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Neue Analyse: INNA‑Komplex für grünen Wasserstoff und grünes Ammoniak bedrohte Paranal in Nordchile

Person mit Fernglas blickt auf Teleskope und Windräder in einer nächtlichen Wüstenlandschaft.

Eine neue Analyse zeigt: Ein geplanter Industriekomplex für grünen Wasserstoff und grünes Ammoniak im Norden Chiles hätte einem der dunkelsten Teleskopstandorte der Erde zusätzliches Licht, Vibrationen und Staub gebracht.

Diese Einflüsse hätten es den dortigen leistungsstarken Observatorien erschwert, sehr lichtschwache Objekte aufzuspüren und scharfe Aufnahmen zu gewinnen – mit spürbaren Einschränkungen dessen, was Astronominnen und Astronomen hätten entdecken können.

Paranal unter Druck

Auf einem Wüstenrücken im Norden Chiles liegt die Beobachtungsplattform von Paranal nur rund 26 Kilometer vom geplanten INNA-Industrieenergiekomplex entfernt – einem Großprojekt zur Herstellung von grünem Wasserstoff und grünem Ammoniak.

Aus dieser Nähe heraus berechnete die Europäische Südsternwarte (ESO), wie sich Beleuchtung, Windkraftanlagen und Staub auf die benachbarten Teleskope auswirken würden.

Im März 2025 kam die ESO zu dem Ergebnis, dass die Projektentwickler diese gebündelten Auswirkungen am vorgesehenen Standort nicht ausreichend hätten mindern können.

Denn sobald zusätzliches Licht, Erschütterungen oder Staub in das Gesamtsystem gelangen, lassen sie sich im Nachhinein nicht einfach „herausfiltern“ – entscheidend ist daher die Vermeidung.

Wie ein dunkler Himmel funktioniert

In einer Rangliste von 28 großen Observatorien stellte der Bericht fest, dass nur sechs unter weniger als 1% künstlicher Aufhellung lagen. Den Ausgangswert bilden das natürliche Leuchten von Mond und hoher Atmosphäre, während Lichtverschmutzung diesen Grundpegel anhebt.

Bei 1% Verunreinigung stammt demnach jedes hundertste Himmelsphoton aus Städten – und ein Teleskop kann diese Photonen nicht von den natürlichen unterscheiden.

Ein Schwerpunkt der Einstufung lag auf dem V-Band, einem in der Astronomie üblichen grünen Standardfilter, weil sich künstliche Aufhellung dort besonders deutlich zeigt.

Die kumulative Lichtwirkung

Bis 2024 zeigten die Modelle der ESO, dass die künstliche Himmelshelligkeit seit 2012 bereits auf das Drei- bis nahezu Vierfache gestiegen war.

Selbst Lichtquellen in 50 bis 100 Kilometern Entfernung trugen demnach über der Wüste noch verstreute Photonen bei.

Mit optimal ausgelegten Leuchten hätte INNA die künstliche Aufhellung zusätzlich um 5% bis 55% erhöht – und sogar um bis zu 269%, falls die Beleuchtung um den Faktor fünf heller ausgefallen wäre.

Bei dünnen Cirruswolken, die etwa 13% der Beobachtungszeit abdecken, prognostizierte der Bericht, dass die INNA-Beleuchtung 1,5- bis 2,8-mal heller erscheinen könnte.

Windturbinen und Präzision

Insgesamt 70 Windturbinen veranlassten die ESO, Bodenerschütterungen als Risiko für Präzisionsbeobachtungen am Paranal und am nahegelegenen Gipfel Armazones zu markieren.

Besonders kritisch sind Vibrationen für ein Interferometer – ein System, das Licht mehrerer, räumlich getrennter Teleskope zusammenführt –, weil Zeitfehler feinste Details verwischen.

Im Windpark-Szenario des Berichts hätten die Anlagen die Vibrationsgrenzwerte voraussichtlich sowohl für das Very Large Telescope Interferometer als auch für das 39-Meter-Extremely Large Telescope überschritten.

Da das System optische Strahlen in Echtzeit kombiniert, lässt sich eine instabile Basis später nicht per Datenverarbeitung „reparieren“ – wodurch weniger Nächte für die höchste Auflösung geeignet wären.

Nachläufe machen die Luft unruhiger

Die Auswirkungen eines Windparks enden nicht am Zaun: Nachläufe wurden in 55 bis 100 Kilometern Entfernung in Windrichtung nachgewiesen.

Diese bewegte Luft kann das Seeing verschlechtern – also die Unschärfe, die Astronominnen und Astronomen im Sternlicht messen –, indem Sternabbildungen auf Detektoren stärker auseinanderlaufen.

Unter guten Bedingungen stieg die geschätzte Turbulenz um 17% bei 0,5 Bogensekunden und um 43% bei 0,3, wodurch typische Phasen in Richtung 0,4 bis 0,6 verschoben würden.

Zusätzliche Turbulenz könnte zudem durch Wärme über den INNA-Solarpaneelen entstehen, weil Luft, die rund drei Grad Celsius wärmer ist, eher aufsteigt und sich stärker durchmischt.

Staub trifft die Optik

Während der Bauphase von INNA erwartete die ESO, dass die Konzentration luftgetragener Partikel um etwa 75% bei gröberem Staub und um 73% bei feinerem Staub zunehmen würde.

Staub schadet Teleskopen, wenn Partikel an Spiegeln haften bleiben und so die Reflexionsfähigkeit senken – also den Anteil des Lichts, den eine Oberfläche zurückwirft.

Für Paranal verknüpfte der Bericht diese Zusatzbelastung mit einem Verlust von etwa 2,5% beim Lichtdurchsatz sowie mit 2% mehr Ausfallzeit durch Reinigung.

Am stärksten wäre der Standort des Cherenkov Telescope Array Observatory South betroffen gewesen, weil dessen Spiegel nicht vollständig gegen Staub eingehaust sind.

Nähe bestimmt die Wirkung

Selbst kleinere Änderungen am Design hätten das Grundproblem nicht beseitigt, weil INNA den Observatoriumsrücken schlicht zu nahe gekommen wäre.

Der Abstand ist entscheidend, da sich Licht in der Luft streut und Vibrationen durch Gestein ausbreiten – beides wird erst deutlich schwächer, wenn die Quellen weiter entfernt liegen.

Zugleich schrieb die ESO, dass kleinere Anpassungen an der Beleuchtung nahe Armazones die Verunreinigung beim Extremely Large Telescope wieder in die Nähe von 1% bringen könnten.

Ohne Verlegung, so das Fazit, wären die verbleibenden Auswirkungen dennoch erheblich gewesen – womit die Standortwahl zu einer politischen Frage wird.

Ein Projekt wird fallen gelassen

In einer ESO-Mitteilung vom Februar 2026 hieß es, AES Andes werde sich aus INNA zurückziehen und den Schwerpunkt auf sein Erneuerbaren-Portfolio legen.

Der chilenische Umweltprüfdienst musste die Formalitäten zwar noch abschließen, doch die ESO rechnete damit, dass der baldige Rückzug die Annullierung offiziell machen würde.

„Wenn die Stornierung bestätigt ist, werden wir erleichtert sein, dass der INNA-Industriekomplex nicht in der Nähe von Paranal gebaut wird“, sagte Xavier Barcons, Generaldirektor der ESO.

Das Ende des Projekts verschaffte den Teleskopen die beste Chance, die bisherigen Bedingungen zu bewahren – selbst wenn die regionale Entwicklung weiterhin zusätzliche Lichtquellen mit sich bringt.

Regeln für gemeinsam genutzte Wüsten

INNA machte zudem sichtbar, wie schnell ein besonderer Standort an Wert verlieren kann, wenn Planer Dunkelheit und Ruhe wie kostenlose Ressourcen behandeln.

Der Schutz von Observatorien bedeutet, Außenbeleuchtung zu kontrollieren, Staub zu begrenzen und große Turbinen so weit entfernt zu platzieren, dass ihre Nachläufe abklingen.

Barcons betonte, dass Projekte für grüne Energie mit Observatorien koexistieren können, wenn bei der Planung genügend Abstand zwischen Industriestandorten und Teleskopen eingehalten wird.

Klare Schutzregeln würden verhindern, dass künftige Energievorhaben denselben Konflikt wiederholen – insbesondere, während Chile seine Kapazitäten für erneuerbare Energien ausbaut.

Den Himmel klar halten

Die INNA-Analyse lieferte konkrete Zahlen zu Risiken, die oft abstrakt klingen, und ordnete jedes davon direkt einem Verlust an Beobachtungsleistung zu.

Künftige Prüfungen können dieselben Schwellenwerte nutzen, um frühzeitig Pufferabstände festzulegen – bevor Anlagen gebaut sind und anschließend schwierige Entscheidungen anstehen.

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