Ein einziges ungewöhnlich warmes Jahr kann die Gesundheit arktischer Tiere spürbar beeinträchtigen. Eine neue Studie zeigt, dass arktische Ringelrobben einer doppelten Belastung ausgesetzt sind: ernährungsbedingter Stress durch klimatische Veränderungen und zugleich eine Anreicherung schädlicher Schadstoffe im Körper.
Die von der Simon Fraser University geleitete Untersuchung legt nahe, dass wärmere Bedingungen ihre Ernährung durcheinanderbringen können – und es den Tieren gleichzeitig erschweren, giftige Chemikalien abzubauen bzw. auszuscheiden.
Parallel dazu machen steigende Temperaturen und schwindendes Meereis es den Robben schwerer, ausreichend gesundes Futter zu finden.
Dieser doppelte Druck könnte nicht nur die Ringelrobben selbst gefährden, sondern auch das gesamte arktische Ökosystem sowie die Menschen, die davon abhängig sind.
Warum Ringelrobben wichtig sind
Arktische Ringelrobben übernehmen eine zentrale Funktion im nördlichen Nahrungsnetz. Sie fressen kleine Meerestiere und Fische.
Grössere Räuber – etwa Eisbären – jagen Ringelrobben als Beute. Auch Inuit-Gemeinschaften sind auf Ringelrobben angewiesen, sowohl für die Ernährungssicherheit als auch für kulturelle Traditionen.
„Ringed seals are a crucial link between invertebrates, fish and apex predators, and they are a cornerstone of northern food systems,“ sagte die leitende Studienautorin Tanya Brown.
„We’ve found that warmer conditions can change what they feed on, which changes their contaminant exposure, and that can affect their overall health and survival.“
Wenn Ringelrobben gesundheitlich unter Druck geraten, können sich die Folgen entlang der gesamten arktischen Nahrungskette fortpflanzen.
Ein genauerer Blick auf die Gesundheit der Robben
Das Team untersuchte 38 arktische Ringelrobben aus der Saglek Bay und nahegelegenen Fjorden in Nordlabrador. Zwischen 2009 und 2011 entnahmen die Forschenden Blut-, Speck- (Blubber-) und Leberproben.
Die Saglek Bay gilt als Schwerpunktgebiet für polychlorierte Biphenyle (PCBs). Diese giftigen Chemikalien stammen aus einer militärischen Radarstation aus der Zeit des Kalten Krieges in der Region.
Zusätzlich testeten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Quecksilber, DDTs und Chlordan. DDTs sind synthetische Insektizide. Chlordan wurde früher als Termitenbekämpfungsmittel eingesetzt.
Viele dieser Stoffe sind weltweit inzwischen verboten, bleiben jedoch über Jahrzehnte in der Umwelt bestehen.
Die Leberproben zeigten in allen drei Jahren hohe Werte von PCBs, Quecksilber, DDTs und Chlordan. Diese Chemikalien können oxidativen Stress auslösen.
Oxidativer Stress schädigt Zellen und steht mit Entzündungen, einer geschwächten Immunabwehr, langfristigen Erkrankungen sowie Fortpflanzungsproblemen in Verbindung.
Anzeichen von Mangelernährung in einem warmen Jahr
Besonders auffällig war das Jahr 2010. In diesem Zeitraum lagen die Meeresoberflächentemperaturen 5,5 Grad Celsius über dem Normalwert. Gleichzeitig war die Ausdehnung des arktischen Meereises gering.
Blut- und Blubberproben aus dem Jahr 2010 zeigten eindeutige Hinweise auf Mangelernährung. Die Robben wiesen niedrigere Werte an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren auf, die für die Gesundheit wichtig sind. Der Anteil gesättigter Fette stieg an. Zudem wurden die Blubberschichten dünner.
Blubber ist nicht nur Körperfett: Er dient als Energiespeicher und hilft Robben, im eiskalten Wasser warm zu bleiben. Eine dünnere Blubberschicht bedeutet weniger Schutz vor Kälte und geringere Energiereserven.
„We saw that just one year of unusually warm temperatures and reduced ice is enough to change what these seals are eating and how their bodies process nutrients,“ sagte Anaïs Remili, Postdoktorandin und Erstautorin der Studie.
Wärmeres Wasser hat vermutlich verändert, welche Fischarten und sonstige Beutetiere verfügbar waren. Diese Verschiebung in der Nahrung verringerte den Zugang zu nährstoffreicher Beute.
Wie sich Schadstoffe anreichern
Viele der in den Robben nachgewiesenen schädlichen Chemikalien sind persistente Schadstoffe – also Substanzen, die sich nur sehr langsam abbauen. Über Luft- und Meeresströmungen können sie über weite Strecken transportiert werden, sogar bis in abgelegene arktische Gebiete.
Zudem sind diese Stoffe lipophil, also „fettliebend“. Meeressäuger lagern sie im Blubber ein.
Solange Robben über einen dicken, gesunden Blubber verfügen, bleibt ein grosser Teil der Belastung im Fettgewebe gebunden. Problematisch wird es, wenn die Tiere Gewicht verlieren.
„Thinner, nutritionally stressed seals redistribute the contaminants they had stored in their blubber back into the bloodstream, which then circulates through their entire system,“ sagte Remili.
„Even though our 2011 samples showed the seals generally rebounded from the malnutrition, we know that any future nutritional stress may compound the impacts of longer-term damage from oxidative stress.“
Einfach ausgedrückt: Wenn Robben in schwierigen Phasen Fettreserven verbrennen, gelangen die darin gespeicherten Gifte zurück ins Blut. Dadurch werden schädliche Chemikalien im Körper verteilt – auch in lebenswichtige Organe.
Klimawandel könnte die Lage verschärfen
Der Klimawandel verändert die Arktis bereits deutlich. Meereis verschwindet schneller als früher. Die Ozeane werden wärmer, und marine Nahrungsnetze geraten in Bewegung.
Wenn Eis schmilzt und sich das Wasser erwärmt, müssen Robben womöglich weitere Strecken zurücklegen oder tiefer tauchen, um Nahrung zu finden. Veränderungen in den Meeresströmungen könnten ausserdem mehr globale Schadstoffe in arktische Gewässer tragen.
Gemeinden entlang der Labrador-Küste äussern seit Jahren Bedenken, wie sich Erwärmung und Belastung durch Schadstoffe sowohl auf Wildtiere als auch auf die menschliche Gesundheit auswirken. Ringelrobben sind ein zentraler Bestandteil der Inuit-Ernährungssysteme und der Kultur.
„Healthy seal populations are essential for food security and cultural continuity,“ merkte Brown an.
Um arktische Ökosysteme zu schützen, braucht es entschlossenes Handeln beim Klimaschutz und strengere Kontrollen persistenter globaler Schadstoffe. Ringelrobben fungieren als Wächter des Nordens: Sie spiegeln den Zustand von Wasser, Eis und den Nahrungsnetzen wider, von denen sie abhängig sind.
Verschlechtert sich ihre Gesundheit, ist das ein Signal für Stress im gesamten arktischen System – mit Folgen, die sich durch Wildtierbestände, Gemeinschaften und das weitere Klima fortsetzen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen