Cannabis ist heute sichtbarer, gesellschaftlich stärker akzeptiert und zudem deutlich potenter als noch vor einer Generation. Für viele Jugendliche wirkt der Konsum deshalb fast normal – teils sogar alltäglich.
Eine groß angelegte neue Untersuchung des Instituts für öffentliche Gesundheit, die fast eine halbe Million Teenager bis ins Erwachsenenalter begleitete, deutet jedoch darauf hin, dass die Gefahren ernster sein könnten, als es vielen Familien bewusst ist.
Die Forschenden stellten fest: Jugendliche, die angaben, Cannabis zu konsumieren, erhielten in den darauffolgenden Jahren deutlich häufiger eine Diagnose für schwere psychische Erkrankungen.
Am klarsten zeigte sich das Muster bei psychotischen Störungen und bipolaren Störungen – hier lag das Risiko ungefähr doppelt so hoch wie bei Jugendlichen, die keinen Cannabiskonsum angaben.
Der Cannabiskonsum wurde zuerst dokumentiert
Für die Studie wurden knapp 463,000 Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren begleitet; ihre Gesundheitsakten wurden bis ins junge Erwachsenenalter ausgewertet – bis maximal zum 26. Lebensjahr. Grundlage waren Daten aus routinemäßigen kinder- und jugendärztlichen Vorsorge- und Behandlungsterminen, die zwischen 2016 und 2023 erfasst wurden.
In den meisten Fällen tauchte der Cannabiskonsum zuerst in den Akten auf. Die Diagnosen psychischer Erkrankungen folgten im Schnitt rund zwei Jahre später – meist nach 1.7 bis 2.3 Jahren.
Diese zeitliche Abfolge ist entscheidend: Sie belegt nicht, dass Cannabis diese Erkrankungen unmittelbar verursacht. Wenn jedoch ein Muster wiederholt zuerst auftritt und das andere danach, lässt sich der Zusammenhang schwerer als bloßer Zufall abtun.
Auch gelegentlicher Konsum war relevant
Ein zentraler Unterschied zu vielen früheren Studien: Hier standen nicht nur starke Konsumentinnen und Konsumenten oder Jugendliche mit einer diagnostizierten Cannabisgebrauchsstörung im Fokus.
Untersucht wurde vielmehr jeder selbst angegebene Cannabiskonsum innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Damit bildet die Analyse genau jene Konsumform ab, die unter Jugendlichen vergleichsweise häufig vorkommt.
Es geht also nicht nur um eine kleine Gruppe, die täglich sehr große Mengen konsumiert. Schon ein breiter gefasster, selbst berichteter Konsum war mit einem erhöhten Risiko verbunden.
Das Risiko geht über Abhängigkeit hinaus
Selbst nachdem frühere psychische Belastungen sowie der Konsum anderer Substanzen berücksichtigt wurden, blieb ein klarer Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum in der Jugend und einem deutlich höheren Risiko für psychotische und bipolare Störungen bestehen.
„Diese Studie fügt sich in die wachsende Evidenz ein, dass Cannabiskonsum während der Adoleszenz potenziell schädliche, langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben könnte“, sagte die Hauptautorin Kelly Young-Wolff, leitende Forschungswissenschaftlerin im Forschungsbereich von Kaiser Permanente.
„Es ist zwingend notwendig, dass Eltern und ihre Kinder genaue, vertrauenswürdige und evidenzbasierte Informationen über die Risiken des Cannabiskonsums im Jugendalter haben.“
Cannabis ist heute stärker
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Wirkstoffstärke. Cannabisprodukte enthalten heute häufig deutlich mehr THC als noch vor einigen Jahrzehnten.
In Kalifornien liegen die durchschnittlichen THC-Gehalte von Cannabisblüten beispielsweise bei über 20 Prozent, und Konzentrate können Werte von mehr als 95 Prozent erreichen.
Diese Entwicklung sorgt bei einigen Fachleuten im Bereich der öffentlichen Gesundheit für Unbehagen – besonders mit Blick auf Jugendliche, deren Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet.
Fachleute fordern strengere Schutzmaßnahmen
Für manche Expertinnen und Experten ist die höhere Potenz nicht nur ein Marktphänomen, sondern ein deutliches Warnsignal.
„Da Cannabis potenter wird und aggressiver vermarktet wird, ist Cannabiskonsum bei Jugendlichen mit dem doppelten Risiko für neu auftretende psychotische und bipolare Störungen verbunden – zwei der schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen“, sagte die Mitautorin der Studie Lynn Silver, Programmdirektorin von „Von Anfang an richtig“, einem Programm des Instituts für öffentliche Gesundheit.
„Die Evidenz deutet zunehmend darauf hin, dass dringend eine Reaktion der öffentlichen Gesundheit nötig ist – eine, die die Produktpotenz senkt, Prävention priorisiert, die Exposition von Jugendlichen sowie Marketing begrenzt und Cannabiskonsum im Jugendalter als ernstes Gesundheitsproblem behandelt.“
Das ist eine deutliche Wortwahl. Die Botschaft dahinter ist jedoch klar: Die heutige Cannabisrealität unterscheidet sich von früher, während politische Regelungen nicht zwangsläufig mit dem wissenschaftlichen Stand Schritt gehalten haben.
Wer ist am stärksten betroffen?
Die Untersuchung zeigte außerdem: Cannabiskonsum war häufiger bei Jugendlichen, die über Medicaid versichert waren, sowie bei Jugendlichen aus sozioökonomisch stärker benachteiligten Wohngegenden.
Das wirft eine beunruhigende Frage auf: Wenn Cannabis weiter kommerzialisiert wird und der Zugang insgesamt leichter wird, könnten die Folgen für die psychische Gesundheit gerade in ohnehin vulnerablen Gemeinschaften besonders stark ins Gewicht fallen.
Ungleichheiten in der psychischen Gesundheit sind bereits ein großes Problem. Sollte Cannabiskonsum diese Last zusätzlich erhöhen, ist das nicht nur eine individuelle Gesundheitsfrage, sondern auch ein Thema für die öffentliche Gesundheit.
Ehrliche Gespräche sind wichtig
Wichtig ist, die Ergebnisse nicht zu überziehen: Die meisten Jugendlichen, die Cannabis konsumieren, entwickeln später weder eine Psychose noch eine bipolare Störung. Dennoch scheint das Risiko im Vergleich zu Jugendlichen ohne Cannabiskonsum spürbar erhöht zu sein.
Die Adoleszenz ist eine empfindliche Phase der Gehirnentwicklung. Das bedeutet nicht, dass ein einmaliger Kontakt das Gehirn dauerhaft „umprogrammiert“. Es heißt aber, dass das Gehirn in dieser Zeit für bestimmte Effekte anfälliger sein kann.
Was diese Studie zusätzlich liefert, sind Umfang und zeitliche Einordnung: fast eine halbe Million Jugendliche, Versorgungsdaten aus dem Alltag – und der Cannabiskonsum tauchte typischerweise einige Jahre vor schwerwiegenden Diagnosen auf.
Für Eltern und Jugendliche dürfte das bedeuten, offener miteinander zu sprechen – nicht angstgetrieben, sondern gut informiert. Cannabis ist nicht automatisch verheerend. Es wirkt jedoch auch nicht unbedenklich, besonders nicht in der Jugend.
Gerade bei schweren Krankheitsbildern wie Psychosen und bipolaren Störungen ist selbst eine Verdopplung des Risikos etwas, das Forschende nach eigener Aussage nicht ignorieren sollten.
Die Studie wurde in der Zeitschrift JAMA Health Forum veröffentlicht.
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