende Territorium und nehmen auf einem Brett mit Rasterlinien gegnerische Steine.
Abwechselnd werden Steine gesetzt, die danach nicht mehr bewegt werden – eine Grundregel, die jede Entscheidung dauerhaft macht.
Über Jahrhunderte in China, Korea und Japan reichten Go-Steine von einfachen Gesteinen bis zu Luxusmaterialien und spiegelten damit wider, wer sich was leisten konnte.
Dass ein Set mit Fan Xiaocun bestattet wurde, legt nahe, dass das Spiel über blosse Freizeit hinaus Bedeutung trug – selbst innerhalb der sorgfältigen Logik eines Grabes.
Werkzeuge, die die Go-Steine schonten
„In most cases, the materials of these artifacts are determined merely through empirical judgment, which lacks accuracy,“ schrieb Wang.
Da das Team die Museumsstücke weder zermahlen noch aufschmelzen durfte, untersuchte es Oberflächen und innere Chemie ohne Beschädigung.
Eine zentrale Prüfung war die Röntgendiffraktometrie: ein Verfahren, das aus Röntgenmustern die Kristallstruktur ausliest und so Hinweise auf die Brenntemperatur liefert.
Elementkartierungen ergänzten die Materialhinweise; doch Erdverfärbungen und Alterungsprozesse können die Signale ohne sorgfältige Reinigung und Vergleichsmessungen weiterhin verwischen.
Go-Steine: vom Handwerk zum Handel
Werkstätten der Song-Dynastie stellten nicht nur Schalen her; in denselben Öfen liessen sich Go-Steine auch in grösseren Serien produzieren.
Formen pressten Muster in feuchten Ton, sodass wiederkehrende Designs eher auf eine Schablone als auf eine ruhige Hand zurückgingen.
Wangs Team stellte fest, dass viele ähnlich gemusterte Steine in öffentlichen Funden auftauchen – passend zu einer Herstellung, die auf standardisierte Ausgabe ausgerichtet war.
Gravierte Stücke verlangten mehr Zeit und Können, weshalb sie vermutlich teurer waren und über engere soziale Kanäle zirkulierten.
Was der Fundkomplex noch verbirgt
Bisher wurde nur ein winziger Teil des Depots beprobt; der restliche Satz könnte daher weitere Überraschungen bereithalten.
In einem Ofen können unterschiedliche Zonen ungleich heiss werden – und diese Ungleichmässigkeit verändert Farbe und Härte sogar innerhalb einer einzigen Charge.
Künftige Arbeiten könnten mehr Go-Steine vergleichen, Tone bestimmten Produktionszentren zuordnen und prüfen, ob gemusterte Stücke im Spiel besondere Rollen hatten.
Trotzdem zeigen die Resultate, wie viel Technik in vertrauten Dingen stecken kann, sobald Archäologinnen und Archäologen sie als Belege lesen.
Go-Steine dokumentieren das Können der Handwerker
Muschelschale, kohlenstoffgeschwärzter Ton und hoch gebrannte Gravuren in ein und derselben Bestattung zeigen, wie gezielt Handwerker Materialien auf Haptik und Erscheinungsbild von Go abstimmten.
Wenn Labore diese zerstörungsfreien Methoden auf weitere Spielsets anwenden, lassen sich Handel, Geschmack und Fertigkeiten über Jahrhunderte hinweg kartieren.
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