In einer abgelegenen Festung an der einstigen Grenze des Römischen Reiches haben Spuren von fossilisiertem Abwasser soeben eine unangenehme Seite des Militäralltags offengelegt.
Archäologinnen und Archäologen wussten schon lange viel über Waffen, Mauern und römische Strategien in Britannien. Was dagegen fast niemand zu sehen bekam, war das Geschehen in den Latrinen. Eine mikroskopische Untersuchung des Abwassersystems des Kastells Vindolanda südlich des Hadrianswalls zeigt nun: Soldaten – und ihre Familien – lebten vor rund 1.800 Jahren mit einer erheblichen Belastung durch Darmparasiten.
Die Festung, in der Abwasser zum historischen Archiv wurde
Vindolanda war ein römisches Kastell, strategisch in der Nähe des Hadrianswalls im Norden des heutigen England gelegen. Dort lebten Soldaten, die die Reichsgrenze überwachen sollten, aber ebenso Frauen, Kinder und Zivilpersonen, die den militärischen Alltag begleiteten.
2019 entnahm ein Team der Universitäten Cambridge, Oxford und der University of British Columbia 58 Sedimentproben aus dem Hauptabflusskanal der Latrinenanlage des Kastells, die ins 3. Jahrhundert n. Chr. datiert. Die Konstruktion lag neben einem Thermenkomplex, der über ein Aquädukt gespeist wurde, und verfügte über ein für die Zeit als fortschrittlich geltendes Entwässerungssystem.
Die am Boden des Abflusses abgelagerten Sedimente, die fast zwei Jahrtausende erhalten blieben, wirken wie eine Art „Blackbox“ für den Gesundheitszustand dieser Gemeinschaft. In ihnen stecken mikroskopische Fäkalreste, Nahrungsfragmente, Wurmeier und Spuren von Mikroorganismen.
In den Schlammschichten der Latrinen fanden Forschende etwas, das antike Texte selten berichten: die stille Wirkung von Darmerkrankungen im römischen Alltag.
Was die Mikroskope sichtbar machten
Im Labor wurden die Proben aufbereitet und unter dem Mikroskop gezielt nach Eiern von Helminthen – also Darmwürmern – durchsucht. Da Protozoen keine sichtbaren Eier hinterlassen, nutzte das Team für deren Nachweis einen immunologischen Test namens ELISA (Enzymimmunoassay).
Die Befunde waren auffällig:
- Eier von Ascaris (menschlicher Spulwurm) in 22% der Proben;
- Eier von Trichuris (als Peitschenwurm bekannt) in 4% der Proben;
- ein Fall, in dem beide Wurmtypen gleichzeitig vorkamen;
- gesicherter Nachweis von Giardia duodenalis, einem Protozoon, das Giardiasis auslöst.
Dabei handelt es sich um den ersten archäologisch bestätigten Giardia-Nachweis im römischen Britannien. Dass drei Parasiten mit demselben Übertragungsweg zusammen auftreten, lässt kaum Zweifel zu: Das Umfeld der Latrinen sowie das Wasser für den täglichen Gebrauch waren großflächig mit menschlichen Fäkalien verunreinigt.
Selbst mit Aquädukten, Thermen und Entwässerungskanälen konnte römische Technik den Parasitenkreislauf, der über Wasser und Nahrung lief, nicht durchbrechen.
Drei Parasiten, ein gemeinsamer Ansteckungsweg
Alle drei nachgewiesenen Organismen nutzen denselben klassischen Mechanismus: die fäkal-orale Übertragung. Das bedeutet, Eier oder Zysten, die mit dem Stuhl infizierter Personen ausgeschieden werden, gelangen in Wasser, Lebensmittel oder auf Oberflächen – und werden anschließend von anderen Menschen aufgenommen.
Ascaris: der hartnäckige Spulwurm
Ascaris lumbricoides ist ein Spulwurm, der im menschlichen Darm mehrere Dutzend Zentimeter lang werden kann. Ein einziges Weibchen legt bis zu 200.000 Eier pro Tag. In feuchter Erde können diese Eier über Jahre überleben.
Nach dem Verschlucken schlüpfen sie im Dünndarm, können im Körper wandern und unter anderem verursachen:
- wiederkehrende Bauchschmerzen;
- Veränderungen des Appetits;
- Mangelernährung bei starken Infektionen;
- in Extremfällen einen Darmverschluss.
Trichuris: schleichend und chronisch
Trichuris trichiura, der Peitschenwurm, produziert weniger Eier, ist aber keineswegs harmlos. Er siedelt vor allem im Dickdarm. Infektionen verlaufen häufig chronisch und unauffällig, mit Symptomen wie:
- anhaltender Erschöpfung;
- zunehmender Blutarmut;
- intermittierendem Durchfall;
- Wachstumsverzögerungen bei Kindern.
Giardia: der Hinweis auf verunreinigtes Wasser
Giardia duodenalis ist ein einzelliger Protozoon und gilt als Indikator für kontaminiertes Wasser. Seine Zysten sind widerstandsfähig und werden leicht über Quellen, Flüsse und Speicherbecken verbreitet.
In Vindolanda dürfte sich Giardiasis wahrscheinlich gezeigt haben als:
- wässriger Durchfall;
- Blähungen und ein aufgeblähter Bauch;
- wiederkehrende Krämpfe;
- Gewichtsverlust und eine beeinträchtigte Nährstoffaufnahme.
Gemeinsam im selben Abwassersystem sprechen Ascaris, Trichuris und Giardia für eine dauerhafte Exposition – nicht für einzelne, voneinander getrennte Ausbrüche.
Wie Soldaten lebten, umgeben von Würmern
Archäologische Funde machen deutlich, dass Vindolanda nicht bloß eine Männerunterkunft war. Kindersandalen, Frauenschmuck und Haushaltsgegenstände belegen, dass Familien innerhalb oder unmittelbar rund um das Kastell präsent waren.
Rechtlich durften römische Soldaten während des Dienstes nicht offiziell heiraten. Faktisch lebten viele mit Partnerinnen und Kindern zusammen. Diese „Familienrealität“ spiegelt sich in den berühmten Holztafeln vom Fundort, in denen um Lebensmittel und Kleidung gebeten wird und Einladungen zu Festen auftauchen.
Unter beengten Bedingungen, mit viel Betrieb in öffentlichen Bädern, gemeinschaftlichen Latrinen und Zonen zur Lebensmittelzubereitung fanden Parasiten ideale Voraussetzungen, um ständig weitergegeben zu werden. Besonders Kinder, deren Immunsystem noch nicht voll entwickelt war, traf es stärker.
| Betroffene Gruppe | Hauptrisiken | Wahrscheinliche Folgen in Vindolanda |
|---|---|---|
| Kinder | Dehydrierung, Wachstumsverzögerung, kognitive Defizite | höhere Anfälligkeit für wiederholte Infektionen |
| Erwachsene Soldaten | Bauchschmerzen, Müdigkeit, Leistungsabfall | vorübergehender Rückgang der Kampf- und Arbeitsfähigkeit |
| Frauen und Zivilpersonen | Blutarmut, chronische Verdauungsprobleme | allgemeine Schwächung der Gesundheit in der Gemeinschaft |
Wie viele Personen exakt infiziert waren, lässt sich nicht mehr sicher rekonstruieren. In einigen Bereichen wurden jedoch bis zu 787 Trichuris-Eier pro Gramm Sediment gemessen. Vergleichsdaten deuten darauf hin, dass zwischen 10% und 40% der Bevölkerung des Römischen Reiches irgendwann von Darmwürmern betroffen gewesen sein könnten.
Ein Problem, das weit über Vindolanda hinausging
Vindolanda steht nicht allein. Untersuchungen anderer römischer Militärstandorte – etwa Carnuntum (heute Österreich), Viminacium (Serbien) und Bearsden (Schottland) – zeigen ein ähnliches Muster: Ascaris und Trichuris treten dort ebenfalls konstant auf.
Auffällig ist, dass komplexere Parasiten wie Bandwürmer und bestimmte „Saugwürmer“ (Trematoden) in solchen militärischen Kontexten kaum nachweisbar sind. Das spricht dafür, dass die Lebensweise in Garnisonen bestimmte Infektionswege besonders begünstigte – vor allem solche, die mit Wasser und einer unzureichenden Handhabung menschlicher Fäkalien zusammenhängen.
Ein weiterer wichtiger Befund: In Vindolanda fanden sich keine typisch zoonotischen Parasiten, also solche, die von Tieren auf Menschen übergehen. Obwohl Schweine gehalten und verzehrt wurden – was solche Übertragungen begünstigen könnte –, scheint die Verunreinigung überwiegend menschlichen Ursprungs gewesen zu sein.
Die Festung wirkte nach außen wie ein Symbol von Ordnung und Disziplin – doch hygienisch lauerte das Risiko im Inneren: in der eigenen Gemeinschaft und ihren Abfällen.
Warum römische Ingenieurskunst Hygiene nicht garantierte
Die Römer sind für Aquädukte, Badeanlagen und Entwässerung berühmt. Auf dem Papier müsste das mehr Gesundheit bedeuten. Vindolanda zeigt jedoch, dass die Rechnung nicht so geradlinig aufging.
Mehrere Faktoren dürften die dauerhafte Präsenz der Parasiten begünstigt haben:
- geringe Distanz zwischen Latrinen, Badebereich und Wasserstellen;
- Wiederverwendung von Wasser für verschiedene Zwecke ohne ausreichende Aufbereitung;
- Böden mit hohem Grundwasserspiegel, die das Einsickern von Abwasser begünstigten;
- begrenzte Reinigung ohne Kenntnis wirksamer Desinfektionsmittel;
- uneinheitliche Handhygiene.
So konnten ausgerechnet die Anlagen, die Abfälle bündeln und ableiten sollten, in niedriger Dosis Eier und Zysten über große Bereiche verteilen – und den Infektionskreislauf über Jahre stabil halten.
Was diese Funde heute für die öffentliche Gesundheit bedeuten
Auch wenn das Thema historisch wirkt, ist Vindolanda hochaktuell: In vielen Regionen der Welt ist die Sanitärversorgung bis heute unzureichend. Ascaris, Trichuris und Giardia kommen weiterhin in zahlreichen Ländern vor, auch in Brasilien, insbesondere dort, wo Abwasser offen abfließt oder Trinkwasser nicht aufbereitet ist.
Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit unterstreicht die Studie, dass Infrastruktur allein das Problem nicht löst. Erforderlich ist eine Kombination aus:
- geeigneten Systemen zur Sammlung und Behandlung von Abwasser;
- wirklich sicherem Trinkwasser, das regelmäßig getestet wird;
- Hygieneaufklärung, besonders für Kinder;
- regelmäßigen Entwurmungsprogrammen in Risikogebieten.
Ein Begriff, der in dieser Forschung häufig auftaucht, ist Paläoparasitologie. Gemeint ist die Untersuchung von Parasiten in alten Kontexten – anhand mikroskopischer Spuren, die in Sedimenten, Mumien, Koprolithen (fossilisierten Fäkalien) und sogar in Latrinenstaub erhalten bleiben. Das Fachgebiet hilft, die Geschichte von Krankheiten nachzuzeichnen, die bis heute zirkulieren – wie eine medizinische Langzeitakte der Menschheit.
Überträgt man Vindolanda gedanklich in die Gegenwart, entspräche das einem Viertel mit Kanalisation und Leitungswasser, in dem jedoch illegale Anschlüsse, Lecks und schlecht abgedichtete Gruben den umliegenden Boden verunreinigen. Die Infrastruktur ist vorhanden, arbeitet aber nur halb – und schafft Raum für hartnäckige Wurminfektionen. Der Unterschied: An der Grenze des Imperiums gab es weder Antibiotika noch Stuhltests noch Kampagnen der öffentlichen Gesundheit.
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