Der Klimakrise begegnen wir in vielen Formen: Meeresspiegel steigen, Stürme werden heftiger, und Hitzewellen dauern länger. Das ist den meisten bekannt. Seit Jahren machen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutlich, dass rasche und umfassende Veränderungen nötig sind, wenn die schlimmsten Schäden noch verhindert werden sollen.
Trotzdem kommt Politik oft nur langsam voran. Der Alltag läuft weiter. So wächst die Kluft zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tatsächlich tun. Für manche Menschen wird genau diese Kluft kaum auszuhalten. Sie betrachten den Klimawandel nicht nur als naturwissenschaftliches oder politisches Thema.
Für sie ist er auch eine Frage danach, wie man leben soll, wie Hoffnung möglich bleibt und wie man auf Leid in der Welt reagiert. In diesem Sinn trifft die Klimakrise den Kern dessen, was Menschsein bedeutet. An dieser Stelle setzt die neue Forschung an.
Klimakrise als existenzielle Prüfung
Die Klimakrise ist nicht nur eine materielle, messbare Realität, sondern zugleich eine existenzielle Herausforderung. Sie wirft die Frage auf, wie Menschen in einer Zeit leben, hoffen und handeln können, die von den Folgen des Klimawandels geprägt ist.
„In meiner Forschung zu Klimaaktivistinnen und -aktivisten sehe ich, dass die Verbindung aus Klimawissenschaft und religiösem Glauben für sie besonders fruchtbar sein kann“, sagt die Forscherin Sofia Oreland, die an der Universität Uppsala Theologie untersucht.
„Die Wissenschaft liefert Wissen über das Ausmaß der Krise, während der Glaube Sinn stiftet, Hoffnung für die Zukunft gibt und zum Handeln motiviert.“
Oreland wollte genauer verstehen, welchen Einfluss Glauben auf Klimaaktivismus hat. In ihrer Dissertation untersucht sie, wie religiöse Überzeugungen Menschen ermutigen und orientieren können, während die Gesellschaft sich in Richtung geringerer CO₂-Emissionen bewegt und zugleich mit Klimafolgen umgeht, die heute bereits spürbar sind.
Lange Zeit lag der Schwerpunkt der Forschung vor allem auf Technik und Politik: Solaranlagen, CO₂-Steuern, Elektroautos – alles wichtige Bausteine.
Doch inzwischen stellen mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine andere Frage: Welche Rolle spielen Weltbilder? Welche Werte und Erzählungen prägen unser Handeln? Genau in diesem Feld verortet sich Orelends Arbeit.
Klimaaktivismus über Kontinente hinweg
Die Studie stützt sich auf qualitative Interviews mit 21 glaubensbasierten Klimaaktivistinnen und -aktivisten in Schweden und Südafrika. Zu ihnen gehören Pastorinnen und Pastoren, Priester, Basisaktivistinnen und -aktivisten, Kirchenvorsteher, Lobbyisten sowie Klimastreikende. Die meisten sind Christinnen und Christen.
In Südafrika umfasst die Gruppe ausserdem Musliminnen und Muslime, interreligiöse Aktivistinnen und Aktivisten sowie Angehörige der indigenen Khoisan.
Es handelt sich nicht um Menschen, die ihren Glauben als Privatsache verstehen. Sie treten öffentlich für strengere Klimapolitik ein. Und sie haben intensiv darüber nachgedacht, wie sich ihr Glaube mit ihrem Aktivismus verbindet.
Religiöser Glaube und Klimawissenschaft
Die Dissertation zeigt, dass religiöser Glaube die Klimawissenschaft ergänzen kann. Wissenschaftliche Berichte lösen häufig Angst und Zukunftssorgen aus.
Viele junge Menschen sprechen offen über ihre Klimasorgen. Glaube kann demgegenüber Sinn und Hoffnung anbieten. Er kann helfen weiterzumachen, wenn die Nachrichten düster wirken.
„Die Aktivistinnen und Aktivisten stehen auf einem Fundament der Klimawissenschaft, aber es ist ihr religiöser Glaube, der sowohl existenzielle als auch praktische Werkzeuge im Zeitalter der Klimakrise bereitstellt“, sagt Oreland.
„Hoffnung jenseits der oft düsteren wissenschaftlichen Prognosen sowie Erzählungen von Sinn und Verantwortung machen es möglich, trotz Angst und Ungewissheit weiter zu handeln.“
Wenn Kirchen mit dem Handeln ringen
In Schweden sind mehrere Aktivistinnen und Aktivisten Mitglieder der Schwedischen Kirche oder der Vereinigten Kirche in Schweden. Sie beschreiben eine frustrierende Lücke.
Auf dem Papier nehmen ihre Kirchen den Klimawandel ernst. Theologisch ist die Sorge um die Schöpfung gut begründet. Doch im alltäglichen Gemeindeleben sei es oft schwierig, diese Überzeugungen in konkretes Handeln zu übersetzen.
Diese Diskrepanz führt dazu, dass einige ihren Einsatz eher über säkulare Netzwerke organisieren als über kirchliche Strukturen. Ausserhalb der Gemeinde erleben sie mehr Spielraum, um zu organisieren, zu protestieren und für Veränderungen zu lobbyieren.
Klimaaktivismus wird so zu einem Ort, an dem sie ihren Glauben konsequenter leben können. Er prägt nicht nur Entscheidungen im Lebensstil, sondern auch die Beziehung zur Natur, zu anderen Menschen und zu Gott.
In Südafrika stellt sich die Lage anders dar. Dort verfügen Aktivistinnen und Aktivisten häufig über stärkere historische und organisatorische Rückendeckung.
Der glaubensbasierte Widerstand während der Apartheid hat Netzwerke, Strategien und das Bewusstsein hinterlassen, dass religiöse Gemeinschaften gesellschaftlichen Wandel anstossen können.
Kirchliche Gruppen und Umweltorganisationen eröffnen Kanäle für politische Interessenvertretung. Der Weg ist gewissermassen schon einmal gegangen worden – auch wenn sich das Thema verändert hat.
Glaube und Leid, untrennbar verbunden
Zu den stärksten Ergebnissen der Dissertation gehört der Fokus auf Beziehungen. Aktivistinnen und Aktivisten beschreiben eine spirituelle Verbundenheit mit Gott, mit anderen Menschen, mit der Natur und sogar mit früheren Generationen. Dieses Gefühl von Verbindung gibt ihrem Klimaengagement Richtung und Widerstandskraft.
Weniger entscheidend als konkrete Lehrsätze ist dabei diese gelebte Beziehungserfahrung. Dennoch teilen die Befragten eine gemeinsame Überzeugung: Religiöser Glaube und menschliches Leid lassen sich nicht voneinander trennen. Wenn Menschen Dürre, Überschwemmungen oder Nahrungsmangel erleben, verlangt der Glaube eine Antwort. Glauben heisst handeln.
Diese Vorstellung knüpft an lange Traditionen in verschiedenen Religionen an. Im Christentum betont die Idee der Bewahrung der Schöpfung, dass Menschen Verantwortung für die Erde tragen.
Im Islam hat die Vorstellung, dass Menschen als Hüterinnen und Hüter der Schöpfung eingesetzt sind, ein ähnliches Gewicht. Indigene Traditionen heben häufig die tiefe Bindung zwischen Menschen und Land hervor.
Orelends Forschung macht sichtbar, wie solche Überzeugungen den Schritt aus Predigten und heiligen Texten heraus in Demonstrationen, Sitzungen und politische Debatten schaffen.
Den Glauben finden, um weiterzumachen
Der Klimawandel kann überwältigend wirken. Diagramme und Projektionen häufen sich. Politische Auseinandersetzungen ziehen sich hin. Für diese Aktivistinnen und Aktivisten ersetzt Glaube die Wissenschaft nicht – er steht an ihrer Seite.
Wissenschaft beschreibt, was geschieht und wie schnell. Glaube beantwortet, warum es zählt – und wie man dranbleibt.
In einer Zeit, in der viele sich blockiert fühlen, könnte diese Verbindung eine der stillen Kräfte sein, die Klimahandeln vorantreibt.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen