Zum Inhalt springen

ORION 26: Charles de Gaulle verlegt für Grossübung in den Atlantik

Zwei graue Kriegsschiffe fahren auf ruhiger See, an Deck stehen mehrere Soldaten in bunter Kleidung.

Die französische Marine hat ihr Flaggschiff, den atomgetriebenen Flugzeugträger Charles de Gaulle, ohne viel Aufsehen in den Atlantik verlegt – für ein mehrmonatiges Kriegsspiel. Geprobt wird, wie Frankreich und seine Verbündeten einen grossen, modernen Krieg vor Europas Haustür führen würden – und wie sie ihn langfristig durchhalten.

Frankreichs Flaggschiff fährt für ein riskantes Manöver nach Westen

Am 5. Februar 2026 bestätigte die französische Marine, dass die Trägerkampfgruppe um die Charles de Gaulle das Mittelmeer verlassen und sich im Atlantik neu positioniert hat. Der Schritt erfolgt im Rahmen von ORION 26, der grössten gemeinsamen und verbündeten Hochintensitätsübung des Landes.

Vorausgegangen war das Auslaufen aus dem Heimathafen Toulon am 27. Januar. Nach einer ersten Trainingsphase im Mittelmeer ist der Verband nun Teil eines operativen Manövers auf nationaler Ebene, das sich über französisches Territorium, den Luftraum, angrenzende Seegebiete, den Cyberraum und sogar Weltraumfähigkeiten erstreckt.

„ORION 26 ist darauf ausgelegt zu proben, wie Frankreich eine multinationale Koalition in einem grossen konventionellen Konflikt auf europäischem Boden führen und durchhalten würde.“

Der Atlantik ist in diesem Szenario ein Schlüsselraum: als Hauptbühne für See-, Luft- und amphibische Operationen sowie für den Schutz von Verstärkungsrouten aus Nordamerika und von weiteren europäischen Partnern.

Ein Blick in ORION 26: ein erfundener Krieg mit sehr realen Anklängen

ORION 26 stützt sich auf eine fiktive Lage, die für europäische Sicherheitsplaner unangenehm vertraut wirkt.

Im Szenario versucht ein expansionistischer Staat namens Mercure, den Nachbarn Arnland zu dominieren und dessen Weg in Richtung EU-Beitritt zu blockieren. Über das Jahr 2025 hinweg wird Mercure dabei mit hybriden Mitteln dargestellt: Informationsdruck im Netz, politische Einschüchterung und Unterstützung bewaffneter Milizen, die innerhalb Arnlands operieren.

Schliesslich kippt die Lage in einen offenen Krieg.

Am 6. Januar 2026 übernimmt Frankreich auf Arnlands Bitte hin die politische und militärische Führung einer Koalition, die zur Verteidigung der Souveränität des kleineren Staates eingreift. Damit beginnen die militärischen Phasen von ORION 26, die mehrere Eskalationsstufen abbilden sollen:

  • Reibung unterhalb der Kriegsschwelle und hybride Aktionen
  • Eskalation und Scheitern der Abschreckung
  • Hochintensiver konventioneller Krieg

Französische und verbündete Kräfte müssen gleichzeitig an Land, zur See, in der Luft, im Cyberraum und im Weltraum wirken. Zum Drehbuch gehören auch zivile Elemente – darunter Druck auf kritische Infrastruktur, öffentliche Dienste und die nationale Resilienz.

„Die Übung spiegelt bewusst aktuelle Muster in Osteuropa wider, ohne ein reales Land zu benennen, damit die Planung zugleich realistisch und politisch handhabbar bleibt.“

Umfang der Übung: Generalprobe für einen Kampf auf NATO-Niveau

ORION 26 läuft vom 8. Februar bis 30. April 2026. 24 Länder nehmen teil und stellen insgesamt rund 10,000 Angehörige in mehreren Regionen Frankreichs sowie in dessen maritimen Annäherungsräumen.

Eingesetzte Kräfte an Land, zur See und in der Luft

Die Kräfteansätze machen deutlich, dass es sich nicht um eine Routineübung handelt:

  • 1 Trägerkampfgruppe mit Schwerpunkt Charles de Gaulle
  • 2 amphibische Hubschrauberträger
  • 25 grosse Überwasserkampfschiffe
  • 50 Kampfflugzeuge mit Starrflügel
  • 1 Korps-Hauptquartier des Heeres mit Führung von 3 gemischten Brigaden (combined arms)
  • Rund 2,150 taktische Fahrzeuge
  • 40 Hubschrauber und etwa 1,200 Kampf- und Spezialdrohnen
  • 2 MALE-Drohnen (medium-altitude long-endurance)
  • 6 bodengebundene Luftverteidigungssysteme
  • 20 Weltraumsensoren, eingebunden in das Weltraum-Führungsnetz SparteX 2026

Cyber-Operationen ziehen sich durch die gesamte Übung und verknüpfen simulierte wie auch realitätsnahe Vorfälle mit Ergebnissen auf dem Gefechtsfeld. Französische Cyberkräfte trainieren sowohl die Abwehr von Netzangriffen als auch kontrollierte offensive oder Einflussoperationen.

Vier miteinander verknüpfte Phasen von ORION 26

Phase Schwerpunkt
O.1 Operative Planung und Übersetzung politischer Ziele in eine streitkräftegemeinsame Kampagne unter französischer Führung
O.2 Verlegung der Koalition und Eintritt in einen umkämpften Einsatzraum, einschliesslich früher Gefechte hoher Intensität
O.3 Interministerielles Kriegsspiel zur Resilienz der Heimatfront, zum Zivilschutz und zur Aufrechterhaltung staatlicher Kernfunktionen
O.4 Einbindung französischer Kräfte in eine NATO-Kommandostruktur und Probe von Entscheidungen auf Bündnisebene

Die Anlage setzt auf Durchhaltefähigkeit statt auf kurze, isolierte Übungsmodule. Führungskräfte müssen Logistikströme am Laufen halten, Kampfkraft regenerieren und grosse Verbände über Wochen hinweg fortlaufend koordinieren.

„Französische Hauptquartiere werden in eine Rolle versetzt, die einem NATO Joint Force Command ähnelt – und damit unter realem Druck auf ihre Fähigkeit getestet, einen Koalitionskampf zu führen.“

Die Atlantik-Mission der Trägerkampfgruppe Charles de Gaulle

In diesem Rahmen bildet die Trägerkampfgruppe um die Charles de Gaulle einen zentralen Baustein der maritimen Gesamtlage. Zu ihren Aufgaben während ORION 26 zählen die Luftverteidigung des Verbandes, U-Boot-Jagd, Schläge über grosse Entfernungen sowie Luftnahunterstützung für Landkräfte.

Bevor der Verband in den Atlantik drehte, absolvierte er im Mittelmeer eine anspruchsvolle Serie von Übungen, darunter:

  • Luftverteidigungsübungen mit Jets der französischen Luft- und Weltraumstreitkräfte sowie mit Flugzeugen der Marine
  • Training in der U-Boot- und Überwasserkriegführung gegen simulierte Bedrohungen
  • Versorgung auf See mit dem italienischen Zerstörer Andrea Doria
  • Cross-Deck-Hubschrauberoperation, bei der ein italienischer SH-90 auf dem französischen Träger landete

Solche Abläufe sind weniger spektakulär als Kampfbilder, aber entscheidend: Sie schärfen Verfahren, Funkdisziplin und die menschliche Seite der Interoperabilität zwischen Marinen.

Welche Schiffe und Luftfahrzeuge gehören zum Verband?

Die französische Marine hat die vollständige Zusammensetzung nicht veröffentlicht. Als Einheiten, die am 27. Januar von Toulon aus gemeldet wurden, gelten jedoch:

  • Flugzeugträger Charles de Gaulle
  • Luftverteidigungsfregatte Alsace
  • Zerstörer der Horizon-Klasse Chevalier Paul
  • Italienischer Zerstörer Andrea Doria
  • Versorgungsschiff Jacques Chevallier
  • Ein atomgetriebenes Jagd-U-Boot (Eskorte, nicht namentlich genannt)

Dieses Paket verbindet Luftverteidigung, U-Boot-Abdeckung und logistische Unterstützung. An Bord betreibt der Träger rund 20 Kampfjets Rafale Marine, die im Übungsszenario Aufgaben wie Luftraumüberwachung, Begleitschutz und Präzisionsschläge übernehmen.

„Für viele NATO-Planer ist die Charles de Gaulle eine seltene europäische Fähigkeit: ein CATOBAR-Träger, der schwere, voll bewaffnete Jets per Katapult starten kann.“

Charles de Gaulle: technisches Rückgrat französischer Machtprojektion

Die Charles de Gaulle wurde 2001 in Dienst gestellt und ist weiterhin Frankreichs einziger atomgetriebener Flugzeugträger.

Zu den wichtigsten Kenndaten gehören:

  • Verdrängung (voll beladen): etwa 42,500 tonnes
  • Länge: 261.5 metres
  • Breite des Flugdecks: 64.4 metres
  • Tiefgang bei Volllast: rund 9.5 metres
  • Antrieb: zwei Druckwasserreaktoren vom Typ K15, die zwei Wellen antreiben
  • Höchstgeschwindigkeit: etwa 27 knots
  • Kapazität der Luftgruppe: bis zu 40 Luftfahrzeuge (Rafale Marine, E-2C Hawkeye und Hubschrauber)

Das Schiff nutzt ein CATOBAR-System – Katapultstart mit Fangseil-Landung – mit zwei 75‑metre-Dampfkatapulten und Fangdrähten. Damit können voll beladene Jäger und Frühwarnflugzeuge starten, was ausserhalb der US-Marine weiterhin selten ist.

Zur Selbstverteidigung gehören Aster 15-Flugabwehrraketen, Mistral-Kurzstreckenraketen aus Sadral-Startern, ferngesteuerte Narwhal-20-mm-Geschütze sowie ein elektronisches Kampfführungspaket, eingebunden in das Gefechtsführungssystem SENIT 8. Besatzung und Luftgruppe zusammen können rund 2,000 Personen umfassen.

Im Einsatz hat der Träger bereits Kampfeinsätze über Afghanistan, Libyen, Irak und Syrien absolviert – und damit französischen Führungskräften praktische Erfahrung in der Steuerung komplexer Luftoperationen von See aus verschafft.

Warum ORION 26 für NATO und europäische Verteidigung wichtig ist

ORION 26 trägt zwar kein NATO-Label, doch die Architektur ist offensichtlich auf das Bündnis hin gedacht. Indem Frankreich seine Stäbe in die Rolle der Koalitionsführung bringt, sendet Paris das Signal, im Krisenfall ein echtes operatives Rückgrat stellen zu können.

Zugleich belastet die Übung genau jene praktischen Faktoren, die selten Schlagzeilen machen: Munitionsbestände, Wartungsrhythmen, Treibstoffversorgung auf See und die politischen Reibungen geteilter Führung. Diese Schwachstellen entscheiden oft darüber, ob eine Koalitionskampagne nach den ersten Wochen trägt – oder ins Stocken gerät.

„Für Verbündete, die aus London, Washington oder Warschau beobachten, ist ORION 26 ein lebendes Labor dafür, wie eine europäisch geführte Reaktion auf eine schwere Krise tatsächlich funktionieren könnte.“

Schlüsselbegriffe und Konzepte hinter der Übung

Mehrere im Zusammenhang mit ORION 26 verwendete Begriffe verdienen eine Einordnung:

  • Hochintensiver Krieg: Kampf gegen einen leistungsfähigen staatlichen Gegner mit moderner Luftverteidigung, elektronischer Kampfführung, weitreichenden Raketen und grossen Landstreitkräften. Verluste, Munitionsverbrauch und Materialverschleiss liegen deutlich höher als in Aufstandsbekämpfungsoperationen.
  • Hybride Aktionen: Methoden zwischen Frieden und offenem Krieg, etwa Cyberangriffe auf Infrastruktur, Desinformationskampagnen, verdeckte Unterstützung von Milizen oder gezielter wirtschaftlicher Druck.
  • Multi-Domain-Operationen: abgestimmtes Handeln über Land, See, Luft, Cyber und Weltraum hinweg, bei dem Ereignisse in einem Bereich (z. B. ein Cyberangriff) die Wirkung in einem anderen (z. B. die Wirksamkeit der Luftverteidigung) beeinflussen.

Die realistische Simulation dieser Aspekte zwingt Streitkräfte dazu, Gewohnheiten aus kleineren Einsätzen abzulegen. So müssen Besatzungen in der Luft etwa davon ausgehen, dass Kommunikation gestört werden kann, GPS-Signale manipuliert werden oder Stützpunkte durch weitreichende Raketen bedroht sind.

Übungen dieser Grössenordnung bergen allerdings ebenfalls Risiken: hohe Kosten, spürbare Belastung des Geräts und die Möglichkeit, dass Beobachter oder Rivalen militärische Signale falsch deuten. Gleichzeitig verschaffen sie politischen Entscheidungsträgern einen klareren Blick darauf, was die eigenen Kräfte tatsächlich leisten können, falls Abschreckung scheitert – und wo Investitionen oder Verstärkung durch Verbündete erforderlich wären.


Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen